ArchivDeutsches Ärzteblatt PP5/2003Heranwachsende: Klarstellungen
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LNSLNS Die Überschrift des Artikels suggeriert, dass die Qualität psychotherapeutischer Versorgung im Bereich der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie recht ineffizient ist. Da in diese Aussage auch psychoanalytische Studien miteingeschlossen sind und die Überlegenheit behavioraler gegenüber nicht-behavioralen Verfahren hervorgehoben wird, sind einige Klarstellungen angebracht.
Die Aufteilung der psychotherapeutischen Welt in behaviorale und nicht-behaviorale Verfahren lässt die kognitiv-behavioralen Verfahren zum Maßstab aller psychotherapeutischen Dinge werden. Eine solche Einordnung wird weder der Differenzierung der anderen Verfahren untereinander noch ihrer jeweiligen Eigenständigkeit gerecht.
Es trifft zu, dass eine Vielzahl methodisch zufrieden stellender Psychotherapiestudien für den Bereich der kognitiv-behavioralen Verfahren vorliegt. Diese Studien spiegeln aber nicht die hiesige Versorgungsrealität wider, worauf Döpfner/Lehmkuhl zu Recht hinweisen. Die Vielzahl an Studien ist auch nicht verwunderlich. Sie erklärt sich vor allem dadurch, dass die Universitätslehrstühle für Kinder- und Jugendlichenpsychiatrie und -psychotherapie vorwiegend mit verhaltenstherapeutisch orientierten Professoren besetzt sind.
Mittlerweile liegen ungefähr 20 kontrollierte Studien und mehrere Katamnesen zur Wirksamkeit analytischer Psychotherapie bei Kindern und Jugendlichen vor. Nichtsdestotrotz hat die psychoanalytische Forschung die empirische Therapieevaluation über Jahre vernachlässigt oder unsystematisch betrieben. Wenn man die psychoanalytischen Fachzeitschriften durchblättert, sieht man aber, dass eine kasuistisch einmalige Therapieevaluation stattfindet.
Mit dem Aufsatz von Döpfner und Lehmkuhl kann nicht begründet werden, dass die klinische Routineversorgung der Kinder- und Jugendlichenpsychoanalyse ineffizient ist. In der von Döpfner/Lehmkuhl zitierten Metaanalyse von Weisz et al. (1995) ist nämlich nicht eine Studie über psychoanalytische Langzeittherapie bei Kindern und Jugendlichen enthalten. Von den neun als „insight orientated therapies“ bezeichneten Studien sind lediglich die Studien von Moran/Fonagy (1991), Smyrnios/Kirkby (1993) und Szapocznik et al. (1989) als psychodynamisch zu bezeichnen. Sie weisen unter anderem signifikante Verbesserungen bei Diabetes, emotionalen Störungen und Verhaltens-problemen unter Kontrollbedingungen nach. Döpfner und Lehmkuhl gegenüber ist anzumerken, dass sie die Angaben von Weisz et al. (1995) unkritisch und ohne weitere eigene Überprüfung übernommen haben. Auch scheint die substanzielle Kritik an der Methodik der Metaanalysen, wie sie insbesondere von Tschuschke et al.(1997) und Leichsenring (1998) vorgetragen worden ist, Döpfner und Lehmkuhl unberührt gelassen zu haben. Leichsenring und Tschuschke haben die metaanalytisch ermittelten Effektivitätswerte als „Kunstprodukte“ der Meta-analyse dechiffriert. Döpfner und Lehmkuhl nehmen Weisz et al. zum Kronzeugen dafür, dass die dort ermittelten Effektstärken (0.76 bis 0.91 für die behavioralen, unter 0.50 für die nicht-behavioralen Verfahren) die Überlegenheit der behavioralen Verfahren belegen. Deshalb soll darauf aufmerksam gemacht werden, dass die in psychoanalytischen Studien errechneten Effektstärken bei Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie zwischen 0.61 bis 1.00 (Fonagy & Target, 1995) und 1.58 ( Fahrig et.al. 1996, vgl. auch Winkelmann et al. 2000) wesentlich über den Werten von Weisz et. al. liegen.
Statt übertrumpfender, abgrenzender oder abschottender Haltungen sollte unter Psychotherapieforschern aller Richtungen vor allem in den Blick genommen werden, welche Hindernisse für Kinder und Jugendliche bestehen, um von Psychotherapien profitieren zu können. Auch wäre die öffentliche Psychotherapieförderung seitens des Bundesministeriums für Bildung und Forschung gut beraten, die Forschungsdefizite im Kinder- und Jugendlichenbereich zu beheben.
Dr. phil. Eberhard Windaus,
Institut für Psychoanalyse der Universität
Frankfurt, Länderweg 45,
60599 Frankfurt am Main
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