ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2003Schulprojekt „Verrückt? Na und!“: Ermutigende Ergebnisse

VARIA: Bildung und Erziehung

Schulprojekt „Verrückt? Na und!“: Ermutigende Ergebnisse

Dtsch Arztebl 2003; 100(17): A-1151 / B-967

Bühring, Petra

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Ohne Berührungsängste: Sven Ramos berichtet den Schülern von seiner Erkrankung. Foto: Irrsinnig Menschlich e.V.
Ohne Berührungsängste: Sven Ramos berichtet den Schülern von seiner Erkrankung. Foto: Irrsinnig Menschlich e.V.
Das Anti-Stigma-Projekt ermöglicht durch die direkte Begegnung zwischen Jugendlichen und psychisch Kranken, Vorurteile abzubauen.

Das scheinbar Unbegreifliche für Jugendliche fassbarer machen – das will das Schulprojekt „Verrückt? Na und!“ des Leipziger Vereins für Öffentlichkeitsarbeit in der Psychiatrie „Irrsinnig Menschlich e.V.“. Kern des Projekts ist die direkte Begegnung zwischen Jugendlichen und psychisch Kranken. Schüler und Lehrer beschäftigen sich nicht nur abstrakt mit dem Thema.
Psychiatrie-Erfahrene, deren Angehörige und Therapeuten lassen sie an ihrer Sicht der Dinge teilnehmen. Bei dem Konzept wurden Erfahrungen aus Kanada und Österreich genutzt: Als dort Ärzte und Psychologen an Schulen über psychische Erkrankungen aufklären wollten, verstärkten sich die Ängste der Schüler. Dagegen reagierten sie positiv auf die persönlichen Erfahrungsberichte Betroffener. Durch die Begegnung lernen die Jugendlichen, dass es zwischen ihnen und psychisch Kranken mehr Verbindendes als Trennendes gibt. Wie zum Beispiel die 15-jährige Sonja: „Die waren total normal, hören dieselbe Musik, haben die gleichen Poster an der Wand, die gleichen Klamotten an.“
„Verrückt? Na und!“ richtet sich an 14- bis 20-jährige
Jugendliche an Realschulen, Gymnasien und Berufsschulen. Seit Februar 2001 haben 750 Schüler an 25 Schulen hauptsächlich in Sachsen an dem Projekt teilgenommen. Inzwischen gehen bei Irrsinnig Menschlich e.V. jede Woche mehrere Anfragen von interessierten Schulen aus dem gesamten Bundesgebiet und dem deutschsprachigen Ausland ein. Der Verein setzt sich seit seiner Gründung im Frühjahr 2000 für die Entstigmatisierung psychisch Kranker ein. Gegründet wurde er auf Initiative des Psychiaters Prof. Dr. Mathias C. Angermeyer und der Soziologin Beate Schulze von der Universität Leipzig. Die Projekte des Vereins sind in das weltweite Anti-Stigma-Programm eingebunden, das die World Psychiatric Association 1996 in rund 80 Ländern ins Leben gerufen hat. Davon, dass das Schulprojekt langfristig Vorurteile abbauen kann, war auch das Pharmaunternehmen Lilly überzeugt, das „Verrückt? Na und!“ 2001 mit dem „Lilly Schizophrenia Awards“ auszeichnete – 24 Projekte hatten sich um den Preis beworben.
Die Vorgehensweise des Projekts ist einfach. Zunächst werden die Jugendlichen, in Gruppen von 15 bis 20 Schülern, für das Thema sensibilisiert und setzen sich mit ihrem Selbstbild und ihren Lebenszielen auseinander. Wer bin ich, was ist die menschliche Psyche, was sind die Belastungen, die einen Menschen aus der Bahn werfen können? Dabei werden Grundkenntnisse über psychische Erkrankungen vermittelt. In einem zweiten Schritt überlegen die Schüler gemeinsam, welche Vorstellungen sie von psychisch Kranken haben und woher diese stammen. Sie lernen, ihre Einstellungen kritisch zu hinterfragen. Zuletzt kommt es zur Begegnung mit Menschen, die eine psychische Krankheit durchgemacht haben. Die Begegnung kann vertieft werden durch einen Besuch in einer psychiatrischen Klinik. Manuela Richter-Werling von Irrsinnig Menschlich e.V. ist immer wieder überrascht, „wie interessiert und lebensklug die Jugendlichen sind, gleich an welcher Schule wir unsere Aktion durchführen“.
Die Ergebnisse der ersten wissenschaftlichen Evaluation des Projekts sind vielversprechend. 120 Schüler wurden vor und nach dem Projekt nach ihrer Einstellung gegenüber Menschen mit Schizophrenie befragt. Bereits vorher zeigten die befragten Schüler eine positivere Einstellung zu psychischen Erkrankungen, als aus der erwachsenen Allgemeinbevölkerung bekannt ist. Doch es gab auch Vorurteile: So meinte die Mehrheit der Jugendlichen vor dem Projekt, es würde ihnen Angst machen, sich mit jemandem zu unterhalten, der Schizophrenie hat. Danach waren diese Schüler fast ausnahmslos bereit, den Kontakt aufzunehmen.
Eine der wichtigsten Ursachen für die Stigmatisierung psychisch Kranker liegt darin, dass schon die Erwähnung des Wortes Schizophrenie bei vielen negative Assoziationen auslöst. Auch hierbei hat das Schulprojekt eine notwendige Korrektur bewirkt: Vorher dachten die Jugendlichen bei dem Begriff Schizophrenie häufig an eine „geistige Behinderung“ und schätzten die Betroffenen als „schwachsinnig“ ein. Danach beurteilten sie die Betroffenen eher als „missverstandene Menschen“, deren Erkrankung jeden treffen kann.
Aufgrund der großen Resonanz aus ganz Deuschland will der Verein Irrsinnig Menschlich ein bundesweites Netzwerk von betroffenen und engagierten Menschen aufbauen, die „Verrückt? Na und!“ vor Ort an Schulen durchführen – Interessierte werden gesucht. Auch finanzielle Hilfen sind willkommen, da sich das Schulprojekt nur durch Spenden finanziert. Petra Bühring


Informationen:
Irrsinnig Menschlich e.V. – Verein für Öffentlichkeitsarbeit in der
Psychiatrie. Dr. Manuela Richter-Werling, Johannisallee 20, 04317 Leipzig, Telefon/Fax: 03 41/ 2 22 89 90
E-Mail: info@irrsinnig-menschlich. de;
Internet: www.irrsinnig-menschlich.de
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