VARIA: Post scriptum

Glosse: Hoch – Tief

Dtsch Arztebl 2003; 100(18): [80]

Goddemeier, Christof

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Alle Tiefs werden in Zukunft ,Gerhard‘ genannt . . .“„. . . und alle Hochs ,Edmund‘!!“ legte eine Karikatur zum Ende des letztjährigen Bundestagswahlkampfes Edmund Stoiber und Angela Merkel in den Mund. Kein Wunder, dass in Zeiten von Superstars und Superlativen die Sprache nicht hinten anstehen will: Hoch interessant, hoch intelligent, hoch modern, hoch aktuell. Hoch professionell, hoch qualifiziert, hoch kompetent. Auch hoch riskant, hoch gefährlich, hoch dramatisch. Hoch spannend wird es, wenn das Hoch in seinem Überschwang jedem Eigenschaftswort ungefragt sein Geleit anträgt: Flugs werden die Requisiten eines Musicals zu hoch künstlerischen Puppen. Hoch wirksam ist gelegentlich medizinische Heilkunst. Hoch befriedigend läge in der Notenskala vermutlich zwischen gut und voll befriedigend. Hoch zufrieden zeigen sich Aussteller der Leipziger Buchmesse, englische Patienten im französischen Lille, bedarfsweise naturgemäß auch die Vertreter des Einzelhandels. Hoch komplex ist immer das Klima, aber auch die Fähigkeit, Kamel und Palme sicher zu unterscheiden (und nicht etwa Pamel statt Palme zu sagen!).
Lediglich hoch komisch fand die Sonntagszeitung Sven Regners Romandebüt „Herr Lehmann“. Demgegenüber feierte der WDR Ulrike Draeuers „Mitgift“ als hoch literarischen Lesespaß. Und hoch verdichtet soll Thomas Hürlimanns Stück „Synchron“ verfertigt sein. Hoch abstrakt kommen mathematische Systeme daher. Hoch präzise arbeitet die Braunschweiger Atomuhr. Hoch geschlitzt trägt Veronica Ferres ihr rosafarbenes Kleid in Christian Stückls „Jedermann“. Hoch erotisch die Hingabe zweier Liebender in der Choreographie eines Taiwanesen; nicht zuletzt aber auch Maikos, also angehende Geishas. Hoch emotional, wie
Anne Sophie Mutter Alban Bergs Violinenkonzert zu Gehör bringt; und erwartungsgemäß oft: Debatten. Hoch sexualisierte Bräuche der frühen Neuzeit macht Elmar M. Lorey in der Stadt Beaucaire im Rhonetal ausfindig: Alljährlich am 22. August rannten dort die Prostituierten nackt um die Wette.
„Der Geist erforschet alle Dinge, auch die Tiefen der Gottheit“, heißt es bei Paulus im ersten Korintherbrief. So outete sich Krimiautorin Thea Dorn als tief misstrauisch, fallweise auch tief enttäuscht. Und tief unterschiedliche Auffassungen zur Präimplantationsdiagnostik vernahm Hans-Jochen Vogel im Nationalen Ethikrat.
„Schlichtes Wie-Wort, darf ich wagen, Arm und Geleit ihm anzutragen?“ Dank hoch aggressiver Eroberungswut traut sich bald kein Eigenschaftswort mehr allein vor die Tür. Johann Wolfgang von Goethe weist in Faust I einen möglichen Ausweg: „Bin zwar Wie-Wort, doch nicht schlicht, und Dein Geleit, das will ich nicht!“
Christof Goddemeier
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