ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2003Qualitätssicherung: Das Ende ärztlicher Selbstverwaltung?

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Qualitätssicherung: Das Ende ärztlicher Selbstverwaltung?

Dtsch Arztebl 2003; 100(19): A-1254 / B-1056 / C-987

Bofinger, Friedrich

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LNSLNS Die rasant steigende Arbeitslosigkeit mit ihren negativen Konsequenzen für den Sozialstaat ist besonders eine Folge fehlender substanzieller Handlungsfähigkeit seitens der in der Politik tätigen Personen. Es ist schon makaber, dass der Druck auf die Ärzte größer wird, je mehr die Entscheidungsträger in Bedrängnis geraten. Schon seit geraumer Zeit geistern Unwörter wie Leitlinien, evidence based medicine, diagnosebezogene Fallpauschalen, Ärzte-TÜV oder Fünfjahreszulassungen zur Kassenarztpraxis durch die Nachrichten und die Standespresse.
Hinsichtlich der Chronologie der Ereignisse sticht ein zeitlicher Zusammenhang zwischen der außer Kontrolle geratenen Arbeitslosigkeit, den ausufernden Sozialabgaben und der demographischen Entwicklung ins Auge; offensichtlich versuchen die politisch Verantwortlichen von ihrer Ohnmacht abzulenken, längst überfällige Reformen in der Beschäftigungspolitik auf den Weg zu bringen. Sie erwecken den Eindruck, mit viel versprechenden Formulierungen und Paragraphen zur Qualität ärztlichen Tuns richtungweisend politisch tätig zu werden; bei genauer Betrachtung jedoch entpuppen sich die Maßnahmen als Pseudoqualitätsinstrumentarien, die u. a. über mangelhafte politische Gestaltungsfähigkeit hinwegtäuschen sollen. Das zentrale Problem des deutschen Sozialstaates ist bestimmt nicht die Güte der Patientenbehandlung, sondern die am Boden liegende wirtschaftliche Entwicklung. Nach wie vor wird die stetig steigende Arbeitslosigkeit an der Substanz der Sozialkassen zehren, und die erwarteten Einsparungen, besonders auf dem Rücken der Ärzte, werden bald aufgebraucht sein. Die Grundübel, besonders die Arbeitslosigkeit, bleiben ungelöst.
Leider geraten zu viele Ärzte in die skizzierte Falle, indem sie mit Eifer, politischer Unerfahrenheit und vorauseilendem Gehorsam an der Formulierung von Leitlinien usw. mitwirken. Realisieren sie nicht, dass sie instrumentalisiert werden und mithelfen, die ärztliche Kunst zu diskreditieren?
Ärztliche Kunst besteht in der verantwortungsvollen Anwendung von verallgemeinerbaren Gesetzmäßigkeiten, von Wissen und ärztlicher Erfahrung auf den besonderen Fall. Es geht um die individuelle Behandlung des Kranken und nicht um den schematischen, stereotypen therapeutischen Umgang, der die Ärzte zu ewigen eingeschüchterten Schülern degradiert . . .
Dr. med. Friedrich Bofinger,
Berliner Platz 1, 84489 Burghausen
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