ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2003Gibt es Indikationen für Erythropoetin in der Onkologie? Großes Dilemma

MEDIZIN: Diskussion

Gibt es Indikationen für Erythropoetin in der Onkologie? Großes Dilemma

Dtsch Arztebl 2003; 100(18): A-1207

Tsamaloukas, Antonis

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LNSLNS Nachdem im Oktober 2002 zeitgleich in der Fachzeitschrift Blood und im Journal of Clinical Oncology die evidenzbasierten Empfehlungen (guidelines) der American Society of Clinical Oncology (ASCO) und der American Society of Hematology (ASH) zum Gebrauch der Erythropoetine erschienen sind (1, 2), wirft die Kompilation mehr Fragen auf als dass sie eine weitere und zusätzliche Hilfe für die Entscheidung ist, wem, wann und wie Erythropoetin zum Management der tumorassoziierten Anämie (ACD, anemia of chronic disease) gegeben werden sollte. Es bleibt zudem völlig offen, wie die vom Autor selbst in seiner Klinik geübte Praxis ist, einem Patienten einen Erythropoese-stimulierenden Faktor (ESF) zu geben oder ihn zu transfundieren.
Das Dilemma wird noch größer, wenn man weiß, dass der von ihm zitierte Autor Nowrousian, der in unmittelbarer Nähe des Verfassers am Westdeutschen Tumorzentrum in Essen arbeitet und anerkanntermaßen ein Experte auf diesem Gebiet ist, selbst keine klaren Empfehlungen für die Therapie der ACD solider Tumoren zu geben weiß. Völlig offen bleibt, welche Patienten der Autor in seiner Klinik für Hämatologie mit soliden Tumoren sieht und behandelt! So führt er unter anderem aus „. . . Wegen ihrer kurzen Lebenserwartung (der Krebspatienten, eigene Anmerkung) werden diese Patienten durch langfristige Transfusionsrisiken nicht gefährdet . . .“ Das Missverständliche dieser Formulierung mag daran ermessen werden, dass es für metastasierte solide Tumoren wie kolorektale Karzinome, nichtkleinzellige Bronchialkarzinome und das Mammakarzinom „second“ und „third line“-Therapien gibt, die das Überleben inzwischen deutlich über 12 Monate verlängern können!
Inzwischen wurden Studien und Empfehlungen zur Anwendung von ESF beim nichtkleinzelligen Bronchialkarzinom, dem multiplen Myelom, der chronisch lymphatischen Leukämie und unter Radiotherapie publiziert (3–9). Zu den Mechanismen der ACD haben sich seit der umfassenden Darstellung durch Cartwright und Wintrobe 1952 inzwischen wichtige molekulare Daten ergeben, die zu einem tieferen Verständnis insbesondere der Rolle des Hepcidins in der
Eisenhomöostase geführt haben (10 bis 20).
Zur Problematik der Prädiktion des Ansprechens auf eine Therapie
mit dem Erythropoese-stimulierenden Faktor hat der Autor sicher Recht, dass es noch keine allgemein akzeptierten Laborparameter gibt. Eine mögliche Lösung scheint in der Verwendung der hypochromen Erythrozyten (Hypo) und des reduzierten Hämoglobingehalts der Retikulozyten (CHr) zu sein (21–26). Seine pharmakoökonomischen Ausführungen unter der Zitierung von Cremieux et al. 1999 verschweigen leider eine andere Analyse der gleichen Autoren, die mit folgendem Satz endet: „ [. . .] When all costs and benefits are included and evaluated using the relative costeffectiveness of each treatment, it has been shown that rHu-EPO (rekombinantes humanes Erythropoetin) achieves the same result for less compared to a S1 spent on transfusions.“ (27).
Bei allem Respekt und Anerkennung der Bemühungen des Verfassers, wäre eine Stellungnahme der DGHO in Anlehnung der ASCO/ASH guidelines dienlicher gewesen. Die Kollegen, die mit der Materie vertraut sind, erwarten eine wissenschaftlich fundierte Hilfestellung in der Entscheidungsfindung. Für alle Nichthämatologen und Nichtonkologen ist der sicher hohe Preis aller auf dem Markt befindlichen ESF unter den Budgets der entscheidende Grund, sie nicht zu verschreiben. Was hilft denen die Kompilation des Autors.

Literatur beim Verfasser

Dr. med. Antonis Tsamaloukas
Schulstraße 16–18
40721 Hilden

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