ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2003Hypertonika: Sparen à la Lauterbach

POLITIK

Hypertonika: Sparen à la Lauterbach

Dtsch Arztebl 2003; 100(18): A-1170 / B-983 / C-919

Rieser, Sabine

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LNSLNS Die ALLHAT-Studie ist Maßstab für weitreichende Vorschläge an die Barmer.
Dr. med. Eckart Fiedler, Vorstandsvorsitzender der Barmer, durfte
in der vergangenen Woche sogar in den Foyersaal von Ulla Schmidts Berliner Dienstsitz einladen. Denn Fiedler präsentierte mit Prof. Dr. med. Dr. Karl W. Lauterbach eine Studie zur Versorgung von Bluthochdruckpatienten, die der – ebenfalls anwesenden – Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin ausgesprochen gut ins Konzept passt. Sie
sei ein „exemplarisches Beispiel zur Optimierung der Arzneimitteltherapie“, lobte Schmidt (siehe auch Seite eins in diesem Heft).
Lauterbach hat errechnet, dass man allein bei den Barmer-Versicherten mit Bluthochdruck theoretisch bis zu 80 Millionen Euro im Jahr sparen könnte – vorausgesetzt, sie würden die preisgünstigsten Medikamente einnehmen und gemäß den Erkenntnissen aus der so genannten ALLHAT-Studie behandelt. Dieser US-amerikanischen Untersuchung zufolge ist das preisgünstige Diuretikum Chlorthalidon in sehr geringer Dosierung bei über 55-Jährigen nicht schlechter für eine Behandlung geeignet als Lisinopril oder Amlodipin. Von den 1,6 Millionen Versicherten der Barmer, die mit Hypertonie-Medikamenten behandelt werden, erhalten jedoch rund 34 Prozent einen ACE-Hemmer, 29 Prozent einen Calcium-Antagonisten, 45 Prozent einen Betablocker, neun Prozent einen AT1-Blocker und nur knapp 10 Prozent ein Diuretikum.
Lauterbachs Einsparrechnung sieht so aus: Für rund ein Drittel der Betroffenen ist eine Umstellung der Therapie vermutlich aus medizinischen Gründen nicht sinnvoll beziehungsweise würde nicht toleriert. Würden ihnen in der jeweiligen Substanzgruppe zukünftig nur die billligsten Präparate verordnet, ließen sich gleichwohl allein bei ACE-Hemmern und Calcium-Antagonisten rund 30 Millionen Euro sparen. Diese Kalkulation geht aber nur auf, weil Lauterbach dafür unter anderem das umsatzstärkste über den durchschnittlichen Tageskosten liegende Präparat Norvasc durch das kostengünstige Nitrendipin AL ersetzt.
Noch ergiebiger wäre es theoretisch, die restlichen zwei Drittel der Barmer-Versicherten gemäß den Erkenntnissen aus der ALLHAT-Studie zu behandeln. 14 Millionen Euro würde die Umstellung von einem ACE-Hemmer auf Chlorthalidon bringen, 17 Millionen die von Calcium-Antagonisten. Gar 19 Millionen könnte die Barmer sparen, wenn die mit AT1-Blockern behandelten Versicherten ein Diuretikum bekämen – hier setzt Lauterbach dann allerdings eine Umstellungsrate von 90 Prozent voraus. Insgesamt kommt der Epidemiologe auf ein Sparvolumen von 55 Millionen Euro. Würden die Ärzte durchgängig Diuretika vom Thiazidtyp verordnen, wären es sogar rund 70 Millionen Euro. Lauterbach räumte aber ein, dass das errechnete Sparpotenzial vermutlich vollständig aufgebraucht würde, wenn die bisher nicht versorgten Versicherten mit Bluthochdruck ermittelt würden.
Arznei­mittel­kommission: Studie differenziert sehen
Die Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) hat in ihrer Bewertung der ALLHAT-Studie betont, dass Chlorthalidon bisher „zu Unrecht keinen Platz unter den 2 500 innerhalb der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung am häufigsten verordneten Arzneimittel gefunden“ habe. Gleichwohl sei fraglich, ob man alle Ergebnisse auf die mitteleuropäische Bevölkerung übertragen könne. Auch sei nicht erkennbar, ob für die Barmer-Studie wirklich nur über 55-Jährige herangezogen wurden. Was die Bewertung der Chlorthalidon-Alternativen anbelangt, verweist die AkdÄ darauf, dass der positive Wert der Betablocker durch andere valide Studien belegt sei. Eine kürzlich erschienene belege zudem eine bessere Wirksamkeit von ACE-Hemmern bei Älteren. Sabine Rieser
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