ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2003Gewaltprävention an Schulen: Gute Erfolge mit Peers

VARIA: Bildung und Erziehung

Gewaltprävention an Schulen: Gute Erfolge mit Peers

Dtsch Arztebl 2003; 100(18): A-1215 / B-1022

Kanders, Jo

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Mehr als ein Drittel aller Schüler prügelt sich mindestens einmal im Monat. Foto: Archiv
Mehr als ein Drittel aller Schüler prügelt sich mindestens einmal im Monat. Foto: Archiv
Ein Jahr nach Erfurt: Thüringens Sozialminister geht neue Wege zur Gewaltbewältigung an Schulen. Auch die Kinder- und Jugendärzte sollen eingebunden werden.

Mit einem Schülerberatungsmodell will das Land Thüringen der Gewalt an Schulen verstärkt begegnen. Schüler (Peers) werden zu Beratern von Schülern ausgebildet und stehen danach als erste Ansprechpartner sowohl für Mitschüler, die Opfer von Gewalttaten geworden sind, als auch für problembehaftete und gewaltbereite Schüler zur Verfügung. Die Schülerberater werden für diese Aufgabe in Sonderkursen geschult und so auf ihre Arbeit vorbereitet. Thüringens Sozialminister Dr. med. Frank-Michael Pietzsch, selbst Arzt und Vater, berichtete auf dem 9. Kongress für Jugendmedizin der Kinder- und Jugendärzte Deutschlands in Weimar von ersten, Erfolg versprechenden Ergebnissen. Pietzsch setzte sich für eine verstärkte Einbindung der Jugendmediziner in ein Netzwerk aus Schule, Elternhaus und Jugendämtern ein.
Wie der Thüringer Versuch zeigt – einen ähnlichen Versuch gibt es auch in Niedersachsen –, ist die Zahl der Gewalttaten an Thüringer Schulen in der Zeit zwischen Juli und Dezember 2002 gegenüber dem Vorjahreszeitraum deutlich gesunken. Die Zahl körperlicher Gewaltakte ging drastisch um 44 Prozent zurück, die Zahl der Taten mit rechtsextremem Hintergrund um 23 Prozent.
Das Land macht sich dabei Erfahrungen von Wissenschaftlern zunutze, die festgestellt haben, dass sich Kinder und Jugendliche in ihrem Verhalten zunehmend an dem von Gleichaltrigen orientieren. Mit dem Einsatz von Schülerberatern soll dieser Einfluss in positivem Sinne genutzt werden. Wie der erste Trend zeigt, hat dieses Modell gute Chancen auf Erfolg. Pietzsch erhofft sich für das Modell die Unterstützung der niedergelassenen Ärzte. Das Angebot der rund 900 Kinder- und Jugendärzte in Weimar, durch Mitarbeit an den Schulen diesen Vorstoß des Landes zu unterstützen, hat Pietzsch dankbar angenommen. Gemeinsam mit den Sozial- und den Kultusministern der Länder soll diskutiert werden, wie das Angebot der Ärzte sinnvoll in ein Netzwerk aus Elternvertretern, Lehrern, Sozialpädagogen, Jugendamtmitarbeitern und Mitarbeitern kriminalpräventiver Arbeitsgemeinschaften der Polizei eingebunden werden kann.
Nach der jüngsten bundesdeutschen Statistik prügelt sich mehr als ein Drittel aller Schüler mindestens einmal im Monat. Jeder Zehnte wendet regelmäßig körperliche Gewalt gegen Mitschüler an, um seine Forderungen durchzusetzen, und rund sechs Prozent kommen mit einem Messer oder Reizgas in die Schule. Rund 20 Prozent aller Schüler waren schon einmal Opfer oder Täter einer Erpressung. Trotz verschärfter Kontrollen erscheinen immer noch Schüler mit geladenen Schusswaffen im Unterricht. Das Durchschnittsalter der jugendlichen Gewalttäter liegt heute zwischen 13 und 15 Jahren und damit zwei Jahre unter dem von vor fünf Jahren. Ziel von Gewaltakten sind nicht nur Mitschüler, sondern zunehmend auch Lehrer, die eigenen Eltern und Unbeteiligte. „Es gibt keine Patentrezepte zur Gewaltverhinderung“, sagte Pietzsch, „aber wir müssen die Jugendlichen mehr fördern durch Fordern.“
Die Pädiater wollen sich gemeinsam mit Schulpsychologen und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten, neben Eltern und Pädagogen, verstärkt um gewaltbereite Kinder und ihre psychosozialen Probleme kümmern. Sie wollen ihre Möglichkeiten und Erfahrungen nutzen, Anzeichen von Gewalt bereits im Vorschulalter bei den Vorsorgeuntersuchungen zu erkennen und rechtzeitig im Gespräch mit Eltern und Therapeuten nach Behandlungsmöglichkeiten zu suchen. Erfahrungen in Niedersachsen, Hessen und Nordrhein-Westfalen haben gezeigt, dass Ärzte an Schulen ein hohes Maß an Vertrauen bei Heranwachsenden genießen, die ein Beratungsangebot dankbar annehmen – auch in den Fällen, in denen sie bisher nur mit Gleichaltrigen über ihre Probleme gesprochen haben. Jo Kanders
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema