ArchivDeutsches Ärzteblatt PP5/2003Claude Debussy: Ein Leben als Einzelgänger

VARIA: Feuilleton

Claude Debussy: Ein Leben als Einzelgänger

PP 2, Ausgabe Mai 2003, Seite 231

Ludwig, Timm

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Nadar fotografierte Debussy 1909.
Nadar fotografierte Debussy 1909.
Geldsorgen und Einsamkeit, aber auch Ruhm und Erfolge prägten
das Leben des französischen Komponisten.

Achille Claude Debussy kam am 22. August 1862 in Saint-Germain-en-Laye zur Welt, einem westlichen Vorort von Paris. Die Eltern betrieben dort eine Geschirrhandlung. Debussys Mutter lehrte ihn lesen, rechnen und schreiben; zur Schule ging er nie und hatte zeitlebens Probleme mit Grammatik und Orthographie. 1864 gab der Vater sein Steingutgeschäft in St. Germain auf und zog mit der Familie nach Clichy, später nach Paris, um dort Buchhalter bei der Eisenbahn zu werden.
Hervorragende Begabung
Über das Schicksal der Familie Debussy in der Zeit um den Krieg von 1870 ist sonst nichts bekannt. Vermutlich lebte Achille bei seinem Patenonkel, dem Bankier Achille Arosa. Dort begegnete er Mauté de Fleurville, die seine hervorragende Begabung entdeckte. Zwei Jahre später meldet sich Madame Fleurvilles Schützling zur Aufnahmeprüfung ins Pariser Conservatoire, gerade zehn war er, und er bestand sie. Zwölf Lehrjahre begannen.
Eine andere Laufbahn als die eines Komponisten kam nicht infrage. Zunächst wurde er jedoch als Klavierlehrer bei Nadjeschda von Meck engagiert. Neben wenigen Klavierstunden für die Kinder hatte er die Gnädige beim Singen oder Geigespielen zu begleiten, mit ihr vierhändig zu spielen oder ihr einfach
Debussy mit seinen Eltern 1906
Debussy mit seinen Eltern 1906
nur vorzuspielen, und zwar Tschaikowsky. Man reiste nach Interlaken und nach Arcachon. Wieder in Paris suchte er sich Ernest Guiraud als Lehrer. In den Frühlingsferien schrieb er an Frau von Meck. Diese hatte zwar schon einen anderen Begleiter engagiert, konnte aber ihrem „Bussyk“ nichts abschlagen. Anfang Juli 1881 reiste der nach Moskau und wurde dort wie ein Familienmitglied empfangen. Von Juli bis Oktober, vier Monate Moskauer Eleganz und Mu-
sik, Spazierritte, Bootsfahrten, Sommervergnügen.
Am Conservatoire ging er weiterhin eigene Wege: Neue Definitionen der konsonanten und dissonanten Akkorde und ihrer Verkettungen entstehen, in Opposition zur Lehrmeinung. 1884 versuchte er, den Rompreis zu gewinnen. Die Klausurarbeit ist eine Kantate über die Rückkehr des verlorenen Sohnes. Debussy komponierte als Kantate eine Art Delibes-Parodie mit Effekten à la Massenet, so die Biografen. Als er dieses sein „L’ Enfant prodigue“ am Klavier der Jury vorgetragen hatte, ging er allein hinaus, um auf dem Pont des Arts zu träumen. „Plötzlich schlug mich jemand auf die Schulter und rief atemlos: ,Sie haben den Rompreis!‘“ Im Januar 1885 kommt Debussy nach Rom – er war 22. Das
Mit 22 Jahren gewann Debussy den begehrten Rompreis – ein Stipendium an der Villa Medici. Fotos: Timm Ludwig
Mit 22 Jahren gewann Debussy den begehrten Rompreis – ein Stipendium an der Villa Medici. Fotos: Timm Ludwig
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Privileg, als Rompreisträger drei Jahre auf Kosten des französischen Staates in der Villa Medici zu verbringen, bedeutete für Debussy „Zwangsarbeit“. Nach zweijährigem Ringen stand Claudes Entschluss fest, die Villa Medici vorzeitig zu verlassen.
