ArchivDeutsches Ärzteblatt PP5/2003Verhaltenstherapie bei Adipositas: Gewichtsreduktion allein genügt nicht

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Verhaltenstherapie bei Adipositas: Gewichtsreduktion allein genügt nicht

PP 2, Ausgabe Mai 2003, Seite 230

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LNSLNS Adipositaspatienten wünschen sich meist nichts dringlicher als eine ra-
pide Gewichtsreduktion. Dem trugen bislang viele Verhaltenstherapeuten und Ärzte Rechnung, ohne dies zu hinterfragen. Doch in den letzten Jahren wird immer mehr Kritik an diesem Therapieziel angemeldet. „Kritisiert werden vor allem unbefriedigende Therapieresultate“, sagt die Würzburger Psychologin Andrea Benecke. Denn die Langzeitergebnisse sind enttäuschend. Kaum ein Patient kann das Gewicht, das er mit rigider Kontrolle der Nahrungsaufnahme erreicht hat, dauerhaft halten. Außerdem rufen einige Maßnahmen unerwünschte Nebenwirkungen wie den Jojo-Effekt oder Mangelerscheinungen hervor und bergen die Gefahr, Essstörungssymptome aufrechtzuerhalten und zu verstärken.
Diese Folgen haben Adipositastherapeuten zum Umdenken gezwungen. „Primäres Ziel ist heute nicht die maximale Gewichtsabnahme, sondern eine langfristige Gewichtsstabilisierung bei normalisiertem Essverhalten“, meint eine Forschergruppe an der Medizinisch-Psychosomatischen Klinik Roseneck in Prien. Die neuen Behandlungsprogramme setzen verstärkt am gestörten Essverhalten und am Umgang mit Lebensmitteln an. Darüber hinaus dienen Psychoedukation und Beratungsgespräche dazu, neue Ernährungsstrategien aufzubauen und das Ernährungswissen in der Praxis umzusetzen. Auch psychotherapeutische Maßnahmen können zur Adipositastherapie beitragen. Nach heutigem Kenntnisstand reichen sie allein nicht aus, um das Körpergewicht massiv zu reduzieren. Doch das will und kann Psychotherapie bei Adipositas auch gar nicht bewirken. Vielmehr steht eine langfristige Lebensstiländerung im Mittelpunkt der Psychotherapie. Außerdem spielen die Verbesserung der Affektivität, der sozialen Kompetenz, der Lebensqualität und eine Normalisierung des Ess- und Bewegungsverhaltens eine immer größere Rolle. Dazu müssen die Patienten jedoch oft erst motiviert werden. Die Therapie muss deshalb besonders die Alltagsbedingungen des Patienten berücksichtigen, realistische Behandlungsziele formulieren und die Ziele, Bedürfnisse und Belastungen des Patienten berücksichtigen.
Als veraltet und ethisch bedenklich gelten heute Aversionstherapien. Stattdessen liegt der Fokus auf dem Selbst-management, das die Patienten dazu ermächtigen soll, sich selbst ein Leben lang in Bezug auf ihr Gewicht helfen zu können. Zu den wesentlichen Elementen die-
ser Therapiestrategie gehören im Vorfeld Selbstbeobachtung, Informationsvermittlung, Motivationsförderung, Stimuluskontrolle und Verhaltensanalyse. Zu den wichtigsten Verfahren zählen Kognitive Umstrukturierung, Stressmanagement und Soziales Kompetenztraining. Ergänzende Elemente sind die soziale Unterstützung beziehungsweise der Aufbau eines unterstützenden Netzwerks und die Rückfallprophylaxe. Denn Adipositas hat viele Ursachen. Häufige Veränderungen des Ruheumsatzes durch Diäten und eine entsprechende genetische Disposition können der Adipositas ebenso zugrunde liegen wie eine erhöhte Sensibilität für appetitauslösende Reize, falsche Ernährungsgewohnheiten oder mangelnde Bewegung. Meist wirken mehrere Faktoren zusammen. Daher ist ein interdisziplinäres Vorgehen von Ärzten, Verhaltenstherapeuten, Ernährungsberatern und Bewegungstherapeuten zu fordern. „Die Kombination von Verhaltenstherapie, Ernährungsumstellung und Bewegungssteigerung kann als State of the art der Adipositastherapie bezeichnet werden“, erklärt Benecke. ms

Benecke A: Verhaltenstherapie bei Adipositas. Verhaltenstherapie 2002; 12: 297–309.

Wilhelm M, Strütt-Neeb P, Opielka C, Cuntz U: Verhaltenstherapeutische Ernährungstherapie für Adipositaspatienten. Verhaltenstherapie 2002; 12: 311–318.

Dipl.-Psych. Andrea Benecke, Institut für Psychotherapie und Medizinische Psychologie der Universität Würzburg, Klinikstraße 3, 97070 Würzburg, benecke@mail.uni-wuerzburg.de

Dipl.-Oecotroph. Michaela Wilhelm, Klinik Roseneck, Am Roseneck 6, 83209 Prien am Chiemsee, mic.will@gmx.de
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