ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2003Katastrophenschutz: Mehr Realitätssinn ist gefordert

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Katastrophenschutz: Mehr Realitätssinn ist gefordert

Dtsch Arztebl 2003; 100(19): A-1243

Hoffmann, Horst

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Ärzte und speziell ausgebildete Krankenpfleger während einer Schutzübung, bei der das Vorgehen beim Auftreten einer hochansteckenden lebensbedrohlichen Krankheit geprobt wurde (hier im Dezember 2002 in Frankfurt/Main) Foto: ddp
Ärzte und speziell ausgebildete Krankenpfleger während einer Schutzübung, bei der das Vorgehen beim Auftreten einer hochansteckenden lebensbedrohlichen Krankheit geprobt wurde (hier im Dezember 2002 in Frankfurt/Main) Foto: ddp
Kritische Anmerkungen zur aktuellen Situation des Katastrophen- und Zivilschutzes in Deutschland am Beispiel
eines eventuellen bioterroristischen Angriffs mit Pockenviren

Das Robert Koch-Institut (RKI) in Berlin ist in Deutschland in allen Impffragen die entscheidende Instanz. Von ihm werden im Namen der Ständigen Impfkommission (STIKO)1 regelmäßig für alle impfenden Ärzte verbindliche Verlautbarungen herausgegeben. Diese Empfehlungen haben auch insofern Relevanz, als damit ein Rechtsschutz für den impfenden Arzt und den Patienten gewährleistet ist. Wer die Verlautbarungen und öffentlichen Statements des RKI kritisch mit dem Stand der zurzeit tatsächlich möglichen Schutzmaßnahmen vergleicht, wird bedenkliche Diskrepanzen entdecken.
Für den Fall eines bioterroristischen Angriffs mit Pockenviren hat das RKI einen dreistufigen Krisenplan entwickelt:
Phase 1: Vorbereitungsphase. Kauf von Impfstoffen et cetera.
Phase 2: Erster Pockenfall außerhalb von Deutschland. Dann sollen hierzulande medizinisches Hilfspersonal und andere Bevölkerungsgruppen geimpft werden, die für die Aufrechterhaltung des öffentlichen Lebens erforderlich sind.
Phase 3: Auftreten eines oder mehrerer Pockenfälle in Deutschland. Dann sollen bei einzelnen Pocken-Fällen großflächige „Abriegelungsimpfungen“ durchgeführt werden, bei zahlreichen Fällen soll die ganze Bevölkerung innerhalb kürzester Zeit geimpft werden.
Unter anderem hat dieser Plan von Beginn an den Schönheitsfehler, dass laut Aussage des RKI erst Ende 2003 genügend Impfstoff für alle vorhanden sein wird. So sagte der Leiter des RKI, Prof. Dr. med. Reinhard Kurth, in einer Talk-Runde im TV-Sender Phönix am 26. März, dass bislang 65 Millionen Impfstoffe zur Verfügung stünden und dass, wenn nötig, die erforderlichen Impfstellen „innerhalb eines Tages stehen könnten“. Ebenso äußerte sich Innenminister Schily. Schaut man sich aber im Lande um, so wird man zu dieser Aussage keine Entsprechungen finden. So hat die Ärztekammer Schleswig-Holstein erst Anfang April mit ersten Schulungen von Impfärzten begonnen. Nach Einschätzung des Leiters des Katastrophenschutzes im Innenministerium Schleswig-Holstein, Helmut Preugschat, wird das Land erst im Herbst so weit sein. Skepsis scheint auch andernorts zu herrschen. So wurde am 12. und 13. April in Michaelisdonn, Kreis Dithmarschen, vorsorglich eine simulierte Massenimpfung durchgeführt mit dem Ergebnis: „Die 112 Impfstellen im Lande bräuchten im Ernstfall mehr Zeit, aber auch mehr Personal, um in fünf Tagen die Bevölkerung gegen Pocken zu schützen.“
Impf-Kapazität
