ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2003Privatkliniken: Unverzügliche Budgetverhandlungen

POLITIK

Privatkliniken: Unverzügliche Budgetverhandlungen

Dtsch Arztebl 2003; 100(18): A-1167 / B-981 / C-917

Clade, Harald

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
K. Heinrich Rehfeld
K. Heinrich Rehfeld
Der Bundesverband Deutscher Privatkrankenanstalten hat anlässlich
seines Jahreskongresses in Potsdam befristete Öffnungsklauseln vorgeschlagen.

Die Privatkrankenanstalten nehmen die Herausforderungen einer Umstellung des bisherigen Finanzierungsmischsystems auf ein mehr leistungsorientiertes, diagnosebezogenes Fallpauschalensystem (Diagnosis Related Groups; DRGs) offensiv und getreu den Vorgaben des Fallpauschalengesetzes an. Allerdings sei eine Anpassung der Budgets dringend notwendig. Es sei erforderlich, dass künftig die Leistungen in Akutkrankenhäusern kostengerecht abgebildet werden. Zielführend sei es, durch den Beschluss des Vermittlungsausschusses zwischen Bundestag und Bundesrat neben den psychiatrischen Kliniken und Krankenhäusern, deren Leistungen noch nicht im DRG-System abgebildet werden können, auch jene Krankenhäuser von der „Nullrunde“ auszunehmen, die sich in der Nachmeldefrist bis zum 31. Dezember 2002 für den Systemwechsel entschieden haben.
Während des Jahreskongresses des Bundesverbandes der Privatkrankenanstalten e.V. am 10./11. April in Potsdam verlangte deren Hauptgeschäftsführer Georg Westphal, dass die Budgetverhandlungen mit den Krankenkassen unverzüglich aufgenommen und die Vorgaben für die grundlohnorientierte Erhöhung der Budgets umgesetzt werden. Falls sich die Krankenkassen verweigerten und auf Zeit spielten, gehe dies zulasten der Patientenversorgung und der Behandlungsqualität.
Aus der Sicht der Privatkrankenanstalten ist die vorgesehene Erhöhung der Budgets dringend erforderlich. Die Herausnahme sämtlicher „Optionskrankenhäuser“ (rund 950) aus der sonst geltenden „Nullrunde“ sei notwendig, weil die ursprünglich geltende Entscheidungsfrist (31. Oktober 2002) viele Krankenhäuser bei der Ermittlung ihrer wirtschaftlichen Situation überfordert habe. Die Krankenkassenverbände befürchten indes ein „Verhandlungs- und Abrechnungschaos“. Kliniken und Krankenkassen werden sich darüber streiten, in welchen Fällen Ausnahmen in der „Nullrunde“ gemacht und Zuschläge vereinbart werden sollen, so Karl-Heinz Schönbach vom BKK-Bundesverband, Essen.
Der Privatkrankenanstalten-Bundesverband befürwortet die im Fallpauschalengesetz vorgesehenen Öffnungsklauseln. Diese müssten aber streng befristet werden, um nicht in das längst abgeschaffte Selbstkostendeckungssystem (seit 1992/1995) zurückzufallen. Alle Beteiligten auf Selbstverwaltungsebene müssten im Zusammenspiel mit dem Bundesgesetzgeber dazu beitragen, dass das Änderungsgesetz zum Fallpauschalengesetz – wie geplant – am 1. Juli 2003 in Kraft treten kann.
Die Privatkrankenanstalten prognostizieren infolge der Systemumstellung auf Diagnosis Related Groups und Festpreispauschalen eine spürbare Verlagerung von Leistungen und Kosten aus dem Akutsektor zulasten der medizinischen Rehabilitation. Falls dies zutreffen sollte, müsse das Geld konsequent der Leistung folgen. Die Rehakliniken und -einrichtungen müssten personell vor allem im Sektor Pflege – auch in qualitativer Hinsicht – aufrüsten. Dies könne aber nicht mit dem bisherigen Reservoir und den knappen Ressourcen bewerkstelligt werden.
