ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2003Collegium Augustianum Gaesdonck: Traditionen wurden überdacht

VARIA: Bildung und Erziehung

Collegium Augustianum Gaesdonck: Traditionen wurden überdacht

Dtsch Arztebl 2003; 100(17): A-1148 / B-964

Bühring, Petra

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Die Tradition der Abiturientenkacheln im Kreuzgang ist für die Schülerinnen neu. Foto: Collegium Augustianum Gaesdonck
Die Tradition der Abiturientenkacheln im Kreuzgang ist für die Schülerinnen neu. Foto: Collegium Augustianum Gaesdonck
Das bischöfliche Gymnasium mit Internat, Gaesdonck, nimmt seit 150 Jahren erstmals auch Mädchen auf.

So viel Aufmerksamkeit der Presse gab es „auf der Gaesdonck“ lange nicht. Sogar Fernsehteams sind in Goch am Niederrhein gewesen, um zu filmen, was in anderen Schulen ganz normal ist. Erstmals seit mehr als 150 Jahren nimmt das Collegium Augustianum Gaesdonck, ein Bischöfliches Gymnasium mit Internat, seit diesem Schuljahr auch Mädchen auf. „Es war Zeit, die Traditionen zu überdenken“, erklärt Schulleiter August Coenen die Entscheidung des Bistums Münster. Für Mädchen gab es am Niederrhein kein katholisches Gymnasium, das nächste ist in Münster. Auch die Bitten der Eltern, die sich wünschten, dass nicht nur ihre Söhne von der guten Infrastruktur der Gaesdonck profitieren mögen, hätten dazu beigetragen, berichtet der Oberstudiendirektor. 96 Mädchen – insgesamt besuchen rund 600 Schüler Gymnasium, Tagesinternat und Internat – wurden inzwischen aufgenommen, und für das nächste Schuljahr „ist die Nachfrage groß“, sagt Coenen.
„Wir können uns gut gegen die Jungs durchsetzen“, meint Friederike. Zusammen mit vier Mitschülerinnen besucht sie die 9a. Überhaupt sei alles viel normaler verlaufen, als beispielsweise die Presse erwartet hatte, bekräftigen die fünf Mädchen. „Die Jungen haben uns nett aufgenommen“, erzählt Teresa. Für einen Schulwechsel entschieden haben sich die fünf in erster Linie wegen des guten Rufs der Schule, einige haben auch Brüder hier. „Die Lehrer sind engagierter“, sagt Friederike, „nicht so gelangweilt wie an meiner alten Schule“. Eine Privatschule kann sich die Lehrer aussuchen, und an der Gaesdonck ist das Lehrerkollegium zudem recht jung. Begeistert sind die Mädchen auch von dem Angebot an Aktivitäten nach der Schule. Theater-AGs, Tanzkurse, der Segelkurs und der Reitstall gegenüber der Schule sind besonders beliebt. Inga jedenfalls würde nochmal auf eine reine Jungenschule gehen, auch wenn die Jungs hier in Bezug auf das andere Geschlecht „etwas zurückgeblieben“ seien, doch das findet sie eher amüsant. Ebenso wie die freiwillige Tradition der Jungen, einmal in der Woche einen „Anzugtag“ einzulegen.
Doch die Jungen der Gaesdonck wirken nicht hinterwäldlerisch, wie sie an den Tischen des „Internetcafe´s“ sitzen. Sie sind modisch gekleidet und beobachten neugierig, wie der für Öffentlichkeitsarbeit zuständige Lehrer Rüdiger Göbel der Journalistin die Schule zeigt. Der katholische Kontext der Schule drückt sich darin aus, dass Religionsunterricht und der Besuch der Messe verpflichtend sind. „Die Kinder werden im Sinne eines christlichen Menschenbildes erzogen“, sagt Göbel. Auch hat die Schule einen eigenen Seelsorger, den Spiritual Karl Rieger, von allen nur „Spiri“ genannt. Der bietet auch Freizeitkurse an.
Auf dem Gelände der Schule befindet sich die Klosteranlage des Augustinerordens aus dem 14. Jahrhundert, in der die Zimmer der Mittelstufenschüler zum Beispiel im „Haus Kapitol“, „Haus Montecasino“ oder „Haus Orbis“ untergebracht sind. Im Kreuzgang des Klosters verewigen sich die Abiturienten mit Namen auf Kacheln. Darunter finden sich viele Priester. Diejenigen, die es zum Bischof schaffen, erhalten ein eigenes Fenster mit Bleiverglasung, so zum Beispiel Dr. theol. Franz Kamphaus, Abiturient von 1953 und seit 1982 Bischof von Limburg. Ob er seinen Widerspruchsgeist auf der Gaesdonck erwarb? Zur Erinnerung: Kamphaus widersprach als Einziger der Entscheidung des Papstes, Schwangerenkonfliktberatung aus kirchlichen Einrichtungen zu verbannen. „Die Gaesdonck fördert sicherlich eigenständiges Denken“, sagt der Schulleiter.
Anknüpfend an christliche Traditionen, wird für die Schüler der 11. Jahrgangsstufe ein „Sozialpraktikum“ durchgeführt. Die Schüler arbeiten drei Wochen in einem Krankenhaus, Altenheim, im mobilen Sozialdienst, einer Behinderteneinrichung oder Kindergarten im Kreis Kleve. „Im Unterschied zum üblichen Betriebspraktikum können die Schüler im sozialen Bereich auch richtig mithelfen, nicht nur jemandem über die Schulter schauen“, sagt Rüdiger Göbel, der die Praktika betreut. Viele gingen skeptisch an die Sache heran, sagt er, „und sind nachher angenehm überrascht“. Das Sozialpraktikum ist nicht nur eine Vorbereitung auf das Berufsleben, es hilft den Jugendlichen, auch sich selbst besser kennen zu lernen. „Es ist eine gute Erfahrung zu wissen, dass ich solchen Situationen gewachsen bin“, schreibt Andreas im Bericht über ein Praktikum im Altenpflegeheim, „durch diese Erfahrung kann ich meine Grenzen neu festlegen“. Für Simon ist die Berufswahl klarer geworden: „Ich habe jetzt schon mal einen kleinen Einblick in die Arbeit im Krankenhaus. Das hat meinen Wunsch, Arzt zu werden, bekräftigt.“
Vor rund vier Jahren hat sich die Gaesdonck dem
Thema der Hochbegabtenförderung angenommen. „Die besonders Begabten verkümmern oft“, sagt Wolfgang Winter, Spezialist für Begabtenförderung an der Schule. In Kooperation mit dem Zentrum für Begabungsforschung der niederländischen Universität Nijmegen (30 km entfernt), die „auf der Gaesdonck“ eine Beratungsstelle für Begabungsförderung unterhält, engagiert sich Winter vor allem in der Lehrerfortbildung. Die Lehrer sollen lernen, wie man Hochbegabte erkennt und sie fördert. Problematisch seien die so genannten Underachiever, die trotz Hochbegabung im Unterricht versagen. Ist die Hochbegabung einmal erkannt, bietet die Gaesdonck viele Möglichkeiten, die Wissensdurstigen zu versorgen. Petra Bühring


Informationen:
Collegium Augustianum Gaesdonck, Gaesdoncker Straße 220, 47574 Goch, Telefon: 0 28 23/96 10, Fax: 0 28 23/96 11 30
E-Mail: poststelle @gaesdonck.de
Internet: www.gaesdonck.de
Die Kosten für die Unterbringung im Internat bewegen sich zwischen 256 und 972 Euro monatlich, abhängig vom Einkommen der Eltern.
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