ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2003Harninkontinenz: Muskeltraining im Magnetfeld

VARIA: Technik

Harninkontinenz: Muskeltraining im Magnetfeld

Dtsch Arztebl 2003; 100(19): A-1291 / B-1077 / C-1009

Weindorf, Maria

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Bei dem Magnetstuhl NeoControl wird durch das ExMIVerfahren, basierend auf dem Faradayschen Prinzip der magnetischen Induktion, ein pulsierendes Magnetfeld erzeugt, das die Nervenzellen stimuliert. Sitzt der Patient auf dem Stuhl, dringen Magnetwellen etwa acht Zentimeter tief in den Beckenboden ein und regen die Beckenbodenmuskeln an, indem sie alle Zweige der pudendalen und splanchnischen Nerven aktivieren. Werkfoto
Bei dem Magnetstuhl NeoControl wird durch das ExMIVerfahren, basierend auf dem Faradayschen Prinzip der magnetischen Induktion, ein pulsierendes Magnetfeld erzeugt, das die Nervenzellen stimuliert. Sitzt der Patient auf dem Stuhl, dringen Magnetwellen etwa acht Zentimeter tief in den Beckenboden ein und regen die Beckenbodenmuskeln an, indem sie alle Zweige der pudendalen und splanchnischen Nerven aktivieren. Werkfoto
Völlig unscheinbar, wie ein etwas aus der Mode gekommenes Möbel, wirkt der Magnetstuhl NeoControl auf den ersten Blick. Wer allerdings darauf Platz nimmt, der kann eindrucksvoll erfahren, wo seine Beckenbodenmuskeln sitzen und wie sie sich gezielt kontrahieren lassen. Auf diese Weise konnten sich Ärzte und Journalisten bei einer Präsentation in Köln selbst von der Wirkungsweise einer neuen Form der extrakorporalen Magnetstimulationstherapie überzeugen.
Seit 1998 wird diese ExMi-Therapie (Extracorporal Magnetic Innervation Therapy) in den USA zur Behandlung von Funktionsstörungen des unteren Harntraktes insbesondere bei der Behandlung von Symptomen der hyperaktiven Blase mit Dranginkontinenz, Stressinkontinenz oder gemischter Inkontinenz angewendet. In Deutschland sind die neuen Geräte seit 2001 im Einsatz. Nun liegen auch hierzulande erste Behandlungsergebnisse vor.
Reizleitung ohne Strom
Das ExMI-Verfahren basiert auf dem Faradayschen Prinzip der magnetischen Induktion, wobei ein pulsierendes Magnetfeld erzeugt wird. Es wirkt ähnlich wie bei der Elektrotherapie als externe Kontraktionshilfe, allerdings mit einem Unterschied: nicht Muskelzellen, sondern Nervenzellen werden stimuliert. Während der Patient vollständig bekleidet auf dem Therapiestuhl Platz nimmt, fokussiert der speziell konstruierte Therapiekopf in der Sitzfläche des Stuhls die Magnetimpulse. Die Magnetwellen dringen etwa acht Zentimeter tief in den Beckenboden ein und regen dort die Beckenbodenmuskeln an, indem sie alle Zweige der pudendalen und splanchnischen Nerven aktivieren. Die Muskeln kontrahieren und entspannen bei jedem Impuls deutlich fühlbar für den Patienten, wobei die Kontraktionen der Impulsfrequenz des Therapiekopfes entsprechen. Bedient wird der Therapiestuhl über ein externes Steuergerät. NeoControl ermöglicht dabei die Programmierung individueller Therapieschemata, die in Länge, Frequenz und Stärke variieren können. Laut Studien aus den USA reichen 20 Sitzungen aus (zweimal pro Woche für 20 Minuten über sechs Wochen), um einen Therapieerfolg zu erzielen. Die Amerikaner hatten 1998 51 NeoControl-Patientinnen untersucht: Ein Drittel der Patientinnen war nach sechs Wochen beschwerdefrei, bei weiteren 32 Prozent hatten sich die Symptome deutlich gebessert.
Die Patienten, die für die Dauer der Therapiesitzung angezogen auf dem NeoControl-Sessel sitzen, erleben diese Therapieform als angenehm im Vergleich zu den bisherigen Methoden. Hier liegt das Erfolgsprinzip der non-invasiven Therapie. Durch die externe Kontraktionshilfe wird die Beckenbodenmuskulatur trainiert und wieder aufgebaut – für den Patienten schmerzfrei. Das erworbene Gespür für die Lage und die Beweglichkeit des Beckenbodens macht ein aktives Beckenbodentraining oft erst möglich und kann dessen Therapieerfolg verstärken. Erste Praxiserfahrungen aus Deutschland bestätigen, dass NeoControl die Miktionsfrequenz bei Drang- und Stressinkontinenz deutlich senken kann.
„Unsere Erfahrung zeigt, dass Elektrostimulation und auch die Magnetstimulationstherapie das Erlernen leichter macht“, fasst Dr. Kirschner-Hermanns ihre Erfahrungen am Universitätsklinikum Aachen zusammen. So sei der Einsatz dieser neuen Therapieform vor allem alternativ zur vaginalen Elektrostimulation zu sehen, da nicht wenige den direkten Sondenkontakt meiden wollen. „Die Vorteile der hochenergetischen Magnetfeldtherapie mittels Neocontrolstuhl liegen in der einfachen, schmerzfreien Anwendung sowie fehlenden Nebenwirkungen und einer damit verbundenen hohen Akzeptanz auch bei älteren Betroffenen“, kommentiert Professor Dr. med. Madersbacher der Universitätsklinik Innsbruck seine jüngsten Studienergebnisse. Dies gilt auch für die Behandlung von Post-Prostatektomie-Inkontinenz bei Männern. Derzeit laufen klinische Tests, um die Indikationen für NeoControl zu erweitern.
So soll NeoControl in Zukunft unter anderem auch bei Stuhlinkontinenz, zur Prävention der Inkontinenz nach Schwangerschaften, zum Muskelaufbau der Beckenbodenmuskulatur von MS-Patienten oder bei Anorgasmie der Frau oder bei erektiler Dysfunktion eingesetzt werden können.
Weitere Informationen: www.neocontrol.com, www.ki talpha-med.de. Maria Weindorf
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Avatar #745703
sissi-filou
am Samstag, 17. März 2018, 09:31

Muskeltraining im Magnetfeld

Sehr geehrte Frau Weindorf, zur Vorbereitung einer Prostata HoLEP OP wurde mir geraten den Beckenbodenmuskel zu trainieren. In ihrem o.g. Artikel steht leider nicht wo in Deutschland ein Muskeltraining mit Magnetfeld zu welchen Kosten (Kauf?) möglich ist. Da ich Entwicklungsingenieur bin würden mich auch die technischen Daten interessieren (Tesla, Frequenz etc). Vielen Dank im Voraus

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Anzeige