Einen dringenden politischen Handlungsbedarf sieht der (wiedergewählte) Präsident des Privatkrankenanstalten-Bundesverbandes, K. Heinrich Rehfeld, Berlin, wenn die politische Wunschvorstellung durchgesetzt werden sollte, eine durchgehende, transparente und qualitätsgesicherte Behandlungskette vom ambulanten Sektor bis hin zur Rehabilitation zu schaffen. Einen „Verschiebebahnhof“ allein zulasten der Rehabilitation infolge des neuen Finanzierungs- und Abrechnungssystems könnten die Privatkliniken nicht tolerieren. Falls die Politik untätig bleibe, wäre der Bereich der medizinischen Rehabilitation inzwischen der einzige Leistungsbereich ohne geregeltes Preissystem. In einer Übergangsphase und bis zur Festlegung eines eigenständigen Vergütungssystems im Bereich der medizinischen Rehabilitation schlägt der Verband ein spezielles Klassifikationssystem vor, das sich – im Gegensatz zum Akutkrankenhausbereich – im Sektor der Rehabilitation nach dem Schweregrad, der Beeinträchtigung, dem Zustand und dem Pflegeaufwand sowie der Teilhabestörung des Rehabilitanden im Sinne der International Classification of Health and Functions (ICF) orientieren müsse. Solange ein solches System noch nicht praxisgerecht implementierbar sei, sollte in einer befristeten Übergangszeit eine vertragliche Regelung auf der Basis von § 21 Sozialgesetzbuch IX (SGB IX) verankert werden, fordert der Verband.
Wilfried Gleitze Fotos: Hans-Georg Gaul
Wilfried Gleitze Fotos: Hans-Georg Gaul
Rehabilitation:
Vergütung qualitätsgerecht
Eine qualitätsorientierte Vergütung als Grundlage einer qualitätsgerechten Rehabilitation sieht auch der 1. Direktor der Landesversicherungsanstalt Westfalen, Wilfried Gleitze, Münster, der die Möglichkeit einer analogen Übertragung des im Akutsektor geltenden DRG-Systems auf Reha-Einrichtungen kritisch beurteilte.
Für den Direktor der Landesversicherungsanstalt bedeutet dies: Abkehr von jedweden Kostenerstattungsstrategien, stattdessen Ausrichtung auf ein marktpreisgesteuertes System mit allen sich daraus ergebenden Konsequenzen. Die Rehabilitationsexperten halten eine öffentliche Ausschreibung von Reha-Leistungen auch europaweit künftig für unverzichtbar. Dabei müsse der Inhalt der Reha-Leistungen definiert werden, damit auch leistungsstarke Anbieter unter Vertrag genommen werden können. Nachgeordnet sei das Problem, in welchen Zeitabständen solche Ausschreibungen und in welcher Weise erfolgen sollten.
Nachhaltig unterstreicht Gleitze eine Feststellung des Sachverständigenrates der Konzertierten Aktion im Gesundheitswesen in seinem Jahresgutachten 2000/2001. Danach ist die medizinische Rehabilitation entscheidend für eine effektive und effiziente Behandlung sowie eine berufliche Wiedereingliederung chronisch Kranker. Die Rehabilitation eröffne Chancen für eine umfassende multidimensionale Versorgung von chronisch kranken und behinderten Menschen. Die Aktualisierung, Zusammenfassung und Neukodifizierung des gesamten Rehabilitations- und Behindertenrechts im SGB IX per 1. Juli 2001 sei ein wesentlicher Schritt in diese Richtung. Aus der Sicht der Landesversicherungsanstalt Westfalen gibt es allerdings noch Defizite bei der Umsetzung:
- Verstärkung der Grundsätze einer Teilhabe der Betroffenen am gesellschaftlichen und beruflichen Leben;
- ein verbesserter, individualisierter unbürokratischer und vor allem rascher Zugang zu den Reha-Leistungen;
- eine regelhafte und gesetzlich verankerte Abstimmung der Rehabilitationsträger und Kostenträger untereinander;
- eine möglichst trägerübergreifende, ergebnisbezogene Qualitätssicherung und
- angemessene vertragliche Beziehungen zu den Leistungserbringern.
Der LVA-Verwaltungschef warnte davor, zu hohe Kostendämpfungserwartungen an das fallpauschalierende Vergütungssystem im Krankenhaus zu setzen. Zwar haben ausländische Systeme, die die DRG-basierte Finanzierung und Abrechnung seit einigen Jahren einsetzen, gezeigt, dass zwar im Akutbehandlungssektor Kosten verringert werden, die gesamtwirtschaftlichen Kosten jedoch nicht gedrosselt werden konnten.
