ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2003zur Allianz AG: Neues Leben

VARIA: Schlusspunkt

zur Allianz AG: Neues Leben

Dtsch Arztebl 2003; 100(19): [60]

Rombach, Reinhold

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LNSLNS Wie lassen sich völlig frustrierte Aktionäre so behandeln, dass sie am Ende gar froh sind, es hätte alles ja viel schlimmer kommen können? Vorstand und Aufsichtsrat der Allianz lösten diese Aufgabe, aus ihrer Sicht wenigstens, mit einiger Bravour. Auf der letzten Haupt­ver­samm­lung Ende April zogen Vorstand und Aufsichtrat alle Register der Kunst, dass einem Hören und Sehen fast verging.
Über eine Vielzahl von Videoleinwänden erlebten die staunenden Zuschauer nochmals die Flutkatastrophen des Vorjahres und alle möglichen Erdbeben weltweit. Siebentausendfünfhundert Augenpaare waren nach den optischen Eindrücken sichtlich froh, dass sie mit ihren Kapitalverlusten noch am wenigsten gestraft waren – Geld verloren, Leben behalten, tief Luft holen, bisschen mosern, ab ans Büffet.
Derlei Dramaturgie ist sehr wohl eine Glanzleistung, vor allem im Angesicht des ebenfalls erdrutschartigen Verlustes der Allianz-Aktie von 75 Prozent in nur einem einzigen Jahr. Die Vorführung erfüllte also voll ihren Zweck, den Aktionären sollte klar gemacht werden, wo der wirkliche Grund des Niedergangs zu suchen sei.
Von Managementfehlern indes war vergleichsweise wenig zu hören. Gleichwohl hat sich hier die Konzernführung nicht gerade mit Ruhm bekleckert, wie die fehlgeschlagene Integration der Dresdner Bank in die Allianzgruppe eindrucksvoll zeigt. In der Tat symbolisiert die Milliardenvernichtung bei der Allianz-Börsenkapitalisierung eine ge-
waltige Zäsur in der deutschen Industrielandschaft, nichts wird mehr so sein wie zuvor, lautet die Botschaft.
Doch halt. Wenn es richtig ist, dass bei schlechten Nachrichten gekauft werden muss, dann ist die Einhaltung dieser Regel bei der Allianz-Aktie möglicherweise angezeigt, meines Erachtens sogar dringend geboten.
Diese Einschätzung hat nicht nur mit dem neuen Chef Michael Diekmann zu tun, aber eben auch. Der 48-Jährige ist meiner Meinung nach genau der Richtige, die Allianz aus schwerem Fahrwasser zu führen. Aber auch die Substanz des Unternehmens ist längst nicht so marode, wie es der derzeit geringe Börsenwert widerspiegelt.
Wann allerdings die Allianz-Aktie zu neuem Leben erwacht, vermag ich nicht zu beurteilen. Auch Rückschläge wird es immer wieder geben. Auf Sicht von 24 Monaten dürfte der Assekuranztitel gleichwohl ein solides Verdoppelungspotenzial haben. Dieses Kursziel klingt enorm und ambitioniert, ist allerdings selbst für den Fall, dass es so kommt, nur ein Trostpflaster für diejenigen Aktionäre, die zu Kursen über 200 Euro gekauft haben.
Wer aber jetzt einsteigt oder Bestände verbilligt, wird vermutlich alles richtig gemacht haben, wenn er sich nur ausreichend Zeit lässt. Eine Allianz fürs Leben halt eingeht.
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