ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2003Ärztliche Behandlungsfehler: Offenheit gefordert

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Ärztliche Behandlungsfehler: Offenheit gefordert

Dtsch Arztebl 2003; 100(18): A-1174 / B-987 / C-923

Klinkhammer, Gisela

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Zwei Beiträge in diesem Heft beschäftigen sich mit dem Umgang mit ärztlichen Behandlungsfehlern.
Zwei Beiträge in diesem Heft beschäftigen sich mit dem Umgang mit ärztlichen Behandlungsfehlern.
Der Sachverständigenrat für die Konzertierte Aktion im Gesundheitswesen plädiert für die Einführung einer neuen Fehlerkultur auf mehreren Ebenen.

Der Sachverständigenrat für die Konzertierte Aktion im Gesundheitswesen widmet in seinem im Februar vorgelegten Gutachten den ärztlichen Behandlungsfehlern ein umfangreiches Kapitel, in dem unter anderem angemahnt wird, dass es bisher noch keine allgemein akzeptierte Begriffsdefinition gibt und auch die Datenlage völlig unzureichend sei.
Die Zahl der vermuteten und angezeigten Behandlungsfehler wird in Deutschland nach Angaben des Robert Koch-Instituts von 2001 auf rund 40 000 pro Jahr und die der anerkannten Schadensersatzansprüche auf circa 12 000 geschätzt. „Die Mehrzahl der registrierten Fehlervorwürfe betrifft die operativ tätigen ärztlichen Disziplinen einschließlich der Gynäkologie und Geburtshilfe, vermutlich weil fehlerhafte Behandlungsverläufe hier für den Laien einfacher erkennbar erscheinen als bei konservativen Therapieverfahren.“ Stationäre Einrichtungen beziehungsweise Krankenhausärzte würden häufiger mit Fehlervorwürfen konfrontiert als ihre niedergelassenen Kollegen.
Studien in den USA deuteten darauf hin, dass bei 2,9 bis 3,7 Prozent aller im Krankenhaus behandelten Patienten unerwünschte Ereignisse (adverse events) auftreten. Vergleichbare Untersuchungen aus anderen Ländern sprächen für zum Teil noch höhere Raten.
Die dadurch verursachten Kosten hält der Sachverständigenrat für erheblich: „Unter der vereinfachten Annahme, die angloamerikanischen Untersuchungsergebnisse wären auf die Verhältnisse in Deutschland übertragbar, ergäben sich bei circa 16,5 Millionen Krankenhausbehandlungsfällen im Jahr 2001 zwischen 31 600 und
83 000 Todesfälle aufgrund unerwünschter Folgen medizinischer Interventionen in Deutschland.“ Damit würden mehr Menschen an den Konsequenzen medizinischer Diagnostik und Therapie beziehungsweise an Behandlungsfehlern sterben als beispielsweise an Dickdarmkrebs, Brustkrebs oder Verkehrsunfällen.
Als häufigste Fehlerquelle würden immer wieder Kommunikations- und Koordinationsdefizite identifiziert, die oft vor dem Hintergrund einer unzulänglichen Prozessorganisation zu sehen seien. Insbesondere fehlten häufig standardisierte Ablaufpläne und interne Leitlinien (Tabelle). Aber auch bestimmte Strukturmerkmale des Gesundheitssystems wirkten sich potenziell fehlerfördernd aus, indem sie zum Beispiel ungünstige Rahmenbedingungen für die Handlungen der einzelnen Leistungserbringer und Institutionen festlegen.
Zur Vermeidung von Fehlern fordert der Sachverständigenrat die Etablierung einer neuen Fehlerkultur, die schrittweise auf mehreren Ebenen ansetzen müsse. Wenn einer neuen Fehlerkultur dies gelingen solle, sei es erforderlich, die Gestaltung des Arbeitsalltags von Ärzten und anderen Berufsgruppen in Klinik und Praxis kritisch zu überdenken. Bislang fehle beispielsweise auch ein legitimer Raum oder ein geschütztes Forum, um offen und sanktionsfrei über Fehler sprechen zu können. Zur Identifikation von Fehlerquellen und typischen fehlerträchtigen Konstellationen müssten alle vorhandenen Informationen offen gelegt werden. Der Sachverständigenrat hält eine systematische Analyse der via Gerichtsverfahren oder außergerichtlicher Begutachtungen „registrierten“ Fehler für notwendig. Dies mache zum Beispiel auch die Offenlegung entsprechender Daten der Haftpflichtversicherer notwendig. Zurzeit veröffentlichten zwar einzelne Gutachter- und Schlichtungsstellen gelegentlich einschlägige Kasuistiken, eine systematische, regional übergreifende Auswertung der Verfahren finde jedoch allenfalls vereinzelt statt.
Darüber hinaus bedürfe es auch der parallelen Etablierung verschiedener Formen von Meldesystemen: „Der Aufbau sowohl von internen als auch externen Melderegistern, die teils öffentlich zugänglich sind, teils vertraulichen Charakter haben, ist ein entscheidender Schritt, um die Datenlage zu medizinischen Fehlern und die Fehleranalyse auf den verschiedenen Ebenen der Gesundheitsversorgung zu verbessern sowie die Transparenz zu erhöhen.“
Der Sachverständigenrat bewertet die Arbeit der Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen grundsätzlich positiv. Dies deckt sich mit der Einschätzung des Robert Koch-Instituts und des Statistischen Bundesamtes. In einer gemeinsam vorgelegten Statistik stellten sie fest, dass bei Verfahren vor einer Gutachterkommission oder Schlichtungsstelle in rund 30 Prozent der abgeschlossenen Fälle ein Behandlungsfehler anerkannt wurde. Dass ein neues Qualitätsbewusstsein schon seit langem von der Ärzteschaft selbst etabliert wurde, verdeutlichten auch der Allgemeinmediziner Prof. Dr. med. Peter Helmich und der Medizinrechtler Prof. Dr. iur. Gerhard H. Schlund im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt (dazu nebenstehender Beitrag). Gisela Klinkhammer
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