ArchivDeutsches Ärzteblatt PP5/2003Berliner Krisendienst: Zunehmender Bedarf

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Berliner Krisendienst: Zunehmender Bedarf

PP 2, Ausgabe Mai 2003, Seite 211

Lenze, Susanne

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LNSLNS Drei Viertel der Ratsuchenden wiesen eine akute Suizidalität auf, ermittelte eine evaluierende Studie.

Der Berliner Krisendienst (BKD) ist mit seinem Rund-um-die-Uhr-Angebot für Menschen in akuten Notsituationen und Patienten mit geistiger Behinderung nach Angaben des Geschäftsführers Gerd Pauli europaweit „einzigartig“. Das Hilfsangebot ergänzt seit vier Jahren die psychosozialen und psychiatrischen Dienste der Stadt, vor allem außerhalb deren Öffnungszeiten. In einem dreijährigen Projekt wurde der BKD im Auftrag der Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales jetzt evaluiert.
Die 300 Seiten umfassende Studie belegt, dass die Bevölkerung den Interventionsdienst gut genutzt hat. „Während im Jahr 2000 etwa 32 561 Kontakte mit den Mitarbeitern des Dienstes aufgenommen wurden, waren es ein Jahr später etwa 43 270 Kontakte“, berichtete Pauli. Das entspricht einer Zunahme um 33 Prozent. Die Begründung lieferte Prof. Dr. phil. Jarg Bergold vom Arbeitsbereich Klinische Psychologie und Gemeindepsychologie der Freien Universität Berlin: „In Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheiten besteht ein erhöhter Beratungsbedarf für Menschen in besonderen Lebenssituationen und mit akuten psychischen Schwierigkeiten.“
Zwei Drittel der Hilfesuchenden sind deutschsprachige Frauen und ein Drittel deutschsprachige Männer im Alter zwischen Ende Zwanzig bis Mitte Fünfzig. Ausländische Bürger, ältere Menschen sowie Minderjährige nutzen das Angebot unterdurchschnittlich. Der BKD plant, demnächst eine Sprachliste herauszugeben, damit Anrufer wissen, wann sie jemand beim Krisendienst erreichen, der ihre Muttersprache spricht. Die Ergebnisse belegen auch, dass der Dienst eher von finanziell schwächer gestellten Menschen aufgesucht wird.
Krisendienst erreicht auch geistig Behinderte
Bei der Auswertung von 30 000 Kontakten wurde ermittelt, dass drei Viertel der Ratsuchenden eine akute Suizidalität aufwiesen. Schizophrenie diagnostizierten die Ärzte 3461-mal. Etwa 2 000 Menschen mit chronischen psychischen Störungen nahmen das Angebot war. In etwa zehn Prozent aller Kontakte empfahl der Dienst die Einweisung in eine Klinik oder eine Krisenstation. Bei akuten Krisen und psychiatrischen Problemen werden die Ärzte in Rufbereitschaft tätig. Am häufigsten werden Ärzte in der Zeit von 16 Uhr bis Mitternacht in Anspruch genommen.
Die Studie verdeutlicht, dass der Krisendienst auch Menschen mit geistiger Behinderung erreicht. Diese leben zum größten Teil in Einrichtungen der Behindertenhilfe. Langfristig will der Krisendienst geistig Behinderte außerhalb von Wohneinrichtungen erreichen. Der Berliner Krisendienst ist mit psychosozialen und gemeindepsychiatrischen Einrichtungen vernetzt und kooperiert mit einigen auch eng. Susanne Lenze


Berliner Krisendienst
In sechs Regionen Berlins sind neun Standorte von 16 bis 24 Uhr geöffnet, auch an Sonn- und Feiertagen. Zwischen 8 und 16 Uhr beschränkt sich der BKD auf telefonische Information und Weitervermittlung. In jeder Region arbeiten feste, multiprofessionelle Teams, die aus jeweils sechs Mitarbeitern bestehen: Psychologen, Sozialarbeiter und zusätzlich Ärzte und Pflegekräfte mit Erfahrungen aus psychiatrischer Arbeit. Zusätzlich ist in jedem Team eine Fachkraft für Menschen mit geistiger Behinderung. Der BKD arbeitet mit 60 Ärzten, 36 festen und 220 „vernetzten“ Mitarbeitern zusammen, die in anderen Hilfsdiensten arbeiten. Jeder Anrufer oder Besucher des BKD bleibt auf Wunsch anonym. Telefon: 0 30/3 90 63 00.
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