ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2003Kinder in Rumänien: Abgeschoben, ausgesetzt

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Kinder in Rumänien: Abgeschoben, ausgesetzt

Dtsch Arztebl 2003; 100(18): A-1178 / B-992 / C-927

Reitzer, Thomas

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Fotos: Thomas Reitzer
Fotos: Thomas Reitzer
Mit deutscher Hilfe verwirklichen rumänische Augenärzte
ein Projekt für Kinder, die zu erblinden drohen.

Am Weltkindertag weiht der rumänische Honorar-Generalkonsul Alex Jacob gemeinsam mit der Bürgermeisterin von Bad Kreuznach, Martina Hassel, in den Elendsvierteln der Stadt Alba Iulia drei Kinderspielplätze ein. Spenden aus Deutschland machen es möglich. Hier in den Plattenbauvierteln offenbart sich erstmals die Armut, die in Rumänien herrscht. Kinder scharen sich um Jacob und die Honoratioren der Stadt. Erst bei genauerem Hinsehen fällt auf, dass der Applaus der Kinder von der Polizei durch unauffällige Handzeichen mitdirigiert wird.
Während der Fahrt nach Sebes am folgenden Tag trifft man in den ländlichen Gebieten immer wieder auf Bauern, die noch heute mit Pferden und veralteten Pflügen ihre Äcker bestellen. Die gelben überirdischen Gasleitungen ziehen sich wie Adern durch das Landesinnere. In Sebes selbst säumen zerfallene Häuser die holprigen Straßen. Jacob ist auf dem Weg zu Dr. Adrian Teodoru, der seit 1983 in der 30 000 Einwohner zählenden Stadt als Augenarzt praktiziert. In der Straße, in der sich auch Teodorus großzügige Privatvilla befindet, zeigt Sebes sich von seiner anderen Seite. Villen mit Vorgärten und neue Autos prägen das Bild. In einer dieser Villen, einem ehemaligen Frauenkrankenhaus, hat Teodoru 1985 eine Augenklinik eingerichtet. Es ist eine bescheidene Klinik, die eher an eine Arztpraxis erinnert. In den wenigen Räumen sind Operationssäle, ein Sterilisations- und ein Sprechzimmer untergebracht. „Viele Geräte hat uns das Rote Kreuz zur Verfügung gestellt“, erklärt Teodoru. Gemeinsam mit dem Arzt setzt Jacob sein „Augenlicht-Projekt“ um, das Kindern aus mittellosen Familien eine Augenoperation ermöglichen soll.
Eine Augenoperation kostet etwa 600 Euro, und Jacob wirbt in seiner Eigenschaft als Honorar-Generalkonsul um Gelder und Sponsoren. Inzwischen seien etwa 28 000 Euro gesammelt worden, sodass mehr als 80 Kinder operiert werden könnten. „Das ist schon etwas mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein“, sagt Jacobs. Dennoch verzeichnet die Warteliste nach wie vor mehr als 120 Kinder; 70 Prozent von ihnen sind blind.
Jacob will in Zusammenarbeit mit den Behörden der Kreisstadt Alba Iulia sicherstellen, dass nur diesen Kindern die Spenden aus dem „Augenlicht-Projekt“ zugute kommen. Viele Kinder sind von ihren Familien in Kinderheime abgeschoben oder einfach auf der Straße ausgesetzt worden. Das erste Kind wurde im Mai letzten Jahres operiert. Dem neunjährigen Micha, der an grauem Star litt, wurde eine Kunstlinse eingesetzt. In der Regel kommen die Kinder montags in die Klinik, werden am nächsten Tag operiert, bleiben noch für ein bis zwei Tage zur Beobachtung und werden anschließend wieder entlassen. Dabei hat sich Teodoru verpflichtet, bis zu sieben Jahre lang die Nachbehandlung der Kinder zu gewährleisten.
