ArchivDÄ-TitelSupplement: PRAXiSPraxis Computer 2/2003Computergestütztes Lernen in der Strabologie: Der virtuelle Schielpatient

Supplement: Praxis Computer

Computergestütztes Lernen in der Strabologie: Der virtuelle Schielpatient

Dtsch Arztebl 2003; 100(19): [20]

Wassill, Klaus-Heiko

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Screenshot der Hauptoberfläche des Simulationsprogramms mit den Steuerungselementen
Screenshot der Hauptoberfläche des Simulationsprogramms mit den Steuerungselementen
Mit einem interaktiven Computerprogramm, das die motorische Steuerung der Augen simuliert, lassen sich frei wählbare Motilitätsstörungen virtuell untersuchen. Die Augen bewegen sich realitätsnah bei konstanter Fixation.
Eine wichtige Voraussetzung, um Schielwinkel zu messen, ist die Fähigkeit des Probanden zur konstanten Fixation eines kleinen Objektes. Gerade Kleinkindern fällt dies sehr schwer. Bei diesen Patienten ist aber der sichere Ausschluss einer Schielerkrankung wichtig, denn die Vermeidung/Behandlung einer Schwachsichtigkeit (Amblyopie) gelingt in diesem Alter besonders effektiv.
In einer augenärztlichen Praxis oder Klinik führt in den meisten Fällen die Orthoptistin die entsprechenden Untersuchungen aus. Die Methoden, die zum sicheren Ausschluss einer Schielerkrankung gehören, sind die verschiedenen Arten des Abdeck- oder Aufdecktests. Hier müssen kleinste Augenbewegungen bei der Fixationsaufnahme exakt beurteilt werden. Wenn sich in diesen prinzipiell sehr einfachen, aber nicht beliebig oft durchführbaren Tests Auffälligkeiten zeigen, sollte eine Okklusionstherapie (Abkleben eines Auges) in Erwägung gezogen werden, damit kein Verlust der Sehschärfe eintritt.
Trainingsmöglichkeiten am Patienten sind bei älteren Probanden zwar gegeben, dennoch ist die computergestützte Schulung der Grundlagen und Methoden eine sinnvolle Ergänzung der medizinischen Ausbildung. Die interaktive dreidimensionale Trainingssoftware „Der Virtuelle Schielpatient“ simuliert die augenärztlichen Untersuchungsmethoden, führt voreingestellte Augenbewegungen aus und ermöglicht es, unterschiedliche Einflüsse auf die Schielstellung der Augen darzustellen.
Methode
Kern des Programms sind zwei dreidimensional bewegliche Augen auf einem Monitor, die von mausgesteuerten Tools umgeben sind. Man kann sich die Augen als verkleidete Drahtgitterkugeln vorstellen, deren Pole die Iris bildet.
Die Illusion einer Bewegung ist identisch mit einer Änderung der Perspektive des Beobachters. Die Programmbibliothek OpenGL hat sich für diese Art der Simulation zum Standard entwickelt. Ophthalmologische Untersuchungsmittel stehen im umgebenden Rahmen zur Verfügung und wurden mit wxWindows programmiert. Zentrales Diagnostikum sind die Abdeckscheiben, mit denen der Seheindruck unterbrochen werden kann. Wegweisend zur Diagnose ist die motorische Antwort des anderen Auges, weil dieses sofort nach Unterbrechung des Sehens mit einer Fixationsaufnahmebewegung antwortet.
Prozedere
Mit den drei Schiebereglern (A, siehe Abbildung) und der Drag-and-drop-Technik kann der Lehrer eine Fehlstellung der Augen vorgeben. Die Augen folgen dann permanent dem Mauspfeil auf dem Monitor, oder sie blicken bei einem Mausklick zur Taschenlampe. In der Menüleiste hat man die Möglichkeit zum Wechsel zwischen den Folge- und den Fixationsaufnahmebewegungen durch Klick auf das Icon B (= Taschenlampe).
Mit einigen Bewegungen der Maus gelingt so die Demonstration, dass man nicht ohne weiteres entscheiden kann, welches Auge im Augenblick gerade fixiert. An dieser Stelle sollen die Lernenden einen möglichst präzisen Verdacht äußern. Zur Bestätigung des Verdachts ist dann zwingend eine Untersuchung erforderlich, die immer mit der Aufforderung zur Fixation beginnt. (Im Programm gelingt dies mit einem Klick auf das Icon C in der Abbildung.) Der Verdacht erhärtet und verschiebt sich nach einem weiteren Mausklick auf eine Abdeckscheibe (D, Abbildung). Diese Unterbrechung des Seheindrucks führt sofort zu eindeutigen Fixationsaufnahmebewegungen des zuvor schielenden Auges, somit zur Diagnose.
Die Voreinstellung zwischen manifestem und unterschwelligem Schielen gelingt in der Menüleiste unter Bearbeiten: Optionen: Tropie oder Phorie. In dieser Voreinstellung ist die Beobachtung der Augenbewegungen beim Entfernen der Abdeckscheibe entscheidend für die Diagnose.
Fazit
Die Sharewareversion des „Virtuellen Schielpatienten“ simuliert okuläre Motilitätsstörungen und erleichtert die Vermittlung der entsprechenden Untersuchungsmethoden. Die Terminologie der Eso-, Exo- Hypertropie und Hyperphorie verliert ihre Tücken. Der Lehrende kann die Kausalitätskette von Anamnese, Untersuchung, Diagnose und Therapie pflegen. Gleichzeitig verlagern die Lernenden Mehrfachuntersuchungen auf den PC. Die Sharewareversion des Programms ist kostenfrei erhältlich. Es steht unter der Adresse
www.med.uni-giessen.de/agma/schielpat zum Download zur Verfügung. Klaus-Heiko Wassill, Thomas Kowarsch
Anschrift für die Verfasser: Dr. med. Klaus-Heiko Wassill, Augenklinik der Justus-Liebig-Universität Gießen, Friedrichstraße 16, 35392 Gießen, Telefon: 06 41/9 94 39 40, E-Mail: dr@wassill.de
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