Ich habe in meiner Praxis bis Anfang der Siebzigerjahre regelmäßig Kinder gegen Pocken geimpft. Bei optimaler Organisation und Assistenz kann ein Impfarzt am Tag circa 500 Personen impfen. Im Falle eines „worst case“, eines nicht auszuschließenden schlimmsten Szenarios, müssten innerhalb von nur fünf Tagen 80 Millionen Menschen geimpft werden. Geht man davon aus, dass für das Umfunktionieren von Turnhallen und anderen öffentlichen großen Räumen, für die Benachrichtigung, die Rekrutierung von Hilfspersonal, die Bereitstellung von Transportkapazitäten et cetera zwei Tage benötigt werden, so blieben für die eigentliche Impfung drei Tage. In dieser Zeit könnte ein Impfarzt 1 500 Personen impfen. Das heißt, dass bundesweit 50 000 Impfärzte benötigt würden, um diese Aufgabe zu erfüllen. Zum Zeitpunkt der Vorlage des RKI-Krisenplans war das Vorhandensein einer solchen Zahl von Impfärzten illusorisch. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Die Versicherung des RKI, ad hoc große Teile der Bevölkerung impfen zu können, kann daher nicht den Tatsachen entsprechen.
Ein seriöser Katastrophenschutz, der diese Bezeichnung verdient, sollte sich näher an der Realität orientieren. Dass die Bundesregierung Verunsicherungen der Öffentlichkeit vermeiden möchte, ist verständlich. Wenn sie sich allerdings nur darauf beschränkt, bedeutet das, dass hier eine Politik der Beschwichtigung betrieben wird, ohne dass eine tatsächliche substanzielle Absicherung gewährleistet wäre.
Eine solche Haltung entspricht eher dem Reaktionsmuster einer Public-Relation-Agentur und nicht der einer Gesundheitspolitik, die sich strikt an der Sorgfaltspflicht einer staatlichen Behörde ausrichtet, die allein schon wegen ihrer Monopolstellung in ihrer Zuständigkeit eine besondere Verantwortung hat. Realistische Einsichten auf der Grundlage fachlicher Kompetenz sollte den Vorrang bei allen Planungen und Vorbereitungen haben. Eine zu große Nähe zu den Intentionen der Politik kann hier für das RKI nicht gut sein.
Es sei auch angemerkt, dass eine solide, Menschenleben rettende Beratung der zu Impfenden bei dieser Massenimpfung unter Zeitdruck völlig undenkbar ist. Das bedeutet, dass Organtransplantierte mit immunsuppressiver Dauertherapie, HIV-Infizierte, Schwangere, Asthmatiker unter Corticosteroid-Medikation, Ekzematiker und viele andere, die nicht geimpft werden dürfen, ein ungeschützter Personenkreis wären. Dieser Personenkreis bekäme nur dadurch eine Überlebenschance, wenn alle anderen Personen innerhalb der strengen Frist von fünf Tagen durchgeimpft würden, weil dann die Überträgerkette unterbrochen würde. Hier gibt es erhebliche Diskrepanzen zwischen Planspielen und möglichen Szenarien in der Realität, nicht zuletzt wegen der zu erwartenden Panikreaktionen unter diesem Zeitdruck.
Auch der Begriff „Abriegelungs-Impfungen“ beinhaltet viele offene Fragen. Er suggeriert die Sicherheit einer Schutzmaßnahme, die in der Realität sehr wahrscheinlich nicht erreicht werden kann. Der Einsatz von Biowaffen im Rahmen des Terrorismus wird nicht auf dem flachen Lande stattfinden, sondern wegen der größeren Effizienz in Ballungsgebieten. Bei der hohen berufsbedingten Mobilität der Menschen sowie dem Ausmaß des Individualverkehrs ist die Wirksamkeit einer Abriegelungs-Impfung nur vorstellbar, wenn gleichzeitig mit einer sehr schnellen Massenimpfung im Umkreis der ersten Pockenerkrankung auch die Verkehrsströme angehalten würden. Wie soll man sich das etwa im Großraum Hamburg oder im Ruhrgebiet vorstellen? Wie viele Tausend Polizisten und Hilfspolizisten müssen in so einem Fall sofort einsatzbereit sein? So etwas ist bislang nicht organisiert.
Da der pockeninfizierte Patient schon fünf Tage vor dem Ausbruch der typischen Effloreszenzen, die in der Regel erst zu einer Diagnose führen, per Tröpfcheninfektion hochinfektiös ist, dürfte eine Abriegelung und ein Zurückverfolgen aller Kontaktpersonen bei dem Ausmaß unserer Mobilität unmöglich sein.
Mögliche Abläufe
Hier geben die Abläufe beim letzten Pockenfall in Deutschland 1970 in Meschede2 einen realitätsnahen Einblick in mögliche Abläufe. Ein deutscher Elektriker war mit hohem Fieber und Durchfällen aus Pakistan zurückgekehrt. Zuerst wurde eine Typhus-Erkrankung angenommen. Erst die typischen Effloreszenzen nach einigen Tagen brachte die Diagnose „Pocken“. In und um Meschede wurden damals sofort 120 000 Personen geimpft. Selbst unter Quarantäne-Bedingungen kam es zu 17 Erkrankungen in der Umgebung.
Heute, bei bereits erloschenem Impfschutz bei Älteren und den nicht geimpften Jungen, bei fehlender Infrastruktur für sofortige Impfungen, sähe die Bilanz wesentlich anders aus. Ein ähnlicher Fall ereignete sich 1972 im Kosovo, wo ein heimkehrender Pilger die Pocken einschleppte. Weil die Kontakte nicht mehr rückwirkend zu eruieren waren, wurden damals in wenigen Tagen 19 Millionen Menschen geimpft und so ein weiterer Ausbruch eingedämmt. Auch hier war der Ablauf der Katastrophe von dem schnellen Impfen und dem damals noch bestehenden höheren Durchimpfungsgrad bestimmt.
Die Entscheidung des RKI und des Paul-Ehrlich-Institutes, in Anbetracht der Impfnebenwirkungen zum gegenwärtigen Zeitpunkt eine prophylaktische Pockenimpfung abzulehnen, ist ein sehr schwerer und verantwortungsvoller Entschluss. Auch wenn diese Entscheidung von vielen Seiten kritisiert wird, zum Beispiel vonseiten einiger CDU-Politiker, so muss sie doch ausschließlich in den Händen dieser Institution mit ihrer Kompetenz bleiben. Es würde aber leichter fallen, eine solche Entscheidung zu akzeptieren, wenn dem nicht das Erlebnis von leichtfertigen Beschwichtigungen an anderer Stelle entgegenstünde.
Überdies sei bemerkt, dass die alleinige Fokussierung auf eine Gefahr durch Pocken nicht die aktuelle Szene abbildet. Nach Aussage von Prof. Stefan Schubert (Universität Leipzig)3 wird gegenwärtig möglicherweise an 50 anderen Erregem hinsichtlich ihrer Verwendbarkeit als Biowaffe geforscht. Insofern ist ein vollständiger Schutz der Bevölkerung gegen noch unbekannte Erreger nicht zu erreichen. Hier geht es aber um eine seriöse Prophylaxe im Bereich des zurzeit Machbaren, und da sind die Möglichkeiten bei weitem nicht erreicht. Vor allem sind mehr Öffentlichkeit als Voraussetzung für eine andere Bewusstseinslage und ein anderer Informationsgrad in der Bevölkerung notwendig.
Nach wie vor ist der Katastrophenschutz reine Ländersache, während der Zivilschutz eine Angelegenheit des Bundes ist4. Doch der Wirrwarr an Zuständigkeiten, der schon bei der Flutkatastrophe offenbar wurde, scheint noch nicht beseitigt zu sein.
Hier vergleichsweise ein Blick auf ent-sprechende Anstrengungen in anderen Ländern: In den USA wurden allein für das Jahr 2003 3,6 Milliarden US-Dollar für die Entwicklung und Beschaffung von Impfstoffen und Antibiotika bereitgestellt. Es werden dort Biowaffen-Einsätze trainiert und mit Massenimpfungen bei medizinischem Personal und Soldaten begonnen. Präsident Bush fordert die Bevölkerung zur freiwilligen Pockenimpfung auf. Daneben wird mit Hochdruck an einem Impfserum gegen Milzbrand gearbeitet. Hier ist zu bemerken, dass ein solcher Vorsprung in der Prävention durch einen höheren Durchimpfungsgrad der Bevölkerung mit einem modernen Impfstoff oder die Verfügbarkeit von ausreichenden Mengen an Antibiotika (zum Beispiel gegen Milzbrand) – und sei es nur die logistische Vorbereitung von geschulten Hilfskräften – auch einen strategischen und politischen Vorteil gegenüber anderen Ländern darstellt, die diesen Schutz nicht haben.
Benachrichtigung im Ernstfall
Eine weitere Lücke im Katastrophenschutz wird erkennbar, wenn man untersucht, wie die Menschen vom Ernstfall benachrichtigt würden. Von den ursprünglich über das Bundesgebiet verteilten 70 000 Sirenen sind nach Beendigung des Ost-West-Konfliktes nur noch circa 40 000 einsatzbereit. Die Gemeinden konnten so die Wartungskosten und die Mieten an die Hauseigentümer sparen. Vielerorts sind modernere „stille“ Alarmwege, zum Beispiel für die Feuerwehr, eingeführt worden. Die Situation ist hier von Landkreis zu Landkreis verschieden. So sind in Hamburg die Sirenen weitgehend abgeschafft, während in Kiel noch jeder Dachstuhlbrand bei Tag wie bei Nacht großräumig per Sirenengeheul angezeigt wird.
Man kann davon ausgehen, dass im Ernstfall die notwendige allgemein verbindliche, eindeutige und schnelle Information nicht lückenlos funktionieren wird. Nicht jeder hat immer und überall ein Radio an, und die Information über Megaphone durch Polizeiwagen dauert zu lange. Notwendig wäre eine im ganzen Bundesgebiet einheitliche und jedem bekannte Information, welche die Menschen, ganz gleich, wo sie sich befinden, sicher erreicht und sie auffordert, sofort das Radio einzuschalten oder eine Informationsquelle zu suchen.
Auch sei erwähnt, dass die bis Ende der 80er-Jahre noch gültige Regelung, nach der auch Privatpersonen beim Bau eines Schutzraumes in ihrem Hause vom Staat einen Zuschuss bekamen, seit einem Jahrzehnt nicht mehr gilt. Dieses Ausblenden der Möglichkeit eines Katastrophen-Szenarios, das Verharren in einer Illusion unberührbarer Sicherheit, trotz deutlicher politischer Signale, die eine veränderte globale Situation anzeigen, scheint in Verkennung ihrer Pflichten von unseren Funktionsträgerm sogar gestützt zu werden. Sei es wegen empfindlicher finanzieller Lücken, sei es, um das Land ruhig zu halten.
Die Welt ist nach dem schnellen militärischen Sieg im Irak nicht sicherer geworden. Der Terrorismus ist die Waffe der Ohnmächtigen, und ihre Zahl wird durch diesen und die vielleicht noch kommenden Kriege anwachsen und das Ausmaß ihrer Ohnmacht auch. Die Notwendigkeit, sich nicht nur logistisch und organisatorisch, sondern auch mental und psychologisch auf diese neuen Verhältnisse vorzubereiten, ist mit der Tendenz unserer Funktionsträger zur Beschwichtigung und Schönfärberei unvereinbar.
Es spricht vieles dafür, dass wir uns in Zukunft werden darauf einstellen müssen, mit einem anderen Wachheitsgrad, mit einer anderen Bewusstseinslage, mit der latent wachsenden Terrorismusgefahr als ständigem Begleiter zu leben. Das bedeutet Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit, aber auch private Vorsorge, soweit dies möglich ist. Hier ist das sinnvoll Machbare noch in keiner Weise erreicht. Das bedeutet vor allem das Einbeziehen dieser Vorstellung in unser Lebensgefühl, es kompatibel zu machen mit unserer privaten Lebensfreude, mit Urlaubsplanungen et cetera. Ein Ausblenden, Nicht-wahrhaben-Wollen, bildet nicht die Realität ab und bietet keinen Ausweg aus dem Konflikt zwischen der verständlichen Tendenz zur Verdrängung und den Erfordernissen der Wirklichkeit.
Daraus ergibt sich ein wichtiger und neuer Aufgabenbereich für Zivil- und Katastrophenschutz, durch eine breite und offene Diskussion und durch eine erkennbar realitätsnahe Vorsorge das Vertrauen der Menschen wiederzugewinnen und an diese neuen Realitäten zielstrebig heranzuführen. Diese Aufgabe ist bisher nicht ansatzweise erfasst.

zZitierweise dieses Beitrags:
Dtsch Arztebl 2003; 100: A 1243–1245 [Heft 19]

Anschrift des Verfassers:
Dr. med. Horst Hoffmann
Aalborgring 38, 24109 Kiel
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