ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2003Irak: Schuldgefühl ist typisch

BRIEFE

Irak: Schuldgefühl ist typisch

Dtsch Arztebl 2003; 100(18): A-1186 / B-1000 / C-935

Rude, Peter Paul

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LNSLNS . . . Politik vollzieht sich (wie Weltgeschichte überhaupt) nach meiner Meinung in einer dialektischen Spannung zwischen Interessen und Ideen. Mal wird das Pendel mehr zum Pol der Interessen (Macht, Geld, Wohlstand), mal mehr zum Pol der Ideen (Ideale, Ideologien) ausschlagen. Dabei ist der eine Pol nicht grundsätzlich böser als der andere (auch Bin Laden hat Ideale, von Geld und Macht ganz zu schweigen). Das jeweilige Geschichte gewordene Ergebnis der Politik wird eine Synthese widerstrebender Interessen und Ideen sein. Demokratische Politiker müssen deshalb in jeder konkreten Situation die Balance halten zwischen interesse und Idealen der vertretenen Gesellschaft/Nation.
Die unterschwellige Prämisse des Artikels ist ein idealistisch-gesinnungsethischer Standpunkt: Politik muss sich immer am globalen Wohl orientieren (fragt sich nur, wer dieses Wohl definiert), schnöde nationale, regionale oder sonst wie partikulare Interessen zu vertreten ist unanständig.
Eine weitere Voraussetzung der Argumentation des Artikels ist: Der Westen ist schuld am Elend der islamischen Nationen. Das ist eine inakzeptable Übertreibung. Die angebliche Kränkung der arabischen Seele im Zeitalter des europäischen Kolonialismus muss herhalten für Selbstmordbomber, fundamentalistischen Islamismus, wirtschaftliche Unterentwicklung und politische Despotie . . .
Dieses stete Schuldgefühl (oder gar Schuldbedürfnis) ist typisch für unsere christlich geprägte Zivilisation. Kulturanthropologen teilen grob in „Schuld-Kultur“ (westlich-christlich) und „Scham-Kultur“ oder „Schuld-Zuweisungs-Kultur“ (östlich-islamisch). Die Kehrseite der All-Schuld ist die All-Macht: Wer glaubt, er kann alles und hat alles gemacht, der fühlt sich auch an allem schuldig.
Die Menschen, die eher eine Schuldzuweisungs-(Scham- und Stolz-)Kultur verinnerlicht haben, finden Schuld immer bei anderen, sehen sich in der Opferrolle und erleben eine Verschwörung um sich herum. Ganz abstrus wird diese Schuldzuschreibung, wenn es um die „500 000 toten Kinder im Irak“ geht: Die sind Ergebnis des Verbrecherregimes und nicht des Embargos (das ja die militärische Gewalt vermeiden sollte) . . .
Peter Paul Rude,
Frankfurter Straße 9, 57074 Siegen
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