ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2003Aktienleerverkäufe: Hoffen auf sinkende Kurse

VARIA: Wirtschaft

Aktienleerverkäufe: Hoffen auf sinkende Kurse

Dtsch Arztebl 2003; 100(19): A-1290

Godek, Manfred

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Foto: dpa
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Was tun, wenn es an der Börse abwärts geht?
Eine in Deutschland noch weitgehend unbekannte Möglichkeit ist der Aktienleerverkauf.

Das Prinzip beim Aktienleerverkauf ist einfach: In der Erwartung, dass der Kurs fällt, leiht sich der Anleger Aktien und verkauft sie. Später kauft er sie preisgünstiger zurück, verbucht die Differenz als Gewinn und gibt die Papiere an den Entleiher zurück – ein „spiegelbildlicher“ Aktienhandel.
In den USA ist der Leerverkauf („short sell“) eine gängige Anlageform. Hierzulande sind sie nach dem Kapitalanlagegesetz in der Vermögensverwaltung nicht zulässig, weil nur im Depot verwaltete Papiere gehandelt werden dürfen. Geliehene rechnet man nicht dazu. Wer allerdings sein Depot in Eigenregie managt, kann auch in Deutschland „shorten“ – vorausgesetzt, jemand ist bereit, ihm Aktien zu leihen.
Die Online-Broker Sino und Consors ermöglichen vermögenden Kunden Leerverkäufe von ausgesuchten Werten, die von den Depotbanken Trinkhaus und Burkhard und Consors Direkt Bank zur Verfügung gestellt werden. Die Leihgebühr liegt bei 60 bis 70 Euro pro Position. Die Leihdauer beträgt in der Regel sieben Tage. Innerhalb dieser Frist muss der Rückkauf erfolgen, auch wenn der Kurs wider Erwarten gestiegen ist.
Ein Aktienkurs kann theoretisch extrem hoch steigen und mit ihm der Verlust. Ungeübte Anleger geraten manchmal in einen „short squeeze“: Wenn der Kurs zu steigen beginnt, kaufen sie schnell Aktien zurück, um nicht ins Minus zu geraten, erreichen damit jedoch das Gegenteil. Der Kurs wird weiter angeheizt und der Trader „ausgequetscht“. Erfahrene Leerverkäufer beschränken sich deshalb auf breit gehandelte – „liquide“ – Aktien, bei denen die Gefahr plötzlicher Kursausschläge eher gering ist. Enge „Stop-Loss-Marken“ begrenzen das Risiko. Steigt der Kurs, erfolgt automatisch der Rückkauf beim festgelegten Limit.
In der Vermögensverwaltung sind Leerverkäufe in Deutschland zwar nicht möglich, jedoch mit einem Depot in den USA. Private Anlageberater bieten solche Engagements an. Dabei ist Vorsicht geboten. Schwarze Schafe gibt es in der Branche genug. Testierte Echtgeld-Musterdepots dokumentieren, ob ein Anbieter mit eigenem Risiko über einen längeren Zeitraum erfolgreich ist. Bei der US-Partnerbank sollte es sich zudem um eines der führenden Häuser handeln und nicht um ein Provinzinstitut.
Broker verdienen an der Zahl der Transaktionen, häufiges Trading schmälert den Gewinn. Wachsender Beliebtheit erfreut sich deshalb die erfolgsabhängige Provision. Die Düsseldorfer HPM Portfolio Management GmbH, die seit 1995 an der Nyse, Amex und Nasdaq „shortet“ und einer der ersten Anbieter von Leerverkäufen in Deutschland war, berechnet zum Beispiel zwischen 15 und 22 Prozent des Wertzuwaches pro Jahr. Die halbjährliche Verwaltungsgebühr für das Depot beim US-Clearinghaus Pershing beträgt je nach Anfangseinlage 0,45 Prozent bis 0,7 Prozent. Der Depotverwaltungsauftrag unterliegt deutschen Gesetzen. Inkassoberechtigt ist ausschließlich der Kunde.
Unumgänglich sind die An- und Verkaufsgebühren, die wegen der häufigen Orders besonders stark zu Buche schlagen. Sie betragen in den USA für Tranchen bis zu 49 999 US-Dollar zwischen 0,28 Prozent und ein Prozent plus jeweils 5,5 US-Dollar. Unter dem Strich lohnt sich diese Form der Geldanlage nach Expertenberechnung erst ab einem Startkapital von 15 000 US-Dollar.
Fehlende Publizität in Deutschland
Dass Leerverkäufe in Deutschland weitgehend unbekannt sind, liegt vor allem an der fehlenden Publizität. Die US-Börsen veröffentlichen monatlich alle Short-Positionen im Internet. So erhält der Privatanleger ein Bild davon, wie Profis die Performance bestimmter Aktien einschätzen. Nach dem neuen Finanzmarktförderungsgesetz müssen in Deutschland seit dem 1. April 2003 größere Leerverkäufe bei der Börsenaufsicht gemeldet werden. Mehr Information ist nicht vorgesehen.
„Leerverkaufen ist eine heiße Kiste“, warnt das Deutsche Aktieninstitut. Man solle das Geschäft den Profis überlassen. Manfred Godek
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