ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2003Disease-Management-Programme: Kassen wollen an die Schnittstellen

POLITIK

Disease-Management-Programme: Kassen wollen an die Schnittstellen

Dtsch Arztebl 2003; 100(20): A-1320 / B-1106 / C-1034

Gerst, Thomas

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Wer soll die einheitlichen EDV-Schnittstellen definieren? Die KBV sieht sich von den Krankenkassen aus ihrem angestammten Zuständigkeitsbereich gedrängt.

Kaum eine Woche vergeht, in der nicht die Meldung eines neuen Vertrags zwischen einer Kassenärztlichen Vereinigung (KV) und den Landesverbänden der gesetzlichen Krankenkassen über ein Disease-Management-Programm (DMP) ins Haus flattert. Zwar wurde bisher nur das DMP Brustkrebs in Nordrhein vom Bundesversicherungsamt (BVA) akkreditiert, doch ist abzusehen, dass schon bald eine Reihe weiterer DMP-Verträge – auch solcher ohne Beteiligung einer KV –, denen vom BVA bereits die Akkreditierungsfähigkeit attestiert wurden, zugelassen wird.
Mit dem Votum der Ver­tre­ter­ver­samm­lung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) in Rostock im Mai 2002, das sich gegen jedwede patientenbezogene Datenübermittlung an die Krankenkassen richtete, war eine bundesmantelvertragliche Regelung der Disease-Management-Programme vorerst vom Tisch. Eine zuvor von der KBV angestrebte Kompromisslösung mit den Spitzenverbänden der Krankenkassen war nicht mehr möglich, Vertragsverhandlungen auf Bundesebene fanden nicht mehr statt. Die Strategie der KBV, über die Mitwirkung an der DMP-Umsetzung positive Gestaltungsmöglichkeiten im Sinne der Ärzteschaft offen zu halten, ließ sich nicht mehr umsetzen. Bei den nach kurzer Unterbrechung einsetzenden DMP-Verhandlungen auf regionaler Ebene blieb die KBV außen vor.
Mit den vorliegenden Vertragsabschlüssen wird deutlich: Einen Wettbewerb über Versorgungsstandards in den DMP wird es nicht geben. Vielmehr orientieren sich die Chronikerprogramme weitestgehend an den Vorgaben des BVA, das die Verordnungen des Bundesministeriums für Gesundheit und Soziale Sicherung interpretiert. Darüber hinausgehende Versorgungsangebote bedeuten zum einen Wettbewerbsnachteile für die Krankenkasse; zum anderen sind diese für das BVA nur zulassungsfähig, wenn sie den Kriterien evidenzbasierter Medizin genügen.
Der Einheitlichkeit bei den Versorgungsangeboten steht die Uneinheitlichkeit bei der technischen Abwicklung der DMP gegenüber. Hier beklagt die KBV, dass auf Länderebene
unterschiedliche, von den Krankenkassen vorbereitete Formulare zur Dokumentation angewendet werden sollen. Anregungen beziehungsweise Formatvorgaben der KBV seien nicht berücksichtigt worden. Dokumentation und Datenexport sind derzeit auf elektronischem Weg nicht möglich, über dafür notwendige einheitliche technische Standards gibt es noch keine Vereinbarung. Es sei davon auszugehen, dass aufgrund des mit der papiergebundenen Dokumentation verbundenen Verwaltungsaufwands die Akzeptanz der Vertragsärzte für die Chronikerprogramme schwindet oder die Versorgungsqualität beeinträchtigt wird, da weniger Zeit für das Gespräch mit dem Patienten zur Verfügung steht.
Deshalb hält die KBV bei der Umsetzung der DMP eine verpflichtende Vorgabe auf Bundesebene über eine einheitliche Schnittstelle zum Austausch von Daten zwischen Arzt und Datensammelstelle und zur EDV-gestützten Dokumentation für erforderlich. Erreichen will sie dies über den Abschluss eines Bundesmantelvertrags mit den Spitzenverbänden der Krankenkassen. Kommt ein solcher Vertrag nicht zustande, befürchtet die KBV, dass die Krankenkassen sich zunehmend in die Gestaltung der Praxissoftware einmischen und die kassenärztliche Selbstverwaltung aus ihrem angestammten Zuständigkeitsbereich drängen werden. Bei den Krankenkassen stößt die KBV-Forderung auf wenig Gegenliebe. Obwohl man dort die Notwendigkeit einer einheitlichen EDV-Abwicklung der DMP erkannt hat, sperrt man sich gegen eine bundesmantelvertragliche Regelung mit der Begründung, dass laut Rechtsverordnung die Krankenkassen als Träger der Disease-Management-Programme bestimmt worden seien und somit die Forderung nach einem Bundesmantelvertrag nicht begründet sei. Beide Parteien treiben unabhängig voneinander die Entwicklung einheitlicher Datenschnittstellen für die Software-Anbieter voran. Gespräche im April scheiterten nicht an einzelnen Sachfragen, sondern an den grundsätzlich unvereinbaren Standpunkten. Die KBV hat den Spitzenverbänden nunmehr ein konkretes Angebot vorgelegt. Nötigenfalls will sie eine Entscheidung des Bundesschiedsamtes herbeiführen. Thomas Gerst
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