Sein Leben als Einzelgänger begann. Seine Adresse war noch bei den Eltern, in der Rue de Berlin, heute Rue de Liège, aber er wohnte nicht dort. 1888 – die Bohème-Periode – ist auch die Zeit zahlreicher Liebesabenteuer. Schließlich wurde Gaby seine Gefährtin in Jahren wirtschaftlicher Not. Das Paar bezog eine Dachwohnung in der Rue de Londres, dürftig möbliert, allerdings: Ein herrlicher Pleyel-Flügel musste her, leihweise.
Am 1. Mai 1894 gab es ein erstes Debussy-Festival, aber nicht in Paris, sondern in Brüssel, unter dem Protektorat von Ysage. Debussy trat hier erstmals hervor mit seinen „Proses lyriques“ für Gesang und Klavier. Bis 1895 befand sich Debussy in einer Krise. Aus seinen Briefen ist bekannt, dass er Kokain nahm. Dies brachte mit sich die Koexistenz von Trödeln und Hektik: Arbeit schleppend, Privatleben kompulsiv. Seine finanzielle Situation war miserabel. Im April 1898 sprach er offen von Selbstmord – da war er 36. Ein Selbstmordversuch Gabys war die Folge von Debussys herzlosem ungerechtem Verhalten ihr gegenüber. Debussy heiratete Lily Textier, die in einem Schneideratelier arbeitete.
Debussy mit seiner zweiten Frau Emma Bardac 1905
Debussy mit seiner zweiten Frau Emma Bardac 1905
Schon 1893 waren Debussy und Louys nach Gent gereist, um von dem berühmten Maurice Maeterlinck das Einverständnis zur Bearbeitung seines Bühnenstücks „Pelléas et Mélisande“ zu einer Oper zu erbitten. Man ist sich leicht einig geworden. Debussy bekam grünes Licht für Textkürzungen und -bearbeitungen. Diese gefielen Maeterlinck jedoch nicht, und er widerrief seine Erlaubnis. Als Debussy später auch noch die Titelrolle, für die Maeterlincks Frau vorgesehen war, umbesetzte, kam es zu einer erstaunlichen Szene: Sobald Maeterlinck einen Salon betrat, in dem Debussy ihn erwartete, drohte er Debussy Prügel an. Es gab noch eine Duelldrohung seitens des Belgiers, dann aber einen Pariser Schiedsspruch zugunsten Debussys. Die Premiere von „Pelléas und Mélisande“ in der Pariser Opéra Comique am 30. April 1902 wurde zu einem Erfolg, der Debussy über Nacht aus dem Halbschatten seiner Bohème heraushebt in grelles Rampenlicht von Avantgarde, Bedeutsamkeit und Respektabilität.
In den Jahren nach der Uraufführung von „Pelléas und Mélisande“ ließ Debussys Kraft als Komponist nach. Schließlich reifte eine neue Idee: „La Mer“. Kaum etwas in der „La Mer“-Musik wies auf den heftigen Wirbel unter der ruhigen Oberfläche hin. Nur wenigen Freunden vertraute Debussy an, er sei Lilys überdrüssig, habe sich Kinder gewünscht, aber die finanzielle Lage sei schlecht. Was er verschwieg, war die Abtreibung, der sich Lily (ihm zuliebe) unterzogen hatte, und die Ursache der Unfruchtbarkeit gewesen sein kann.
Der Geldsorgen wegen gab er noch Privatunterricht – und eben dadurch kam es erneut zu einer Begegnung, die sein Leben dramatisch veränderte. Der junge Raoul Bardac war sein Schüler geworden, somit verkehrte Debussy abermals in einem Bankiershaus und lernte die Mutter Emma Bardac kennen. Emma wurde seine Geliebte. Emma und Claude fuhren zusammen auf die Insel Jersey, wo tief inspirierte Klavierstücke entstanden. Als Lily von diesem Verhältnis erfuhr, schoss sie sich zwei Kugeln in die Brust. Debussy, gewarnt durch einen Abschiedsbrief, kam gerade passend zurück, um sie in die Klinik zu bringen. Sobald er aber hörte, dass sie außer Lebensgefahr war, ging er wieder zu Emma. Er hat Lily weder in der Klinik besucht, noch hat er die Rechnungen bezahlt. Presse und Publikum wandten sich ab, Freunde sammelten Geld für Lily; empört brachen sie mit Debussy.
Debussy 1913
Debussy 1913
