BÜCHER

Narzissmus und Macht

PP 2, Ausgabe Mai 2003, Seite 194

Wirth, Hans-Jürgen

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Psychologie der Macht
Neue Denkwege
Hans-Jürgen Wirth: Narzissmus und Macht. Zur Psychoanalyse seelischer Störungen in der Politik. Psychosozial-Verlag, Gießen, 2002, 439 Seiten, 24,90 €
Geht die soziologische Sichtweise davon aus, dass es die Machtpositionen in Institutionen und in der Politik sind, die den einzelnen Mächtigen formen und schließlich auch deformieren, setzt diese Untersuchung an den persönlichen Voraussetzungen der Mächtigen an, ohne dabei die gesellschaftliche Perspektive außer Acht zu lassen. Als Bezugsrahmen dienen die modernen Narzissmustheorien, und es ist ein Vorzug dieses Buches, dass es den Leser über die Entwicklung der psychoanalytischen Theorie der letzten Jahrzehnte ins Bild setzt.
Die zentrale These lautet, „dass gesellschaftliche Macht gesucht wird, um innere Gefühle von Ohnmacht, Hilflosigkeit und Minderwertigkeit zu kompensieren. Macht übt deshalb gerade auf solche Personen eine unwiderstehliche Anziehungskraft aus, die an einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung leiden“. Überzeugend belegt wird dies am Beispiel von Slobodan Milosevic (einer von Kindheit an schwer traumatisierten Persönlichkeit), der, verbunden mit einer „paranoiden Festungs-Ehe“, zusammen mit seiner Frau Mira unbewusste Erwartungen und Ängste der serbischen Bevölkerung über nationale Mythen bediente.
Brennend aktuell werden die Analysen dann, wenn an Denktabus gerüttelt und die Methode auf bundesdeutsche Politiker angewandt wird. Der psychoanalytisch geschulte Blick richtet sich auf die Barschel-Affäre, Helmut Kohl wird porträtiert, die Beziehung Kohl-Schäuble unter die Lupe genommen und die Paardynamik des Ehepaars Kohl reflektiert. Zahlreiche Vignetten zeigen, dass der psychoanalytische Ansatz auch auf diesem Feld einen wertvollen Zugang zu öffnen vermag. Ein schönes Beispiel für den einzigartigen Beitrag, den die psychoanalytische Interpretation leisten kann, ist die Untersuchung des Nervenkriegs, den Barschel im Wahlkampf 1987 gegen seinen Konkurrenten Björn Engholm führte und dessen psychologische Hintergründe in Barschels Hass und Missgunst und nicht zuletzt in seinen tief verwurzelten Selbstzweifeln gefunden werden.
Natürlich erreichen die Ergebnisse dieser Untersuchungen nicht die Überzeugungskraft, wie sie das psychoanalytische Setting mit seiner Möglichkeit zur intersubjektiven Überprüfung der psychoanalytischen Erklärungen bietet. Wirth begegnet diesem unvermeidbaren Manko damit, dass er den Leser an seinen inneren Dialogen mit namhaften psychoanalytischen Autoren teilhaben lässt, die ihn schließlich zu seinen Erklärungen führen. Es kommt dabei nicht in erster Linie auf die „Beweiskraft“ der psychoanalytischen Interpretationen an, vielmehr liegt die Bedeutung dieses Buches darin, dass es neue Denkwege aufzeigt, wie das Handeln „Mächtiger“ verstanden werden kann. Christian Maier
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema