ArchivDeutsches Ärzteblatt PP5/2003Westdeutsches Psychotherapieseminar: Jugend ohne Orientierung?

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Westdeutsches Psychotherapieseminar: Jugend ohne Orientierung?

Schneider, Andrea

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LNSLNS Depressionen, Störungen des Sozialverhaltens und delinquentes Verhalten haben bei Kindern und Jugendlichen zugenommen. Psychotherapeuten auf der Suche nach den Ursachen


Unsere Jugend ist heruntergekommen und zuchtlos. Die jungen Leute hören nicht mehr auf ihre Eltern. Das Ende der Welt ist nahe“, hatte ein besorgter Erwachsener um 2000 vor der christlichen Zeitrechnung in Stein gehauen. Die Zeiten ändern sich: Verständnislosigkeit und Kopfschütteln gegenüber der nachfolgenden Generation aber bleiben bestehen. Zornig schauen die „Alten“ auf die vermeintliche Null-Bock-Generation. Selbst Wissenschaftler beschäftigen sich – wie jüngst beim Westdeutschen Psychotherapieseminar in Aachen – mit dem Thema „Jugend ohne Orientierung“. Das Fragezeichen ist erst im Untertitel zu finden: „Brauchen wir Vorbilder?“
„Nein“, sagt Prof. Dr. med. Beate Herpertz-Dahlmann, Direktorin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie des Aachener Universitätsklinikums. Vorbilder müssen nicht gesucht werden. Es gibt sie bereits. Manchmal sind es Popstars oder Sportler, nach der Shell-Studie werden vor allem von Mädchen häufig Mütter genannt. Väter sind selten Vorbild. Aber immerhin würden heute 70 Prozent aller Jugendlichen ihre Kinder genau so erziehen, wie sie selbst erzogen worden sind. 1985 waren nur 53 Prozent der Jugendlichen dieser Überzeugung. Können die jungen Menschen ihren Eltern ein größeres Kompliment machen? „Wir stehen nicht vor dem Weltuntergang“, sagt die Ärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Doch ist sie in ihrer täglichen Arbeit mit Veränderungen in der Welt der Jugendlichen vertraut. Zugenommen haben Depressionen, so Herpertz-Dahlmann, Drogenmissbrauch, Störungen des Sozialverhaltens und Schwangerschaften bei sehr jungen Menschen. Das Risiko für Jugendliche, an einer Depression zu erkranken, ist seit 1940 im Zehnjahresrhythmus um das 1,7-fache gestiegen. Diese Zunahme in einem relativ kurzen Zeitraum könne nicht mit genetischen Veränderungen erklärt werden.
Spurensuche: Die Depressionsforschung weist nach, dass bestimmte Lebensereignisse, wie Verlusterfahrungen und emotionale Vernachlässigung, bei der Entstehung einer Depression eine wesentliche Rolle spielen. Der Tod der Eltern kann eine solche Krise auslösen, die Trennung von einem Elternteil, aber auch Umzug in eine fremde Stadt oder ein Schulwechsel. Viele dieser Punkte kumulieren in einem Ereignis: der elterlichen Trennung. Mit der Zunahme der Scheidungen in den vergangenen Jahrzehnten sind auch verstärkt Kinder betroffen. Jährlich erleben etwa 153 000 Minderjährige, dass die Eltern auseinander gehen. Oft mit schwerwiegenden Folgen für die kindliche Entwicklung. Denn Scheidung bedeutet für Kinder oftmals den Verlust eines Elternteils. Mehr noch: Sie verlieren einen erwachsenen Partner, der Vorbild oder wenigstens Gesprächspartner sein könnte. Sie erleben, dass Liebe und Gemeinschaft endlich sein können. Die US-Psychologin Judith S. Wallerstein veröffentlichte bereits 1991, dass mehr als die Hälfte der Jugendlichen selbst zehn Jahre nach der Scheidung noch Wiedervereini-gungsfantasien ihrer Eltern mit sich herumschleppen.
Respektvolle Verbundenheit mit beiden Elternteilen sei ein wichtiger Faktor für die Entwicklung der Kinder, betonte Herpertz-Dahlmann. Dabei beruft sie sich wieder auf die Shell-Studie: Kinder, die ihren Eltern nahe stehen, blicken zuversichtlich in die Zukunft, vertrauen ihrer langfristigen Lebensplanung und orientieren sich zudem an der Familie als Lebensform.