Einweihung eines Kinderspielplatzes in Alba Iulia: Spendengelder machten es möglich. Oben: Augenarzt Teodoru dokumentiert Bürgermeisterin Hassel und Honorarkonsul Jacob das Schicksal seiner kleinen Patienten.
Einweihung eines Kinderspielplatzes in Alba Iulia: Spendengelder machten es möglich. Oben: Augenarzt Teodoru dokumentiert Bürgermeisterin Hassel und Honorarkonsul Jacob das Schicksal seiner kleinen Patienten.
Ein weiteres Problem ist die weitgehend fehlende Prävention. Eine der Hauptursachen dafür ist nach Ansicht von Teodoru die desolate Finanzlage. Nach dem Zusammenbruch des Sozialismus sei noch kein effektives Kran­ken­ver­siche­rungssystem an die Stelle des ehemals staatlichen Gesundheitsdienstes getreten. Teodoru spricht aus Erfahrung: „Man muss die Leute praktisch ins Krankenhaus holen. Viele kommen nicht von sich aus, weil sie einfach kein Geld haben. Das erschwert natürlich vorbeugende Maßnahmen.“ Für diese Menschen hat Teodoru gemeinsam mit zwanzig anderen Ärzten das gemeinnützige Projekt „Asociata Sebes-Alba Medic Grup“ gegründet. Die Ärzte haben sich verpflichtet, bei der Behandlung mittelloser Patienten auf ihr Honorar zu verzichten. Honorarkonsul Jacob hofft, Fördergelder der EU vermitteln zu können, damit die von den Projekt-Ärzten gekaufte Villa in Sebes zu einer Klinik ausgebaut werden kann.
Wie wichtig die guten Beziehungen des Konsuls zu den Behörden in Alba Iulia und Sebes sind, belegen die Beispiele von Behördenwillkür, die es Ärzten und Hilfsorganisationen erschweren, den Bedürftigen Hilfe zukommen zu lassen. Rumänien ist ein Kandidat für den EU-Beitritt. In diesem Zusammenhang ist man bemüht, die Armut im Land zu verschleiern. Dies bekam auch Rosemarie Schitteck aus Bad Kreuznach zu spüren. Sie organisiert seit Jahren Hilfstransporte für die Kinderheime in Pesetu und Mislea. Schitteck, die der Hilfsorganisation Adra, dem Adventistischen Wohlfahrtswerk, angehört, wurde im Juni 2002 mit ihrem 100. Transport an der rumänischen Grenze 25 Stunden lang vom Zoll festgehalten. Die Zollbeamten untersuchten die komplette 18-Tonnen-Ladung des Transports, von denen Schitteck zwei Drittel an der Grenze zurücklassen sollte. Dann dürfe sie weiterfahren, hieß es. Die Beamten begründeten ihr Verhalten damit, dass es in Rumänien keine Armut gebe und dass die Einfuhr von Schuhen, Babykleidung, Spielsachen, Lebensmitteln, Unterwäsche, Elektrogeräten und Federbetten nicht erlaubt sei. Man habe in Rumänien schon häufiger Erfahrungen mit Waren gemacht, die als Hilfsgüter getarnt waren, und dann in Gebrauchtwarengeschäften weiterverkauft wurden.
Unter der Auflage, nie wieder mit einem Hilfstransport nach Rumänien einzureisen, durfte Schitteck schließlich doch mit der kompletten Ladung weiterfahren. Ihre Hartnäckigkeit hat sich gelohnt. Bei ihrer Ankunft in den Kinderheimen fand sie in den Vorratsschränken nur noch Öl und Mehl vor – beides aus den vorangegangenen Transporten. Jetzt sucht sie nach neuen Möglichkeiten, den Kindern Hilfe zukommen zu lassen, denn diese baten: „Kommt wieder. Lasst uns nicht allein. Vergesst uns nicht.“ Thomas Reitzer



Wer das Augenlicht-Projekt von Honorar-Generalkonsul Alex Jacob unterstützen möchte, und damit vielen Kindern in Rumänien helfen will, kann dies mit einer Spende auf das Konto 3 942 716 bei der Kreuznacher Volksbank, Bankleitzahl 560 900 00, unter dem Stichwort „Augenlicht“ tun.
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