ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2003Reproduktionsmediziner: „Spielregeln“ müssen überholt werden

AKTUELL: Akut

Reproduktionsmediziner: „Spielregeln“ müssen überholt werden

Dtsch Arztebl 2003; 100(19): A-1225 / B-1033 / C-965

Leinmüller, Renate

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LNSLNS Höhere Schwangerschaftsraten, ein Minimum an Mehrlingen und eine geringere Belastung der Patientinnen bei der assistierten Reproduktion sind die Ziele der deutschen Reproduktionsmediziner. Sie sind jedoch unter dem engen Korsett rechtlicher Vorgaben nicht zu verwirklichen. Notwendig sind Änderungen der inzwischen veralteten „Spielregeln“, vor allem im Hinblick auf die Auswahl der übertragenen Embryonen, wie Experten bei einer von mehreren Fachgesellschaften veranstalteten Pressekonferenz in Berlin ausführten. Trotz freiwilliger Beschränkung bei der Zahl der Embryonen, die auf die Mutter in spe übertragen werden, sei es unter den derzeitigen Bedingungen nicht möglich, die Mehrlingsrate auf ein wesentlich niedrigeres Niveau als heute (28 Prozent) zu senken, betonte Prof. Klaus Diedrich, der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe. Daher sollte nur ein Embryo mit hohem Einnistungspotenzial übertragen werden. Da deutlich weniger als die Hälfte der befruchteten Eizellen zu einem implantationsfähigen Embryo heranwächst, ist es notwendig, mehr als drei Eizellen zu befruchten und zu kultivieren, bis aufgrund ihrer Entwicklung und Form eine Auswahl möglich ist. Werden dabei mehrere Embryonen als „gut“ beurteilt, können die aktuell nicht übertragenen für einen späteren Behandlungszyklus tiefgefroren werden.

Um dies zu verwirklichen, muss nach Auffassung der Strafrechtlerin Prof. Monika Frommel (Kiel) das Embryonenschutzgesetz nicht geändert, aber
liberaler ausgelegt und das Berufsrecht dem medizinischen Kenntnisstand angepasst werden. Regelungsbedarf mahnte Prof. Wolfgang Würfel als Sprecher der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologische Endokrinologie und Fortpflanzungsmedizin bei der Samenspende an. Hier stellten sich nach wie vor Probleme mit der Anonymität und der Dauer der Dokumentationspflicht. Auf lange Sicht strebt die Gesellschaft die Gleichstellung der Geschlechter bei der Spende von Keimzellen an, nicht zuletzt auch aufgrund des „Befruchtungstourismus“ zur Eizellspende ins Ausland. Wie Prof. Franz Geisthövel (Freiburg) darlegte, wird langfristig die begrenzte Zulassung der Präimplantationsdiagnostik befürwortet.

Beide Problemkreise sollten von einer zentralen Stelle geprüft und entsprechende Fälle dort registriert und dokumentiert werden. Aus medizinrechtlicher Sicht könnte der Bund eine zentrale Stelle für fortpflanzungsmedizinische und -biologische Fragen der Dokumentation, Information und Steuerung als bundeseigene Verwaltungsbehörde per Gesetz einrichten, bestätigte Prof. Jochen Taupitz, Universität Mannheim. Der Jurist empfiehlt, sie als selbstständige Bundesoberbehörde oder beim Robert Koch-Institut anzusiedeln.
Dr. Renate Leinmüller
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