ArchivDeutsches Ärzteblatt6/1996Ehepartner in der Praxis: Miteinander oder gegeneinander?

VARIA: Wirtschaft - Berichte

Ehepartner in der Praxis: Miteinander oder gegeneinander?

Wilchfort, David

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LNSLNS Wenn ein Paar sein Privat- und sein Arbeitsleben miteinander teilt, wie beispielsweise ein Arzt und seine in der Praxis mitarbeitende Ehefrau, dann bedarf es einiger Koordination und Zuwendung. Ohne die Mithilfe der Ehegattin ginge es in vielen Praxen gar nicht. Aber gerade diesem Bereich wird meist sehr wenig Beachtung geschenkt. Im folgenden Beitrag schildert David Wilchfort, Doctor of Medicine/Universität Toronto – Facharzt für Psychotherapeutische Medizin, welche Probleme diese Konstellation birgt, welche Lösungsansätze es gibt und welche Erfahrungen er mit speziellen Seminaren zum Thema "Couple Coaching" gemacht hat.


Uns darüber Gedanken zu machen, wie sich das verträgt, daß wir zusammenleben und miteinander arbeiten, dazu haben wir wirklich keine Zeit! Wenn man sich versteht, dann funktioniert das automatisch. Ansonsten sollte man es eben bleibenlassen!" So denken viele Ärzte und ihre in der Praxis mitarbeitenden Ehefrauen. Koordination funktioniert nach ihrer Meinung intuitiv – oder gar nicht.
Man würde zwar nie eine Arzthelferin einstellen oder eine Gemeinschaftspraxis eröffnen, ohne klare Abmachungen über Verantwortung und Pflichten zu treffen. Mit dem eigenen Ehepartner hält man solche Klärungen aber für überflüssig. Dies führt jedoch auf beiden Seiten zu unausgesprochenen Erwartungen, Annahmen und Wünschen, die sich schnell zu Konflikten ausweiten können.


Auf einmal Hierarchie
Es gibt einige Klippen, wenn man zusammen lebt und arbeitet. Denn im Grunde beeinflussen sich alle Lebensbereiche in einer Partnerbeziehung gegenseitig; und alle Paare haben ihr spezifisches Kommunikationsmuster, das von ihnen selbst nicht unbedingt erkannt wird. Einige Beispiele:
1 Probleme durch die Hierarchie: In den meisten Arztpraxen herrscht eine klare hierarchische Ordnung. So ist der Praxisinhaber für die Patientenversorgung zuständig, weil er über das entsprechende Fachwissen verfügt. Die anderen in der Praxis arbeiten ihm zu, auch seine Frau. Wenn das Paar aber privat gleichberechtigt zusammenleben will, dann müssen beide Partner täglich von einer auf die andere Beziehungsebene wechseln. Dieser ständige Wechsel in der Beziehungsform ist in jeder Partnerschaft eine Herausforderung. Sie ist nur zu meistern, indem man das Thema bewußt angeht.
1 Identifikationsprobleme der Ehefrau: Die in der Praxis mitarbeitende Ehefrau weiß oft nicht recht, mit wem in der Praxis sie sich bei Konflikten identifizieren soll. Einerseits ist sie in der Praxis angestellt und teilt damit die Bedürfnisse der Arzthelferinnen. Andererseits ist sie als Ehefrau auch Mitbesitzerin der Praxis. Das kann zu widersprüchlichen Interessen führen.
1 Es gibt keine Geheimnisse mehr: Wo bleibt der notwendige persönliche Lebensbereich für beide Ehepartner? In einer "24-Stunden-Paarbeziehung" gibt es keine Geheimnisse mehr. Jeder weiß über den Tagesablauf des anderen Bescheid und kann sich dadurch in alle Bereiche einmischen.
Wenn er sagt, daß er in der Praxis überlastet sei und häuslichen Verpflichtungen nicht mehr nachkommen könne, hat sie die Möglichkeit, ihm vorzuwerfen, er arbeite hier und dort ineffizient. Wenn eine "fremde" Helferin sagt, sie müsse wegen dringender Familienangelegenheiten früher nach Hause, kann er es nicht nachprüfen. Wenn sie es hingegen sagt, kann er mit ihr die Notwendigkeit diskutieren.


Neue Muster als Lösung
Um die besondere Konstellation zu meistern, gibt es Möglichkeiten:
¿ Um die notwendige Entspannung, die beide brauchen, zu ermöglichen, ist es notwendig, daß sich beide "Hemmungen" auferlegen im Umgang mit dem anderen. Berufliche und private Themen sollte man trennen – zum Beispiel mit Hilfe klarer Vereinbarungen.
À In vielen Praxen werden Teambesprechungen angesetzt und häufig wieder abgesagt. Erst wenn etwas "schiefläuft", vereinbart man den nächsten Termin. Aber die Kontinuität, um die Kommunikation in der Praxis weiterzuentwickeln, fehlt. Deshalb: Teambesprechungen regelmäßig vereinbaren und ihnen hohe Priorität geben.
Á Wenn etwas schiefläuft, sieht das Muster – nicht nur zwischen Ehefrau und Ehemann – häufig so aus: Gegenseitige Schuldzuweisung Ý sofortiger emotionaler Streit Ý oberflächliche Versöhnung, weil man weitermachen muß Ý das Ganze vergessen, bis ähnliches wieder passiert. Besser wäre es, gemeinsam eine Notlösung zu suchen Ý bei der nächsten Praxisbesprechung den Ablauf des Malheurs mit allen zu untersuchen Ý das Mißgeschick als Chance zu sehen, um zu neuen Lösungsmöglichkeiten zu kommen.
Eine Möglichkeit, Probleme in der Kommunikation mit dem Lebens- und Arbeitspartner anzugehen, heißt "Couple Coaching". Idealtypischerweise setzen sich vier bis fünf Paare für ein Wochenende mit ei- nem Kommunikationstherapeuten zusammen, um typische Probleme zu besprechen und zu individuellen, kreativen Lösungsansätzen zu kommen. Gegen solche "Psychokisten" bestehen erhebliche Vorbehalte. Ein Gruppengespräch hat jedoch viele Vorteile gegenüber lähmenden Auseinandersetzungen zu zweit:
! Zum Zeitpunkt des Gruppengesprächs besteht weniger Affekt als im Moment des tatsächlichen Konfliktgeschehens. Die Abläufe können nüchterner betrachtet werden. Mißverständnisse werden schneller deutlich und so als Pseudokonflikte entlarvt.
! Um dem anderen bestimmte Sachverhalte deutlich zu machen, müssen auch nicht hinterfragte, unterschiedliche Grundannahmen beider Partner aufgedeckt werden. Die "schlampige" oder "eingefahrene" Diskussionsweise der Partner, die sonst hinderlich ist, wird in der Gruppe verhindert. Möglich wird so eine gründlichere Bestandsaufnahme.
! In der Gruppe läßt sich leichter verstehen, inwieweit man seine Wünsche und Bedürfnisse dem Partner ineffektiv mitteilt. Außerdem lassen sich (von anderen) neue Verhaltensweisen lernen.


Wirkungen auf die Patienten
"Couple Coaching" kann auch Antwort auf folgende Fragen geben:
H Wie wirken wir als Paar auf unsere Patienten? Erleben sie uns als einladend, oder weichen sie innerlich zurück?
H Wie können wir unsere Kommunikation effektiver gestalten und unnötige Reibungspunkte vermeiden, damit die Arbeitsabläufe im Betrieb effizienter werden und wir dadurch wieder mehr Zeit für einander haben?
H Wie erlangen wir die Fähigkeit zum Krisenma- nagement, um trotz privaten "Knatschs" in der Arbeit weiter kooperieren zu können?
H Wie schaffen wir es, unsere unterschiedlichen Stärken nicht gegeneinander auszuspielen? Wie können wir sie statt dessen als Ergänzungspotential nutzen, um dadurch die Ressourcen, die in unserer Beziehung schlummern, zum Wohl der Praxis und der Partnerschaft zum Leben zu erwecken?


Ausreden, um Kommunikation mit dem Partner zu vermeiden
"Das kann ich ihm nicht zumuten."
"Damit würde ich ihn zu sehr verärgern."
"Das könnte er gegen mich verwenden."
"Ich darf ihn damit nicht belasten."
"Ich könnte seinen Wutanfall nicht verkraften."
"Es ist eigentlich nicht so wichtig."
"Ich werde mich daran gewöhnen müssen."
"So etwas muß man aushalten können."

Anschrift des Verfassers:
David Wilchfort
Ziegelhofstraße 7a
81247 München

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