Wieder in Paris, mietete Debussy sich in der Rue Alphand ein. Lily, von ihm getrennt, besuchte ihn auf seine Bitte dort noch mehrmals, bis er ihr schließlich die Mitteilung machte, er werde Vater. Die Scheidungsklage wurde eingereicht. Zwei Wochen nach der Uraufführung von „La Mer“, am 30. Oktober 1901, gebar Emma das Töchterchen Claude-Emma, genannt Chouchou. Die kleine Familie richtete sich in einem hübschen Haus in Paris’ teuerster Straße ein, der Avenue du Bois de Boulogne, Nr. 80, heute Avenue Foch. Heiraten wurde erst im Jahr 1908 möglich, da sich die Scheidungsprozesse hinzogen. Gesellschaftlich vorerst völlig isoliert, lebten die drei zurückgezogen in ihrem Haus. Am 19. Januar dirigierte Debussy zum ersten Mal. Es war „La Mer“ mit dem Orchestre Colonne im Théâtre du Châtelet.
Worte der Menschlichkeit
Debussy war es ahnungsvoll wichtig, einer Einladung nach Moskau zur Aufführung eigener Werke zu folgen; es wurde seine letzte internationale Tour. Er kam im Dezember 1813 an, im tiefen russischen Winter. Zu einer Apotheose geriet das Moskauer Abschiedskonzert. Unzählige
Toasts wurden auf den Ehrengast ausgebracht. Reisen und öffentliche Auftritte zehrten an seiner Kraft. Während des Ersten Weltkrieges teilte er mit seiner Frau Emma die Sorge um ihre beiden im Feld stehenden Söhne. Er fühlt sich krank, ein alter Mann, verlassen von seinen Inspirationen. Abgeschnitten von anderen Geldquellen übernahm er die Revision der Chopin-Ausgabe für den Verlag Durand und arbeitete bis zum Frühjahr daran. Im Februar 1915, bei stechenden Rückenschmerzen, konsultierte er einen Arzt. Im Juli zog die ganze Familie ans Meer, nach Pourville bei Dieppe. Debussy komponierte jetzt rastlos, nur unterbrochen durch Schmerzanfälle, gerade als wisse er, dass ihm nur noch kurze Zeit bleibt. Die „Douze Etudes“ entstanden
in dieser letzten intensiven Schaffensperiode Debussys im Sommer 1915 in Pourville. Sein Krebsleiden – Darmkrebs, womöglich seit 1909 in schleichender Entwicklung und jahrelang schamhaft verschleppt – verschlimmerte sich dramatisch. Im September erklären Dr. Crespel und Dr. Desjardin eine Operation für unvermeidlich. Unter Morphium und mit letzter Kraft: Am Vorabend der Operation komponierte er „Noël des enfants qui n’ont plus de maison“.
Er überstand den Eingriff, aber wenn von Besserung die Rede sein konnte, so war sie nur von kurzer Dauer. Man musste es wagen, ein neues Verfahren einzusetzen: Bestrahlung mit Radium, das jedoch nur wenig Erleichterung brachte. Die Schmerzen seit der ersten Operation waren grausig. Debussy magerte ab, im Sommer 1916 war er zu schwach, um Paris zu verlasssen. Aber im Herbst ermutigte man ihn, Genesung in Südfrankreich zu suchen; er reiste mit seiner Familie nach Mouleau-Arcachon. Im Oktober kehrte er nach Paris zurück. Am 5. Mai hatte Debussy seinen letzten öffentlichen Auftritt; er spielte mit Gaston Poulet seine dritte Sonate. Im Sommer 1917 wurde eine zweite Operation nötig, die aber sein Leiden nur um wenige Monate verlängern konnte. Er starb in Paris am 26. März 1918. Paris lag unter Beschuss; der Trauerzug, der sich wenige Tage darauf auf den Weg machte, war klein.
Debussy, dessen Patriotismus zeitweise zum Chauvinismus verkommen war, schrieb gegen Ende seinens Lebens Worte der Menschlichkeit und sozi-aler Verantwortung, die für immer stehen bleiben sollten: „Wann wird jemals der Hass enden? . . . Wann wird man aufhören, das Schicksal von Völkern Leuten anzuvertrauen, die die Menschheit als Mittel zu ihrem eigenen Aufstieg betrachten?“
Dr. med. Timm Ludwig

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