ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2003Weiterbildungsnovelle: Ärger steht ins Haus

POLITIK

Weiterbildungsnovelle: Ärger steht ins Haus

Dtsch Arztebl 2003; 100(19): A-1229 / B-1035 / C-967

Korzilius, Heike

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LNSLNS Der Widerstand der Internisten gegen eine Zusammenführung
der Fächer Allgemeinmedizin und Innere Medizin verspricht,
beim Deutschen Ärztetag für Wirbel zu sorgen.

Die Optimisten dürften gehofft haben, dass nach dem Beschluss des 105. Deutschen Ärztetages die Verschmelzung der Fächer Innere und Allgemeinmedizin mit dem Ziel einer einheitlichen Hausarzt-Qualifikation in trockenen Tüchern und der jahrelange innerärztliche Streit über den „besseren Hausarzt“ damit beigelegt ist. Nach eingehender Diskussion hatten die Delegierten im letzten Jahr in Rostock mit 182 zu 46 Stimmen dem Konzept des Vorstandes der Bundes­ärzte­kammer (BÄK) zugestimmt. Es sieht künftig einen in fünf Jahren weitergebildeten Facharzt für Innere und Allgemeinmedizin (Hausarzt) und einen in sechs Jahren weitergebildeten Facharzt für Innere Medizin mit Schwerpunktbezeichnung vor (vergleiche „Bundes­ärzte­kammer stellt die Weichen“ in diesem Heft). Doch der Streit hat nach dem Beschluss von Rostock an Heftigkeit eher zugenommen. Dem diesjährigen 106. Deutschen Ärztetag dürften neue Grundsatzdiskussionen ins Haus stehen, denn er stimmt über die Novelle der (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung als Gesamtpaket ab, in die das neue Hausarzt-Konzept eingebettet ist.
Gegen das Hausarzt-Modell der Bundes­ärzte­kammer haben sich inzwischen neben dem Berufsverband Deutscher Internisten (BDI) die Deutsche Krankenhausgesellschaft, die Arbeitsgemeinschaft Wissenschaftlicher Medizinischer Fachgesellschaften, die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) und die Gesellschaften der internistischen Schwerpunktfächer ausgesprochen. „Wir werden versuchen, die Zusammenführung der beiden Fächer zu verhindern. Denn eine Umsetzung des Modells der Bundes­ärzte­kammer wird schlimme Konsequenzen haben“, kündigte BDI-Geschäftsführer Prof. Dr. med. Peter Knuth im Vorfeld des Ärztetages gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt an. Der Verband tritt für den Erhalt des Status quo ein, nachdem er in Rostock mit einem Alternativmodell gescheitert war. Hauptkritikpunkt des BDI ist, dass das neue Konzept das Fach Innere Medizin in seine Schwerpunkte zerlege und den Allgemein-Internisten faktisch abschaffe. Die Folgen werden Knuth zufolge künftig vor allem die Krankenhäuser der Grund- und Regelversorgung spüren. Sie seien zu klein, um alle acht Schwerpunkte der Inneren Medizin vorzuhalten. „Und dadurch, dass die allgemein internistische Prüfung vor der Schwerpunktweiterbildung entfällt, können die Schwerpunktinternisten neuer Prägung auch nicht mehr alle Inhalte des Gebietes abdecken“, lautet Knuths Sorge. Beispiel: Der „neue“ Kardiologe kann nicht mehr gastroenterologisch tätig werden, wohingegen der Allgemein-Internist bislang in der ganzen Breite des Faches arbeiten konnte. „Darauf beruht die Arbeitsteilung im Krankenhaus“, betonte Knuth. „Das neue Konzept stößt vor allem beim Bereitschaftsdienst in kleinen Häusern an seine Grenzen.“
Fataler Beschluss
Ähnlich argumentieren die früheren Vorsitzenden der DGIM in einem offenen Brief an die Ärztinnen und Ärzte in Deutschland. Die Neuregelung verschlechtere die Versorgung der Patienten, denn die Mehrheit sei polymorbide und damit nicht einer einzelnen Subspezialität der Inneren Medizin zuzuordnen, heißt es dort. Zwar hatten sich die Internisten an der Erarbeitung der internistischen Inhalte der Weiterbildung in den Gremien der Bundes­ärzte­kammer beteiligt. Aber: Während der Internist bisher eine Weiterbildung von mindestens sechs Jahren in seinem Gebiet durchlaufe, müsse der neue Facharzt im Rahmen seiner fünfjährigen Weiterbildung nur zwei oder drei Jahre in der Inneren Medizin absolvieren. „Es liegt auf der Hand, dass damit die Fähigkeit zu kompetentem Handeln als Internist nicht erworben werden kann“, so die ehemaligen DGIM-Vorsitzenden. Die von den Internisten definierten Inhalte seien in so kurzer Zeit nicht zu erlernen. „Die vorgesehene Weiter­bildungs­ordnung für das neue Gebiet Innere und Allgemeinmedizin orientiert sich nicht am Interesse der Kranken, sondern an gesundheitspolitischen Vorstellungen und sozialrechtlichen Regelungen“, lautet der Vorwurf. Das Fazit: „Wir halten den Beschluss des letztjährigen Deutschen Ärztetages über die Verschmelzung von Innerer und Allgemeinmedizin für fatal.“ Folglich appellieren die ehemaligen DGIM-Vorsitzenden an den kommenden Ärztetag, die Entscheidung von Rostock aufzuheben. Für den Fall, dass sich die Delegierten in diesem Jahr in Köln nicht von den Argumenten der Internisten überzeugen lassen, denkt der BDI darüber nach, die Bundesländer um Hilfe zu bitten. Sie segnen letztlich die Beschlüsse der Ärztekammern über die Heilberufsgesetze ab.
