ArchivDeutsches Ärzteblatt44/1996Influenza-Prophylaxe: Risikopersonen sollten jetzt geimpft werden

POLITIK: Medizinreport

Influenza-Prophylaxe: Risikopersonen sollten jetzt geimpft werden

Wiehl, Martin

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LNSLNS Mit der Möglichkeit einer Influenza-Epidemie muß in jedem Winter gerechnet werden. Nach Angaben von Prof. Hans-Dieter Brede (Frankfurt/Main) ist trotz der modernen Verkehrswege immer noch auf die natürlichen Wanderwege des Influenza-Virus von der südlichen Halbkugel auf die nördliche Verlaß. Bereits im Juni 1996 wurde in Südafrika eine kleinere Welle mit Influenza A (H1N1) beobachtet, die schnell durch A (H3N2) überrollt wurde. Auffallend starke Epidemien mit beiden Erregern wurden in Neuseeland und Chile registriert. Sie sind durch den Impfstoff der diesjährigen Saison abgedeckt. Dieser enthält folgende Zusammensetzung:
A/Wuhan 359/95 (H3N2)
A/Singapore/6/86 (H1N1)
B/Beijing/184/93
Im vergangenen Jahr kam es in Deutschland aufgrund der unerwartet heftigen Influenzaepidemie rasch zu Versorgungsengpässen, da die aufwendige Impfstoffherstellung eine kurzfristige Nachproduktion nicht erlaubt. Um 100 Liter Impfstoff herzustellen (was ausreichend für 200 000 Impfstoffdosen ist), müssen mindestens 350 000 Hühnereier mit Viren befruchtet werden. Auch aus diesem Grund sollten Risikopersonen vorrangig zu Beginn der Saison geimpft werden: Herzkranke, Patienten mit chronischen Lungen- oder Nierenerkrankungen, Diabetiker, bei Anämie, Immundefekten, nach Organtransplantation sowie Tumorleiden. Darüber hinaus ist die Impfung allen Personen über 60 Jahren zu empfehlen sowie allen, die im Beruf einer erhöhten Infektionsgefahr ausgesetzt sind oder die Infektionen auf andere übertragen können – wie medizinisches Personal, Feuerwehr, Polizei und Personen in Einrichtungen mit großem Publikumsverkehr.
Eine ausreichende Prävention wird sich auch ökonomisch auswirken. So hat die mittelschwere InfluenzaEpidemie des vergangenen Winters in Deutschland Kosten für ambulante und stationäre Behandlung in Höhe von etwa 900 Millionen DM verursacht. Diese Abschätzung ist durch das 1992 eingerichtete und mittlerweile gut funktionierende Meldesystem der Arbeitsgemeinschaft Influenza (AGI) möglich geworden.
Wie Dr. K. Alfred Nassauer vom Robert Koch-Institut Berlin auf einer Pressekonferenz der AGI vorrechnete, kam es während der Epidemie zu 28 000 zusätzlichen stationären Einweisungen von Patienten unterhalb des Rentenalters. Bei einem Tagessatz von zirka 445 DM und einer durchschnittlichen Verweildauer von zehn Tagen ergibt sich somit eine Summe von 125 Millionen DM.
Außerdem wurden allein zu Beginn dieses Jahres 8,5 Millionen über das Normalmaß hinausgehende Arztkontakte wegen akuter respiratorischer Erkrankungen dokumentiert. Etwa fünf Millionen Patienten wurden vorübergehend arbeitsunfähig geschrieben. Die Kosten für Medikamente und ambulante Behandlung bezifferte Dr. Alfred Nassauer auf etwa 775 Millionen DM. Diese korrelieren im übrigen in auffälliger Weise mit einer um 42 Prozent erhöhten Zahl an Antibiotika-Verordnungen im Januar 1996. Martin Wiehl

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