ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2003zu Medienfonds: Stupid German Money

VARIA: Schlusspunkt

zu Medienfonds: Stupid German Money

Dtsch Arztebl 2003; 100(18): [80]

Rombach, Reinhold

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LNSLNS Kaum jemand weiß, dass halb Hollywood von deutscher Kohle lebt. Ja wirklich, die Welt von Glitzer und Glamour könnte gar nicht so auf den Putz hauen, wenn deutsche Anleger dort nicht Haufen von Geld hinterlassen würde. Es gibt durchaus Branchenexperten, die sagen, Hollywood sei ohne bundesrepublikanisches Kapital gar nicht überlebensfähig. Gleichwohl versehen die Amis dieses Geld mit der schon sehr unschönen Etikette „Stupid German Money“.
Die Fakten: Vier Fünftel aller in Medienfonds investierten Summen fließen keineswegs in deutsche Filmproduktionen, sondern nach Hollywood. Beredtes Beispiel: Für nur sechs Filme spendierten Ärzte, Notare, Rechtsanwälte und andere Steuersparwillige die enorme Summe von 385 Millionen Euro – Kinostreifen übrigens, die fast jeder kennt: „Herr der Ringe 2“, „Chicago“, „Gangs of New York“, „The Quiet American“ und „The Hours“. Insgesamt schossen seit 1977 bis heute die Anleger die atemberaubende Summe von 7,7 Milliarden Euro in Medienfonds ein plus die gleiche Zahl kreditfinanziert. Ein Wahnsinn verschleuderten Geldes, die Volkswirtschaft bräuchte es andernorts dringender.
Schluss jetzt, lautet nunmehr die wild entschlossene Parole aus dem Hause Eichel. Der Bundesfinanzminister möchte dieser „Fehlallokation“ deutschen Kapitals ein Ende bereiten. Die Finanzverwaltung erwägt ernsthaft, den Fondsanlegern die so genannte Herstellereigenschaft abzuerkennen und sie als Eigentümer einzustufen. Die drastische Folge dieser Änderung wäre, dass die Aufwendungen für Filmproduktionen nicht mehr zum Zeitpunkt des Erwerbs komplett abgeschrieben werden dürfen.
Im Ergebnis würden die Kommanditisten der Medienfonds dann als Erwerber eingestuft, die anfängliche Verlustzuweisung wäre perdu. Ein Kinofilm müsste dann über 50 Jahre abgeschrieben werden, was steuerlich kaum mehr Anreize böte.
Im Moment bleibt aber – leider – alles im Dickicht des Kompetenzgerangels zwischen Bund und Ländern hängen und wird von Referent zu Referent hin und her geschoben; wie man hört, sollen NRW und Brandenburg ziemlich mauern.
Übrigens, die ziemlich freche Titulierung „Stupid German Money“ mag einen zunächst erschrecken, ob der bodenlosen Dreistigkeit unserer nordatlantischen Freunde. Erst zahlen lassen, dann verhohnepipeln, wo gibt es denn so etwas! Genau hingesehen finanzieren wir aber selber den Kulturschrott, der unsere Gesellschaft darnieder zieht. Hans Eichel als Retter der Dichter und Denker oder wenigstens dem, was davon übrig ist. Gibt es eine schönere Form der Satire?
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