ArchivDeutsches Ärzteblatt PP5/2003Qualität in der ambulanten Versorgung: Politischer Machtpoker

POLITIK

Qualität in der ambulanten Versorgung: Politischer Machtpoker

PP 2, Ausgabe Mai 2003, Seite 204

Korzilius, Heike; Rieser, Sabine

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Sowohl Ärzte als auch Krankenkassen zweifeln am Nutzen eines staatlichen Zentrums für Qualität in der Medizin. Ihr Wunsch: die vorhandenen Strukturen der Selbstverwaltung ausbauen

Die Ärzte kämpfen zurzeit nicht nur gegen zentrale Vorschläge zur Gesundheitsreform, sondern zunehmend auch gegen die eigene Resignation. „In der gesundheitspolitischen Diskussion geht es nicht um Qualität, sondern um Macht. Das ist für mich eine bittere Erkenntnis“, formulierte es der Hauptgeschäftsführer der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Dr. jur. Rainer Hess. Die zum Teil wenig kompetenten Äußerungen von Mitgliedern aus dem Gesundheitsausschuss des Bundestages und dem Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium waren ebenfalls nicht dazu angetan, die Stimmung bei den Teilnehmern des 13. KBV-Symposiums aufzuhellen. Mit „Qualität in der ambulanten Versorgung“ griff die KBV am 27. und 28. März in Berlin ein Thema auf, das derzeit die gesundheitspolitische Reformdiskussion beherrscht. Daran, dass die Vorschläge aus dem Arbeitsentwurf für die Gesundheitsreform zur Qualitätsverbesserung führen, zweifeln aber nicht nur die Ärzte.
„Der Vertragswettbewerb wird in einem Versorgungschaos münden“, prophezeite der Zweite Vorsitzende der KBV, Dr. med. Leonhard Hansen. Ähnlich äußerte sich der Erste Vorsitzende der KBV, Dr. med. Manfred Richter-Reichhelm: „Befristete Einzelverträge werden Qualität verhindern.“ Denn der einzelne Arzt laufe Gefahr, dass die Krankenkasse seinen Vertrag nicht verlängert, wenn er zwar qualitativ hochwertig, aber zu teuer behandelt. Gleiches gelte für eine Verlagerung der fachärztlichen Versorgung an die Krankenhäuser. In der Praxis des niedergelassenen Arztes könne der Patient Facharztstatus erwarten, im Krankenhaus dagegen nur Facharztsupervision.
Im Gegensatz zur Frage der Einzelverträge eint Ärzte und Kassen die Kritik am geplanten Zentrum für Qualität in der Medizin. Der Tenor: Baut man die vorhandenen Strukturen, vornehmlich den Bundes­aus­schuss der Ärzte und Krankenkassen, aus, erübrigt sich eine neue bürokratische „Überbehörde“. Auch zur Erstellung medizinischer Leitlinien bedürfe es keines neuen Instituts. Das Ärztliche Zentrum für Qualität leiste hier gute Arbeit.
Glaubt man den Regierungsvertretern – Wilhelm Walzik vom Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium und Dr. med. Erika Ober (SPD), Mitglied im Gesundheitsausschuss des Bundestages –, wird alles halb so schlimm. Beide betonten, dass der Arbeitsentwurf zur Gesundheitsreform lediglich als Diskussionsgrundlage dienen soll. Das bezweifelt der KBV-Vorsitzende. Bei einem Gespräch mit der Ministerin Anfang März sei deutlich geworden, dass sie die Positionen aus dem Entwurf vertritt. Die Argumente der Ärzte stießen auf taube Ohren. Setzt sie sich auch gegenüber der Opposition durch, sieht die Zukunft für die Ärzte düster aus. Richter-Reichhelms Prognose: Der Einfluss des Staates und der Krankenkassen wird wesentlich erweitert, die ärztliche Freiberuflichkeit zerstört. Die Qualität der medizinischen Versorgung wird sinken, ökonomische Kriterien werden überwiegen. Auch für die Patienten sieht die Zukunft wenig rosig aus, weil freie Arztwahl und eine flächendeckende Versorgung entfallen. Doch kampflos will man sich nicht geschlagen geben: „Wenn der Entwurf so kommt, werden wir eine Urabstimmung im wirklichen Sinne des Wortes über bundesweite Praxisschließungen durchführen“, kündigte Richter-Reichhelm an. „Wir wehren uns dagegen, dass ein gutes System kaputtgemacht wird.“
Denn die Ärzte sind in Sachen Qualitätssicherung und -verbesserung nicht untätig gewesen. Darauf verwies Dr. med. Bernhard Gibis, KBV-Dezernent für Versorgungsqualität und Sicherstellung, Mitte März im Rahmen eines Presseseminars. Versäumt wurde allerdings, nachhaltig und regelmäßig in der Öffentlichkeit darauf hinzuweisen. Auf Mängel hingegen stürzten sich die Medien besonders gern. Referent Dr. Armin Mühlich berichtete in diesem Zusammenhang von seinen Erfahrungen mit dem Austausch von Mammographiegeräten vor ein paar Jahren. Damals war die KBV stolz darauf, dass veraltete Geräte relativ rasch flächendeckend ausgetauscht wurden. Der damalige Vorsitzende gab dazu ein langes Fernsehinterview. Doch gesendet worden sei nur die Passage, in der er erläuterte, dass die alten Geräte noch benutzt würden, bis neue installiert seien, kritisierte Mühlich. Dies war nach der Röntgenverordnung zwar zulässig, wurde in den Medien jedoch als Skandal empfunden. Organisationen wie die KBV oder KVen (Kassenärztlichen Vereinigungen) erscheinen dann oft als Verhinderer. Die eigene Klientel nimmt sie gleichzeitig als Gegner wahr, der ohne Rücksicht auf Zeit und Geld der Ärzte Qualitätssicherungsmaßnahmen durchdrückt.
Dennoch führt kein Weg zurück. Die Qualitätssicherung mithilfe von Richtlinien und Normen sei „klassisches Geschäft der 23 KVen“, betonte Gibis. Dazu kommen Maßnahmen zur Qualitätsverbesserung im Rahmen von Praxismanagement, Qualitätszirkeln, durch medizinische Standards und die Pflicht zur Qualitätsdarlegung. Schon heute stünden 30 Prozent der ambulanten Leistungen unter einem Erlaubnisvorbehalt, erklärte Gibis. So wurde beispielsweise Ende der 90er-Jahre mit den Kassen ein Vertrag zur Schmerztherapie unterzeichnet, der eine verpflichtende Fortbildung der beteiligten Ärzte vorsieht. In Bereichen wie der invasiven Kardiologie oder der Koloskopie wurden in die Richtlinien Frequenzregelungen aufgenommen. Nur wer sein Können zeitnah durch eine bestimmte Anzahl von Eingriffen geschult habe, dürfe Patienten behandeln, erläuterte Gibis. Er ließ jedoch auch durchblicken, dass hier manche Vorstellungen der KBV über das ärztliche Weiterbildungsrecht hinausgehen. Dass selbst die umstrittene Rezertifizierung schon Eingang in die Versorgung gefunden hat, belegen die Richtlinien für kurative Mammographie. Hier müssen Arzte ihr Können anhand einer vorgegebenen Anzahl von auszuwertenden Aufnahmen belegen. Dies habe zahlreiche Proteste ausgelöst, gab Gibis zu.
Nicht bestritten wurde von den Fachleuten, dass die gewandelte Einstellung der KBV auch eine Folge öffentlichen Drucks sei. Gibis zufolge ist jedoch längst auch innerärztlich die Bereitschaft gewachsen, sich zu vergleichen. Wer sich fortbilde und um gute Leistungen bemühe, wolle dies auch dokumentiert und honoriert sehen. Zudem spielt der Generationswechsel eine Rolle: Jüngere Ärzte, die zum Beispiel im Ausland positive Erfahrungen mit Qualitätssicherung gemacht haben, gehen unbefangener mit dem Thema um.
In Zukunft will die KBV unter anderem die Arbeit von ärztlichen Qualitätszirkeln (QZ) vorantreiben. Zwar gibt es nach Angaben von KBV-Referentin Dr. Franziska Diel derzeit mehr als 5 000 solcher Runden. Doch manche Zirkel brauchen ein wenig frischen Wind. Deshalb bildet die KBV seit Anfang April Tutoren aus mehreren Modell-KVen aus, die künftig QZ-Moderatoren schulen sollen. Gleichzeitig werden vier neue Themenbereiche für die QZ-Arbeit aufbereitet: Rückmeldeberichte, Fallkonferenzen, evidenzbasierte Medizin/Leitlinien, Praxismanagement. Dass gute Qualitätszirkel keine Kaffeekränzchen sind, will die KBV mit ihrem neuen Konzept beweisen. Heike Korzilius, Sabine Rieser
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema