ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2003Studie – „European Physicians and the Internet“: Der Einfluss des Internets wächst

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Studie – „European Physicians and the Internet“: Der Einfluss des Internets wächst

Dtsch Arztebl 2003; 100(20): A-1326 / B-1110 / C-1038

Krüger-Brand, Heike E.

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LNSLNS Fast zwei Drittel der niedergelassenen Ärzte in Deutschland nutzen das Internet regelmäßig. 68 Prozent meinen, dass Online-Informationen das ärztliche Wissen und Handeln beeinflussen.

Europas Ärzte holen auf, was die Internet-Nutzung betrifft: Zwar haben US-amerikanische Ärzte immer noch einen großen Vorsprung – dort sind 96 Prozent der Ärzte online –, doch zunehmend integrieren auch die Ärzte in Europa das Internet in ihren Arbeitsalltag. Das ist das Ergebnis einer 2002 durchgeführten Studie der Boston Consulting Group (www.bcg.com) unter Allgemeinärzten und Fachärzten. Befragt wurden 606 Ärzte aus Deutschland, Frankreich und Schweden, um das Online-Verhalten der Ärzte zu untersuchen. Deutschland (254 befragte Ärzte) und Frankreich (251) wurden für die Studie ausgewählt, weil sie die beiden größten Gesundheitsmärkte in Europa sind, Schweden (101) kam hinzu, weil dort das Internet unter den Ärzten am weitesten verbreitet ist.
Nach der Arbeit ins Internet
Schweden liegt dabei mit 74 Prozent Internet-Nutzern unter den Ärzten an erster Stelle, gefolgt von Deutschland (64 Prozent) und Frankreich (55 Prozent). Zum Vergleich: Noch 2000 lag in Deutschland die Internet-Nutzung nur bei 47 Prozent. Die Studie prognostiziert, dass spätestens im Jahr 2005 90 Prozent der Ärzte in Frankreich und Deutschland online sein werden, zumal das Internet unter den Jüngeren (unter 40 Jahre) eine um 20 Prozent höhere Verbreitungsrate hat als bei den Ärzten insgesamt. Drei Stunden in der Woche verbringen die deutschen Ärzte durchschnittlich online auf der Suche nach medizinischen Informationen (84 Prozent) und Fachartikeln (72 Prozent) (Grafik 1).
Die überwiegende Mehrheit der befragten Ärzte geht erst nach der Arbeit ins Internet (Grafik 2). Allerdings variiert das Ausmaß, in dem das Internet zu beruflichen Zwecken von zu Hause aus genutzt wird, in den einzelnen Ländern erheblich: Deutsche Ärzte nutzen das Internet zu 65 Prozent von zu Hause aus für berufliche Zwecke, französische Ärzte zu 45 Prozent und schwedische Ärzte nur zu 25 Prozent.
Da im Vergleich die deutschen Ärzte nur halb so viel Zeit für Patientengespräche haben wie ihre befragten europäischen Kollegen, verweisen sie Patienten immer häufiger auf das Internet als ergänzende Informationsquelle. Jeder zweite deutsche Arzt, der online ist, sucht deshalb nach geeigneten Websites, die er seinen Patienten zu einem Gesundheitsthema empfehlen kann. Der Studie zufolge sehen die Ärzte dies als eine Möglichkeit, die Arzt-Patienten-Beziehung zu stärken, mehr Kenntnis über die Web-Gesundheitsinformationen ihrer Patienten zu erhalten und sich in der Sprechstunde auf die wesentlichen Fragen zu konzentrieren. Wenn Ärzte ihren Patienten zusätzliche Online-Informationsquellen nennen, geben mehr als 90 Prozent der französischen und deutschen Ärzte und fast 80 Prozent der schwedischen Ärzte andere Web-Adressen als die von ihnen selbst bevorzugten an. Demgegenüber empfiehlt mehr als ein Drittel der US-amerikanischen Ärzte ihren Patienten Websites von medizinischen Fachgesellschaften, die häufig auch spezielle Bereiche für Patienten anbieten.
