ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2003Integration: Langer Prozess, keine „Liebesehe“

POLITIK: Kommentar

Integration: Langer Prozess, keine „Liebesehe“

Dtsch Arztebl 2003; 100(19): A-1236 / B-1040 / C-972

Waldherr, Benedikt

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LNSLNS Viele Psychologische Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten sind vom derzeitigen Stand der Integration in die Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) enttäuscht. Darauf wies unter anderem ein Artikel in Heft 11 des Deutsches Ärzteblattes hin. Eine Enttäuschung setzt voraus, dass man sich vorher einer Täuschung hingegeben hat. So beendet eine Enttäuschung eben diese Täuschung, und es kommt zu einer realistischen Sicht der Dinge. Dieser Vorgang scheint eher etwas Positives als Beklagenswertes zu haben.
Die Ärzteschaft hat zu keiner Zeit den Eindruck erweckt, nur auf die Psychologischen Psychotherapeuten gewartet zu haben und sich mit großer Freude der Integration zuwenden zu wollen. Es war von Anfang an eine „Zweckehe“, die angesichts knapper werdender Ressourcen sinnvoll erschien. Bereits die Rücknahme des Beschlusses zur Integration im September 1997 durch die Ver­tre­ter­ver­samm­lung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung ließ deutlich erkennen, dass die Bereitschaft der Ärzte, die Psychologen zu integrieren, nicht groß war. Die gesetzliche Begrenzung auf zehn Prozent in den Ver­tre­ter­ver­samm­lungen der KVen war Ausdruck hiervon.
Im Gegensatz dazu hat die Zusammenarbeit zwischen Ärzten und Psychologen an der Basis über lange Jahre sowohl im Delegationsverfahren als auch im Kostenerstattungsverfahren im gemeinsamen Interesse für die Patienten gut funktioniert. Gleichwohl sind viele Psychologen nur mit Widerwillen in die KVen gegangen und erleben sich noch heute als Opfer eines Zwangs, dem sie jedoch zugestimmt haben. Keiner wurde gezwungen, aber einige haben sich mit allen Mitteln und manchen Tricks in ein System begeben, unter dem sie nun leiden. Einige Psychologische Psychotherapeuten verhalten sich so, als müsste sich die Ärzteschaft bei ihnen entschuldigen für die bestehenden Rechtsnormen und Regelungen, die sich aus den Gesetzen ergeben und die die KVen bei der Sicherstellung überwachen müssen. Dass dies die Ärzte gleichermaßen trifft, wollen viele nicht sehen. Eine Liebesehe war die Integration von Anfang an nicht, sondern ein langer, schwieriger Prozess.
Viele Ärzte haben sich bemüht, eine gerechte Integration voranzutreiben – hervorzuheben ist die KV Bayerns. Trotzdem wachsen auch in Bayern die Bäume nicht in den Himmel. Immerhin werden die Psychologen an den Vertragsverhandlungen beteiligt, und sie haben ein weitreichendes Mitsprache- und Mitbestimmungsrecht. Das Regelwerk des SGB V und der Zulassungsverordnung setzen oft unangenehme Grenzen. Insbesondere die restriktive Haltung der Krankenkassen in den Honorarfragen verdeutlichte, dass einer effektiven Interessenvertretung der Psychologischen Psychotherapeuten Grenzen gesetzt sind.
Eine Aufhebung der Zehnprozentgrenze in den Ver­tre­ter­ver­samm­lungen ist wichtig – schon deshalb, weil das Gefühl, ungerecht behandelt zu werden, entfallen würde. Die proportionale Vertretung in den Entscheidungsgremien der KVen bekämen eine realere Grundlage. Doch auch dann sind die Psychologen nur eine Minderheit. Einzelne kleinere Facharztgruppen würden von einem solchen Minderheitenschutz träumen.
Leicht haben es einige Psychologen den Vertragsärzten nicht gemacht. Oft ist es Unwissenheit, gemischt mit angstvollen Projektionen, die hinter einfachen Verwaltungsvorgängen das „Böse“ erahnen wollen. Wo bleibt die innere Gelassenheit und kognitive Distanz gegenüber den eigenen „paranoiden“ Anteilen? Künftig werden auch die Psychotherapeutenkammern die Kollegen überwachen müssen. Man wird sich mit Fragen der Abrechnungsplausibilität und der Einhaltung von Qualitätsstandards auseinander setzen müssen. Der Aufbau der Berufsordnung, die Weiterentwicklung der Qualität und die Sicherung der Versorgung innerhalb des eigenen Berufsfeldes sind schwierige Aufgaben. Das wird vielen genauso wenig gefallen wie jetzt die Überwachung durch die KVen.
Die Psychologen müssten so viel Realitätssinn haben, dass in einer Zeit, in der die Ressourcen knapper werden und die Fachärzte elementar durch politische Strukturveränderungen bedroht werden, es sehr schwer ist, sich als neuer Heilberuf zu etablieren. Vier Jahre Integrationsarbeit sind eine lange Zeit, und manches konnte nicht erreicht werden. Es ist verständlich, dass viele ungeduldig werden, zumal es in einigen Bundesländern katastrophale Honorierungsbedingungen gibt – Probleme, die auch die ärztlichen Psychotherapeuten betreffen.
Es ist falsch, die Integration für gescheitert zu erklären. Die mühsamen Prozesse der Annäherung und Vertrauensbildung innerhalb der Selbstverwaltung werden dadurch sehr infrage gestellt. Manche Prozesse brauchen geduldige Sacharbeit. Drastische Brandbriefe und hektische Öffentlichkeitsarbeit reißen alte Gräben leichtfertig wieder auf.

Dipl.-Psych. Benedikt Waldherr,
Mitglied des Vorstands der Kassenärztlichen
Vereinigung Bayerns
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