ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2003Krankheitsvorstellungen im kulturellen Blickwinkel

THEMEN DER ZEIT

Krankheitsvorstellungen im kulturellen Blickwinkel

Dtsch Arztebl 2003; 100(18): A-1180 / B-994 / C-929

Yildirim-Fahlbusch, Y.

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LNSLNS „Medizin ist, – wie Sprache, Religion oder Sozialstruktur – als eine kulturelle Leistung, ein System symbolischer Werte und Vorstellungen, Praktiken und Techniken, eingebettet in eine Matrix aus Werten, Tradition, Vorstellungen und Formen ökologischer Anpassung zu verstehen.“ Der amerikanische Kulturanthropologe Landy und sein Landsmann, der Ethnomediziner Kleinmann, definieren Medizin als kulturelles System. Sie führt somit einerseits zur alltäglichen Konstruktion von Gesundheit und hat andererseits die Funktion, Erkrankungen in den Alltag und in den kulturellen Prozess zu integrieren. Hierzu hält das medizinische System für Menschen mit Gesundheitsproblemen Informationen über Identifizierung, Ursachen und den Verlauf sowie über Mittel und verfügbare Ressourcen für die Heilung bereit.
Während für Krankheitsprozesse in der Migration bis in die Siebzigerjahre psychoanalytische Ansätze als Erklärungsmöglichkeiten herangezogen wurden, sind später vor allem stresstheoretische Ansätze mit Modellen von Bewältigungsstrategien und sozialer Unterstützung benutzt worden. Letztere sind praktikabler für eine multikulturelle Anwendung. In jüngster Zeit werden Stresstheorien mit der biografischen Psychoanalyse verknüpft.
Daneben bieten soziologische und sozialpsychologische Modelle wesentliche Erklärungsmöglichkeiten für die verschiedenen Vorstellungen von Gesundheit und Krankheit der Migranten. So entwickeln sich Gesundheitserhalt und Krankheitsbewältigung von Migranten abhängig von den sozialen Rahmenbedingungen wie zum Beispiel der rechtlichen Sicherheit, Integrationshilfen, dem gesellschaftlichen Klima, dem Sozialsystem, den Arbeitsbedingungen sowie der Gesundheitsvorsorge und -versorgung. Während sich diese Rahmenbedingungen auf der Makroebene für eine Bevölkerungsgruppe eher gesundheitsfördernd oder krankheitsverursachend auswirken können, liefern auf der Mikroebene subjektive Stressverarbeitungsmodelle bisher die besten Erklärungen, warum unter ähnlichen Bedingungen der eine erkrankt und der andere gesund bleibt.
Nach den Ergebnissen der Stressforschung wirken sich vor allem plötzliche, überraschende und einschneidende Lebensereignisse sowie chronische Stressoren im Zusammenhang mit alltäglichen Ärgernissen und Freuden auf die Gesundheit eines Menschen aus. Sie fordern erhöhte Anpassungsleistungen. Bei einer großen Anhäufung solcher Ereignisse kann man davon ausgehen, dass normale Bewältigungsmöglichkeiten nicht mehr ausreichen. Ein großer Teil der Migranten ist erheblichen Stressoren ausgesetzt, dazu gehören Entwurzelung, Ohnmachtsgefühle, Rollenverluste oder die Ungewissheit über die Zukunft. Der Dauerstress, den die Anpassung an das Einwanderungsland bedeutet, wird verständlich, wenn man bedenkt, wie sehr Ethnizität das Denken, Fühlen, Wollen und Handeln prägt. Ethnische Identitäten bestimmen nicht zuletzt Erfahrungen von Furcht, Angst, Scham, Schmerz und die Auffassung von Krankheit und Gesundheit. Die Verarbeitung von Migration ist ein lebenslanger Prozess, der bis in nachfolgende Generationen reicht.
Migranten haben – abhängig von ihrer sozialen Situation – ein deutlich größeres Morbiditäts- und Mortalitätsrisiko als Einheimische. Es finden sich häufiger problematische Schwangerschaftsverläufe mit überproportional vielen Fehl-, Tot- oder Frühgeburten sowie eine höhere Sterblichkeit und Erkrankungshäufigkeit von Säuglingen. Migranten-Kinder leiden häufiger an psychosomatischen Befindlichkeitsstörungen, Infektionskrankheiten und Behinderungen und erleiden häufiger Unfälle. Erwachsene Migranten fehlen überdurchschnittlich häufig krankheitsbedingt im Betrieb, haben ein erhöhtes Unfallrisiko, leiden häufig unter akuten psychosomatischen Befindlichkeitsstörungen, Magen-Darm-Erkrankungen sowie Erkrankungen des Skelett- und Stützsystems. Außerdem leiden sie häufiger an chronischen Erkrankungen.
Dr. med. Y. Yildirim-Fahlbusch
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