ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2003Neue Allianz: Evidence based Medicine und private Kran­ken­ver­siche­rung

VARIA: GOÄ-Ratgeber

Neue Allianz: Evidence based Medicine und private Kran­ken­ver­siche­rung

Dtsch Arztebl 2003; 100(17): A-1153 / B-969 / C-905

Klakow-Franck, Regina

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LNSLNS Was in der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) an Krankenbehandlung angeboten wird, muss ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich sein. Dies sicherzustellen ist die Aufgabe der Bundesausschüsse der Ärzte und Krankenkassen beziehungsweise des Ausschusses Krankenhaus nach Sozialgesetzbuch V. Vor dem Hintergrund der Kosten- und Qualitätsdebatte ist die Messlatte für die Prüfung neuer Untersuchungs- und Behandlungsmethoden neu definiert worden: „Wissenschaftliche Anerkennung“ allein reicht nicht aus; der belegbare Nachweis des therapeutischen Nutzens durch klinische Studien ist gefordert. Was neu zulasten der Solidargemeinschaft erbracht werden darf, muss seit dem GKV-Gesundheitsreformgesetz 2000 den Kriterien der evidenzbasierten Medizin genügen.
Auf diesen Zug versucht nun auch die private Kran­ken­ver­siche­rung (PKV) aufzuspringen.
Die medizinische Notwendigkeit verschiedener Therapien, wie zum Beispiel der medizinischen Trainingstherapie, wird angezweifelt, weil sie angeblich „den Kriterien der evidenzbasierten Medizin nicht standhalten“ (vgl. PKV-Publik 3/2002). Eine kühne Behauptung – doch worauf gründet sie sich? Während im GKV-Sektor zahlreiche Experten damit beschäftigt sind, sich im Auftrag der gesetzlich verankerten Entscheidungsgremien auf die Suche nach der „best evidence“ für eine neue Untersuchungs- oder Behandlungsmethode zu begeben, neigt die PKV zur Spontaneität. Während Anerkennung oder Ausschluss neuer Untersuchungs- und Behandlungsmethoden im GKV-Bereich von der Bestätigung durch das Bundesministerium für Gesundheit und Soziale Sicherung abhängig ist und bei Disease-Management-Programmen zusätzlich einer strengen Zulassungskontrolle durch das Bundesversicherungsamt unterliegt, macht der Marktführer DKV (jetzt Mitglied der Ergo-Versicherungsgruppe) mal eben alles selber.
Nach dem „Abrechnungsbetrug“ entdecken private Kran­ken­ver­siche­rungen die Unter-, Über- und Fehlversorgungsdiskussion für sich und wittern Indikationsschwindel. Die Gründung eigener Gesundheitszentren mit eigenen Ärzten sollen die Fehlanreize „für Mengenausweitungen und damit zu unnötigen Untersuchungen (z. B. Röntgenaufnahmen)“ beseitigen. Während die Schulmedizin und die kostenträchtige Apparatemedizin auf Sparflamme köcheln sollen, sucht die DKV auf der anderen Seite jedoch gezielt Ärzte mit Zusatzbezeichnungen wie Naturheilverfahren für ihre Gesundheitszentren, wohl wissend – wie auch das Beispiel der schweizerischen Health Maintenance Organizations lehrt –, dass man ohne diese Verlockungen mit einem restriktiven Primärarztmodell im Kampf um den umworbenen Privatpatienten nicht wird bestehen können.
Werden aber an die in der Patientengunst hoch stehenden Gesundheitsdienstleistungsprodukte der Komplementärmedizin dieselben wissenschaftlichen Parameter angelegt, wie dies mit Verve von der DKV und vom PKV-Verband bei den schulmedizinischen Methoden und insbesondere bei der Pharmakotherapie gefordert wird? Wohl eher nicht. Ehrlicherweise sollten solche Konzepte dann aber nicht als medizinisches Qualitätsmanagement verkauft werden, sondern als Sparprogramm mit Lifestylekomponente.
Dr. med. Regina Klakow-Franck
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