Allein aus der demographischen Entwicklung und infolge eines DRG-induzierten „Drehtüreffekts“ im Akutkrankenhaus wird die Arbeitsbelastung in Reha-Kliniken deutlich zunehmen und ein Leistungsmehrbedarf entstehen. Es könne sich eine Entwicklung anbahnen, die das Akutkrankenhaus teilweise entfunktionalisiert und zu einem „Durchlauferhitzer“ denaturiert, gleichzeitig aber die Kapazitätsauslastung im Bereich der Rehabilitation wächst. Die bis jetzt befürchteten Minderauslastungen würden in Zukunft passé sein, so Gleitze. Schwerbehinderte und chronisch Kranke dürften nicht ins Abseits geraten. Fallpauschalen spiegelbildlich auf die Rehabilitation zu übertragen sei ungeeignet, um eine flächendeckende Rehabilitation zu erreichen. Eine qualitätsfördernde Vergütung sei die Voraussetzung für hoch stehende Leistungen auch im Reha-Sektor.
Zeitunabhängige Fallpauschalen seien generell im Reha-Sektor, der eine Mindestdauer bei der Durchführung von Maßnahmen erfordert, kontraproduktiv. Zudem würde die Gefahr einer Qualitätsminderung bei einem zunehmenden Zeitdruck vergrößert werden. Für geeigneter hält der Reha-Experte einrichtungsübergreifende differenzierte Tagespauschalen, die sich am Leistungsbedarf und Behandlungsaufwand orientierten. Eine morbiditätsorientierte Vergütung sei geeignet, noch vorhandene Über-, Unter- und Fehlversorgungen abzubauen. Gleichwohl sei es schwierig, ein solches System praxisgerecht zu entwickeln.
Gleitze betonte, dass man sich einer adäquaten Vergütungssystematik annähern sollte. Ihm schwebt die Implementierung eines Rehabilitanden-Klassifikationssystems (RMK) vor, das speziell auf die Probleme der medizinischen Rehabilitation ausgerichtet ist. Nach den Vorschlägen einer Arbeitsgruppe um den Rehabilitationswissenschaftler Prof. Dr. med. Werner Müller-Fahrnow, Medizinische Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin (Charité), beschreibt ein solches System typische Rehabilitandengruppen mit einer sozialmedizinisch erweiterten „diagnostischen“ Eingangsqualifikation. Das RMK-System beinhaltet definierte Leistungsmerkmale als quantitative Korridore und qualitative Leistungsanforderungen. Das derzeitige Vergütungssystem im Rehabilitationssektor (Tagespauschalen bei monistischer Finanzierung) ließe sich nach Überzeugung der Berliner Rehabilitationsexperten verbessern, wenn mehr Patienten- und Leistungsbezug als Zielkriterien umgesetzt würden. Die Maßnahmendauer-Finanzierung, wie sie in der Rehabilitation typisch ist, müsste schrittweise durch eine differenzierte Leistungsbewertung und die klinikspezifische Vergütungsregelung durch eine indikationsbezogene Pauschalierung abgelöst werden. Diese mündet dann in indikationsspezifische Rehabilitanden-Management-Kategorien.
Zu frühe Entlassung
Die Vergütung der Leistungen müsste so ausgestaltet werden, dass auch innerhalb des Rehabilitationssektors qualitätsbestimmende Anreize durch Vergütungsregelungen gesetzt werden. Dabei müssten solche Mechanismen eingebaut werden, die einerseits exogen wirkende Faktoren, wie beispielsweise die Einführung von diagnosebezogenen Fallpauschalen im Akutkrankenhaus, abfedern, andererseits weitere qualitätsmindernde Anreize vermeiden. Keinesfalls könne eine Effizienzsteigerung im Bereich der Rehabilitation durch eine mechanische Verweildauerverkürzung erzielt werden. Eine zu frühe Entlassung aus der stationären medizinischen Rehabilitation in die ambulante Rehabilitation und in die Pflege oder in die ambulante Weiterbehandlung wäre wegen der noch fehlenden flächendeckenden Rehabilitationsstrukturen im ambulanten Bereich gesundheitspolitisch bedenklich. Lediglich unter dem Aspekt, dass Frührehabilitation Teilleistung der Krankenhausleistung ist, könnte man über das Komplexpauschalensystem mit Einschluss der Frührehabilitation zwischen Krankenhäusern und Rehabilitationskliniken nachdenken. Die Zugangsvoraussetzungen für die Anschlussheilbehandlung dürften allerdings dadurch nicht verwässert werden. Dr. rer. pol. Harald Clade
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema