ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2003Hochschulmedizin: Zustimmung
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LNSLNS Der Kritik von Herrn Kollegen Mössner kann ich leider nur zustimmen: In der Hochschulmedizin wird der Mangel verwaltet statt die Zukunft gestaltet.
Prinzipiell ist die Medizin eine Dienstleistungsdisziplin für den Patienten, die sich nicht als primäres Ziel den profitablen Markt sucht. Zwangsläufig muss daher – bedingt durch finanzielle Nöte im Gesundheitswesen – die derzeit praktizierte kaufmännische Dominanz mit einem ausgeprägten betriebswirtschaftlichen Konzept ein erhebliches Umdenken in der Hochschulmedizin bewirken. Die Übernahme dieses Konzepts muss aber mit Augenmaß geschehen, und ein hohes Maß an Sensibilität für den sich zwangsläufig daraus ergebenden Interessenkonflikt zwischen humanitärer Dienstleistung einerseits und kaufmännischer Denkweise mit Profitorientierung andererseits ist Voraussetzung für den Erfolg. Der Interessenkonflikt ist zz. auf allen Ebenen der Hierarchie eines Universitätsklinikums wie folgt gegeben:
- Der wissenschaftliche Angestellte wird durch Prämien zur Codierfreudigkeit angetrieben mit der Gefahr, dass er seinen Aufgaben in der Patientenversorgung und in der Forschung und Lehre nicht mehr wie bisher nachkommt.
- Dem ärztlichen Leiter einer Klinik oder Abteilung bis hin zum amtierenden Dekan kann entweder durch außertarifliche Vergütungen oder durch zusätzliche Zuweisungen im Bereich der Nutzungsflächen und Personalmittel kaufmännische Kooperationsbereitschaft abgewonnen werden.
- Die kaufmännische Leitung eines Klinikums kann bei der Festsetzung ihrer eigenen außertariflichen Vergütung auf verschärften Profit-orientierten Kurs unter Benachteiligung der medizinischen Primäraufgaben eingeschworen werden.
Die kaufmännische und betriebswirtschaftliche Dominanz auf Kosten der medizinischen Fachkompetenz im Klinikmanagement führt sicherlich kurzfristig zu einer Reduktion des Budgetdefizits oder gar zu einem Ausgleich mit zukünftigen Gewinnerwartungen. Da aber hierbei häufig ein Investitionsstau bei der Instandhaltung eingegangen und vor allem die Forschung und Lehre als Zuschussbetrieb angesehen wird, wird mittel- und langfristig ein Qualitätsabfall in der medizinischen Versorgung eintreten und ein ausgesprochener Nachwuchsmangel für qualifizierte Fachkräfte die Folge dieser kurzfristig gedachten Konzeption sein. Es besteht meiner Ansicht nach die berechtigte Sorge, dass dem Krankenhauswesen und insbesondere der Hochschulmedizin eine ähnliche Entwicklung droht wie der forschenden Arzneimittelindustrie in Deutschland. Diese versuchte durch ein überwiegend kaufmännisch bestimmtes Management die Entdeckung von vom Marketing vorgegebenen sog. Blockbuster durch Ziel- und Zeitvorgaben anstatt durch das freie Spiel in den Forschungslabors verordnen zu können. Dieses Konzept hatte zur Folge, dass in Deutschland die Innovationskraft schwindet und die Pharmabranche in den letzten zehn Jahren von einer Spitzenposition in die Mittelmäßigkeit abgedriftet ist.
Nach meinem Dafürhalten scheint das kaufmännisch dominierte Klinikummanagement nach der Ordinarien- und Chefarztdominanz auch schon wieder ein Auslaufmodell zu sein und bedarf daher dringend einer Novellierung. Benötigt werden jetzt wieder mehr medizinische Fachkompetenz und in die Zukunft schauende unternehmerische Qualitäten, die nur von dem Fachmann aus der Medizin zu erwarten sind. Weiterhin wünsche ich mir sehr, dass die Politiker eine höhere Sensibilität für den Interessenkonflikt in Deutschland entwickeln.
Prof. Dr. Hannsjörg W. Seyberth, Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin der Philipps-Universität Marburg, Deutschhausstraße 12, 35033 Marburg
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