Nahezu 60 Prozent der Ärzte beginnen die Internet-Recherche über Suchmaschinen wie Medline. Bevorzugt werden generell Websites in der eigenen Sprache (80 Prozent). Darüber hinaus greifen Allgemeinärzte vorrangig auf nichtspezialisierte Gesundheitsportale wie multimedica.de zu, wohingegen Fachärzte bevorzugt auf ihre Fachrichtung bezogene Web-Angebote ansteuern. Im Unterschied zu den USA, wo 23 Prozent der Ärzte die Website von WebMD nutzen, wird in Europa keine medizinische Site von mehr als zehn Prozent der Ärzte genannt. Auf bevorzugte Websites werden Ärzte vor allem über Hinweise in Fachzeitschriften, durch Kollegen und über Suchmaschinen aufmerksam.
Das Internet wirkt sich auf das ärztliche Wissen und Verhalten aus: So gaben 84 Prozent der befragten Mediziner an, dass Online-Informationen ihr Wissen über neue Behandlungsmöglichkeiten einschließlich Arzneimittel beeinflusst hat, und 74 Prozent bestätigen diesen Einfluss auf ihr Wissen über Symptome und Diagnosen (Grafik 3). 50 Prozent der Ärzte suchen mittlerweile Informationen über Arzneimittel im Internet, in Schweden sind dies sogar bereits 70 Prozent.
Online-Fortbildung
Ein weiteres wichtiges Thema ist die zertifizierte Fortbildung per Internet (continuing medical education – CME). Rund 61 Prozent der deutschen Ärzte suchen gezielt nach Online-Fortbildungen, aber nur jeder fünfte findet geeignete Angebote im Netz. Diese Diskrepanz zwischen Angebot und Nachfrage ist vor allem darauf zurückzuführen, dass dieser Bereich in einigen Ländern noch nicht sehr weit entwickelt ist. Darüber hinaus sind die Inhalte in vorhandenen Angeboten häufig überwiegend textbasiert und nicht mediengerecht aufgearbeitet: Interaktive Möglichkeiten, Animationen und Filme fehlen.
Mit Blick auf die Entwicklung von E-Health in den USA lässt sich nach der Studie bereits heute voraussagen, dass innerhalb der nächsten drei Jahre die Internet-Nutzung bei den Ärzten und die Zeit, die sie aus beruflichen Gründen – sei es zur Informationsrecherche oder zur Betreuung von Patienten – online verbringen werden, drastisch ansteigen werden. Ein Grund hierfür ist das wachsende Informationsbedürfnis auf Patientenseite: In einer Umfrage unter mehr als 10 000 Patienten in den USA gaben 80 Prozent der Befragten an, dass sie medizinische Informationen online suchen. Rund 75 Prozent meinten, dass E-Health die Art und Weise, wie sie mit ihrem Arzt kommunizieren, verändert hat.
In Deutschland gaben 70 Prozent der Ärzte an, dass sie von Patienten nach Behandlungsverfahren gefragt wurden, auf die diese im Internet aufmerksam wurden. 55 Prozent der Ärzte wurden auf spezielle Medikamente angesprochen, von denen die Patienten online erfahren hatten. Dies verstärkt den Druck auf die Ärzte, das Medium „Internet“ gezielt zu nutzen und in die ärztliche Routine einzubinden. Rund 20 Prozent der befragten Ärzte (in Deutschland allerdings nur rund sechs Prozent) kommunizieren bereits per E-Mail mit Patienten, wenn auch mit Vorbehalten und vorwiegend auf Wunsch der Patienten. Die Ärzte befürchten, dass die ärztliche Online-Kommunikation noch mehr der ohnehin knapp bemessenen Zeit – ohne entsprechende Vergütung – beanspruchen wird. Darüber hinaus sind rechtliche Fragen, wie zum Beispiel die Vertraulichkeit von Informationen und Haftungsfragen, noch nicht geklärt. Heike E. Krüger-Brand
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