Dass es in der Hausarzt-Frage in Köln kaum zu einer friedlichen Übereinkunft kommen dürfte, belegt die Reaktion des Vorsitzenden des Deutschen Hausärzteverbandes (BDA), Prof. Dr. med. Klaus Dieter Kossow: „Solange der Beschluss von Rostock nicht verändert wird, sind wir zufrieden.“ Die Kritik der Internisten am Verschmelzungs-Modell lässt Kossow nicht gelten. Zum einen bedeute es nicht den Tod des Internisten. Zum anderen stelle die „Zwei-plus-zwei-plus-eins-Lösung“ (zwei Jahre Innere Medizin im Krankenhaus, zwei Jahre Weiterbildung in der hausärztlichen Praxis, ein Jahr anrechnungsfähig aus anderen Fächern, d. Red.) einen inhaltlichen Kompromiss dar. Sie lasse Raum genug für die Weiterbildung zum typischen „Hausarzt auf dem Lande“. Das wäre nicht der Fall, so Kossow, wenn sich die Internisten mit ihrer Forderung nach einer dreijährigen stationären Weiterbildung in Innerer Medizin durchgesetzt hätten – ein Modell, das zwischenzeitlich auch einmal von der BÄK favorisiert worden war. „Die jetzige Lösung ist in jedem Fall praxisnäher“, betonte Kossow. Sollte der kommende Ärztetag den Beschluss von Rostock doch noch kippen und es nicht schaffen, die politische Forderung nach einer einheitlichen Hausarzt-Qualifikation zu erfüllen, fürchtet Kossow um die Autorität der ärztlichen Selbstverwaltung. „Dann werden die Länder die Normsetzung übernehmen, und den Ärztekammern bliebe nur noch die inhaltliche Ausgestaltung.“
Der Streit um die zukünftige hausärztliche Versorgung droht die Novellierung der gesamten (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung zu überschatten, die das eigentliche Thema des Ärztetages ist. Ziel ist es, die Weiterbildung zu deregulieren und an den aktuellen Stand der medizinischen Entwicklung anzupassen. Kernelement der Reform ist der Bundes­ärzte­kammer zufolge die Abgrenzung von „Gebietsdefinition“ und „Facharztkompetenz“. Das heißt, die Gebietsgrenzen ergeben sich nicht mehr wie bisher aus der Summe der im Gebiet aufgeführten Inhalte. Die Weiterbildung beschränkt sich auf die Kernelemente des Gebiets, die während der Mindestweiterbildungszeit erlernt werden müssen. Ausüben darf der Arzt nur das, was er erlernt hat. Seine Zulassung gilt mithin nicht für das Gebiet, sondern für die Facharztkompetenz. Dieses Konzept schließt ein, dass die Gebietsgrenzen durch keine der Qualifikationsarten erweitert werden. „Mit dieser Regelung müssten wir auch im Vertragsarztrecht besser zurechtkommen als bisher“, hatte der Vorsitzende der Weiterbildungsgremien der Bundes­ärzte­kammer, Dr. med. H. Hellmut Koch, schon vor zwei Jahren beim Ärztetag in Ludwigshafen betont. „Die Weiter­bildungs­ordnung ist zwar primär eine Bildungsordnung. Aber selbstverständlich muss sie mit Vertrags- und Sozialrecht abgeglichen werden.“ Die Rücksichtnahme auf vertragsärztliche Belange hatte damals auch die Ver­tre­ter­ver­samm­lung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) angemahnt.
In Ludwigshafen hatte der Ärztetag den Paragraphenteil (Abschnitt A) der (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung zustimmend zur Kenntnis genommen, der die allgemeinen rechtlichen Bestimmungen enthält. Der Beschluss war die Grundlage für die Erarbeitung der Abschnitte B und C, die die Weiterbildungsbezeichnungen und Inhalte der Weiterbildungsgänge verzeichnen. Danach können Ärzte in der Weiterbildung künftig Facharzt- und Schwerpunktbezeichnungen sowie Zusatzweiterbildungen erwerben. Damit reduziert der Entwurf, den der Vorstand der Bundes­ärzte­kammer dem Ärztetag in Köln vorlegen wird, die Qualifikationsarten von bisher fünf auf drei. Sie werden jeweils mit einer Prüfung vor der Ärztekammer abgeschlossen und sind führungsfähig.
Neu ist der „common trunk“
Eine weitere Neuerung ist die Einführung einer gemeinsamen Basisweiterbildung (common trunk) beispielsweise im Fach Chirurgie. Es wurde mit seinen ursprünglich vier Schwerpunkten und den bislang eigenständigen Gebieten Herz-, Kinder- und Plastische Chirurgie wieder zu einem Gebiet zusammengeführt. Die Spezialisierungen innerhalb des Gebietes berechtigen nach Abschluss der Weiterbildung zum Führen eines Facharzttitels. Die Novelle der Weiter­bildungs­ordnung sieht darüber hinaus vor, dass die berufsbegleitende Weiterbildung künftig curriculär erworben werden soll. Außerdem konkretisiert sie die Übergangsbestimmungen.
Die Bundes­ärzte­kammer zeigt sich trotz der Querelen um die Hauarzt-Qualifikation optimistisch. Das Gesamtpaket der (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung sei breit abgestimmt und habe viel positive Rückkopplung erhalten. Der Zweite Vorsitzende der KBV, Dr. med. Leonhard Hansen, bestätigt diesen Eindruck. „Unsere Bedenken in Ludwigshafen sind ernsthaft aufgegriffen worden. Das Konzept wird von uns zu 95 Prozent völlig akzeptiert.“ Heike Korzilius
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