POLITIK

Sein oder nicht sein

Dtsch Arztebl 2003; 100(18): A-1171 / B-984 / C-920

Böhmeke, Thomas

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Philosophen beantworten uns die Fragen nach dem Sinn und Zweck des menschlichen Daseins, stehen mir in Zeiten des Zweifels mit der Macht vierstelliger Intelligenzquotienten bei. Die brauche ich derzeit aber nicht. Wenn ich wissen will, wer ich bin, schalte ich einfach die Abendnachrichten ein oder lese Zeitung. Dort kann ich von unserer verehrten Ge­sund­heits­mi­nis­terin und ihren Vasallen erfahren, dass ich miserabel arbeite, Geld aus dem Fenster werfe und mich jeglicher Fortbildung entziehe. Tief in meinem Innern (das bleibt jetzt bitte unter uns) muss ich gestehen: Sie haben Recht. Wenn ein Patient kostspielige Originalpräparate will, weil er Generika nicht verträgt, fallen mir keine abwehrenden Argumente ein. Ich bin ein schlechter Verweigerungsmediziner. Wenn jemand eine teure Computertomographie will, um wirklich sicher zu sein, dass er keinen Tumor hat, so schreibe ich eine Überweisung zum Radiologen. Ich bin ein miserabler Minimaldiagnostiker. Wenn ich einem Schwerkranken die Organtransplantation im fernen Universitätsklinikum empfehle, denke ich nicht an den Kostenaufwand. Ich bin ein grottenschlechter Betriebswirtschaftler. Ich finde es zwar äußerst schmeichelhaft, dass man uns Ärzten diese Disziplinen zutraut, aber als Betriebswirtschaftler ist mein IQ höchstens einstellig.
Es ist ja nicht so, dass ich meine Augen vor diesen Notwendigkeiten verschließe. Daher besuche ich immer wieder die härteste Schule: den Arzneimittel- und Sachkostenregress. Aber es ist zum Heulen: Der Erfolg will und will sich nicht einstellen. In meiner puren Verzweiflung stelle ich mir vor, eine Selbsthilfegruppe zu gründen. Die Betroffenen sollen, durch Strumpfmasken unkenntlich gemacht, sich stundenlang gegenseitig einhämmern: Wir dürfen keine Medikamente verschreiben! Nie wieder röntgen! Weg mit dem Ultraschallgerät! Aber schon beim nächsten Patienten unterschreibe ich wieder Rezept und Überweisung. Es nutzt nichts, ich bin therapieresistent rückfällig. Ich muss es einsehen: Genauso wenig, wie man einen Philosophen eine Koloskopie durchführen lassen würde, ist es sinnvoll, mich als Mangelverwalter zu missbrauchen. Aber ich muss weitermachen, denn zum Philosophen reicht es bei mir nun wirklich nicht. Dr. med. Thomas Böhmeke
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