ArchivDeutsches Ärzteblatt PP5/2003Interview: „Wie Gläubige, die ihrem Guru folgen“

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Interview: „Wie Gläubige, die ihrem Guru folgen“

PP 2, Ausgabe Mai 2003, Seite 209

Bühring, Petra

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Foto: privat Der Kinder- und Jugendpsychiater Dr. Wilhelm Rotthaus, Vorsitzender der DGSF, will das Familienstellen nach Hellinger wissenschaftlich überprüfen.
Foto: privat Der Kinder- und Jugendpsychiater Dr. Wilhelm Rotthaus, Vorsitzender der DGSF, will das Familienstellen nach Hellinger wissenschaftlich überprüfen.
Die Deutsche Gesellschaft für Systemische Therapie und Familientherapie kritisiert die Vorgehensweise Bert Hellingers.

Seit mehr als einem Jahrzehnt führt Bert Hellinger in Großveranstaltungen publikumswirksame „Familienaufstellungen“ durch. Seine Anhänger sind zahlreich: Heilpraktiker, psychologische Berater und Psychotherapeuten. Nicht nur in Fachkreisen löst seine Methode, auch bekannt als Systemische Therapie (nach Hellinger), kontroverse Diskussionen aus. Die Deutsche Gesellschaft für Systemische Therapie und Familientherapie (DGSF), ein Verband von 1 700 systemisch arbeitenden Ärzten, Psychologen und Sozialarbeitern, kritisiert die Vorgehensweise Hellingers als „ethisch nicht vertretbar“ und „gefährlich für die Betroffenen“. Zugleich betont die DGSF den Nutzen der Familienaufstellungen als therapeutische Methode.
Ein Gespräch mit dem Vorsitzenden Dr. med. Wilhelm Rotthaus, Kliniken für Psychiatrie und Psychotherapie des Kinder- und Jugendalters, Rheinische Kliniken Viersen, gibt Aufschlüsse.

DÄ: Warum wenden Sie sich gerade jetzt mit Ihrer Kritik an die Öffentlichkeit? Bert Hellinger praktiziert doch schon länger.
Dr. Wilhelm Rotthaus: Einzelne von uns haben sich immer schon zu Hellinger und diesen Maßnahmen, die er durchführt, positioniert. Es hat eine starke Polarisierung stattgefunden zwischen Hellinger-Befürwortern – manchmal hat man den Eindruck, dies seien Gläubige, die ihrem Guru nachfolgen – und Ablehnern auf der anderen Seite. Beide Positionen finden wir wenig hilfreich, sondern halten es für wichtig zu sehen, was es an positivem und schätzenswertem Input durch die Ideen von Hellinger gibt.

DÄ: Die Deutsche Gesellschaft für Systemische Therapie und Familientherapie fordert einen kritischen Umgang mit den Vorgehensweisen von Hellinger. Was genau kritisieren Sie?
Rotthaus: Wir kritisieren, dass das Familienstellen von Hellinger häufig durchgeführt wird von Personen, die keine psychotherapeutische Ausbildung haben. Es wird oft eingesetzt auf Großveranstaltungen, wo die Effekte, die diese Technik auf die einzelnen Personen hat, kaum nachvollzogen werden können. Auch fehlt ein wesentliches Element von Psychotherapie, nämlich die persönliche und kontinuierliche Begegnung, die personale Bindung. Der Therapeut, der durch seine Intervention einen Eingriff macht, muss den Klienten weiter in seiner Entwicklung verfolgen; zumindest muss er bereit sein, zur Verfügung zu stehen. All das ist bei Hellinger nicht der Fall. Das halten wir für gefährlich.

DÄ: Hat Hellingers Vorgehensweise denn auch etwas Positives?
Rotthaus: Die Aufstellungsarbeit von Hellinger baut auf die Technik des Stellens von Familienskulpturen, die in der Systemischen Therapie ein bewährtes Verfahren ist. Man kann nicht drüber hinwegsehen, dass die Technik des Familienstellens positive Wirkungen hat. Was wir fordern, ist, dass sich Hellinger nicht weiterhin jeder Kontrolle entzieht, sondern dass er seine Technik auf den Prüfstand der Wissenschaft stellt.

DÄ: Die Kritik an Hellingers Vorgehensweise scheint überzeugend. Trotzdem gehören zu Hellingers Anhängern auch seriöse Psychotherapeuten. Wie ist das zu erklären?
Rotthaus: Es ist sicherlich ein Phänomen, dass sehr viele, auch gut ausgebildete Akademiker durch Hellinger fasziniert sind. Das hat damit zu tun, dass Hellinger klare Setzungen vornimmt: So ist es, und darüber gibt es keine Diskussion. Ich halte das für sehr problematisch. Das erste Buch von Gunthard Weber* über Hellinger hat mich bereits sehr beunruhigt. In unserer Gesellschaft und auch bei den Akademikern ist ein Trend zu beobachten, einem Menschen zu folgen, der sagt: So und so ist es.

DÄ: Ist das ein Bedürfnis nach festen Regeln, nach Klarheit, die vielen fehlt?
Rotthaus: Nach meiner Ansicht dokumentiert sich in dieser starken Begeisterung für Hellinger und seine Ideen, dass offensichtlich das Maß an Verunsicherung gegenüber Normen und Werten, wie es inzwischen erfolgt ist, für viele nicht auszuhalten ist und sie deshalb nach jemandem begeistert aufschauen, der ihnen welche vorgibt.

DÄ: Was fordern Sie für die Zukunft? Rotthaus: Mir geht es vor allem darum, dass sich seine Schüler der Kritik stellen und dass sie in die Diskussion gehen und ihr psychotherapeutisches Handeln wissenschaftlich überprüfen lassen auf die Konsequenzen, die daraus resultieren – die positiven und die negativen.
DÄ-Fragen: Petra Bühring


„Es ist sicherlich
ein Phänomen, dass sehr viele, auch
gut ausgebildete, Akademiker
durch Hellinger fasziniert sind.“
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