Doch selbst wenn die Ehe der Eltern bestehen bleibt, fällt es Kindern oft schwer, die Verbundenheit zu beiden Elternteilen zu halten. Oft erleben Kinder- und Jugendpsychologen, dass ein Elternteil, zumeist der Vater, für die Kinder kaum existiert. In selbst gemalten Bildern, taucht ein Elternteil nicht auf. Auf die Frage nach dem Grund kommt häufig die gleiche Antwort: „Er ist doch nie zu Hause. Er arbeitet nur.“
„Wer Flexibilität bei Jobsuche und Berufsausübung, bei Überstunden und beruflicher Weiterbildung fordert, muss sich nicht wundern, wenn die Eltern mehr in Stau oder Stress stecken als in der Kindererziehung“, sagt der Aachener Psychoanalytiker Micha Hilgers. Er formulierte eine klare Forderung an die Politik: „Die Folgen von Flexibilisierung lassen sich nicht mit einem erhöhten Kindergeld aus der globalisierten Welt schaffen, sondern nur mit einer Gesundheits- und Sozialpolitik, die sich den Konsequenzen der gepriesenen Arbeitsmarkt- und Flexibilisierungpolitik stellt und wenigstens ihre ärgsten Auswüchse lindert.“
Negative Folgen behüteter Erziehung
Selbst gut gemeinter elterliche Wille, Kindern Probleme und Hindernisse aus dem Weg zu räumen, kann nach Meinung von Herpertz-Dahlmann negative Folgen haben. Kinder seien dann kaum in der Lage, Strategien zu entwickeln, die ihnen helfen, mit Stressbelastungen umzugehen. Hinzu komme, dass behütete Kinder angepasst auf die Hilfe der Eltern vertrauen oder andere und neue Grenzen suchen, um sich gegen Eltern auflehnen zu können. Liebevoll gemeintes Verhalten kann in der Quintessenz zu Störungen des Sozialverhaltens führen. Lügen, Weglaufen, Streitsüchtigkeit, Stehlen sowie körperliche Übergriffe sind oftmals Ausdruck einer persönlichen Schwäche und mangelnden Selbstbewusstseins.
Dies gilt, so Christian Pfeiffer, ehemaliger niedersächsicher Justizminister und Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, auch für delinquente Jugendliche. Sie seien ich-schwach und unsicher. Die Ursache für gerichtsrelevantes Fehlverhalten sieht er hingegen in einem Mangel an familiärer Liebe und konstanter Zuwendung. Wer darüber hinaus Gewalt in der Familie erlebe, sei eher bereit, selbst Gewalt auszuüben.
Massive Kritik übt Pfeiffer an den Medien. Schulforscher der Universität Eichstätt hätten kürzlich nachgewiesen, dass 17,8 Prozent aller 11- bis 18-jährigen Jungen täglich Horrorfilme sehen – einmal abgesehen von brutalen Computerspielen. Zynisch fragte der Jurist, was das für Eltern sind, die eine pädagogische Großtat wittern, wenn sie Kinderzimmer mit TV-Geräten ausrüsten. Doch auch vor den Fernsehsendern machte Pfeiffers Kritik nicht Halt: Gewaltexzesse gehören seiner Ansicht nach nicht ins Programm, weder ab 22 noch ab 23 Uhr.
Auch Herpertz-Dahlmann lässt keinen Zweifel daran, dass Medien einen großen Einfluss auf jugendliches Verhalten üben. Eine Studie von A. E. Field habe nachgewiesen, dass Mädchen, die häufig Modemagazine lesen, deutlich häufiger eine Diät beginnen, häufiger das Gefühl hätten, aufgrund von Zeitschriftenfotos abnehmen zu müssen und sich damit der Gefahr aussetzen, an einer Essstörung zu erkranken. Doch Medien, ganz gleich ob sie nun Gewalt präsentieren, den makellosen Waschbrettbauch oder den Kult um Pop- und Sportidole, werden von Erwachsenen gemacht. Verfügt die Elterngeneration also über so wenige eigene Wertvorstellungen?
Ist tatsächlich ausschließlich die Jugend ohne Orientierung? Wie können sich Mädchen und Jungen von ihren Eltern abgrenzen, wenn die Mutter die gleiche Kleidung trägt wie die Tochter und dabei deren Kleiderschrank plündert? Abgrenzung von den vermeintlich Alten ist im Zeitalter des Jugendwahns schwer geworden. Die Rebellion der Adoleszenz muss sich andere Ziele setzen. Sie macht es – zwar nicht aus-schließlich – im delinquenten Bereich. Das Zeitgeschehen beweist es auf eindrucksvolle Weise: Schüler waren die ersten, die den Mut hatten, gegen die Bombardierung des Irak auf die Straße zu gehen. Hier waren sie Vorbild für die Erwachsenen, die ihnen schließlich folgten. Andrea Schneider
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