ArchivDeutsches Ärzteblatt20/200360. Todestag von Dr. John Rittmeister: „Hier brennt doch die Welt“

THEMEN DER ZEIT

60. Todestag von Dr. John Rittmeister: „Hier brennt doch die Welt“

Dtsch Arztebl 2003; 100(20): A-1339 / B-1122 / C-1050

Boentert, Matthias

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Anstatt sich mit dem NS-Regime zu arrangieren, setzte sich John Rittmeister für Menschen, die verfolgt wurden, ein. Foto: privat
Anstatt sich mit dem NS-Regime zu arrangieren, setzte sich John Rittmeister für Menschen, die verfolgt wurden, ein. Foto: privat
Rittmeister war einer der wenigen Ärzte, die ihre Opposition
gegen das NS-Regime mit dem Leben bezahlen mussten.

Wegen „Vorbereitung zum Hochverrat und Feindbegünstigung“ wurde der Nervenarzt Dr. John Rittmeister im Februar 1943 vom Reichskriegsgericht zum Tode verurteilt; am Abend des 13. Mai 1943 wurde er hingerichtet. Mit ihm starben weitere elf Männer und eine Frau unter dem Fallbeil in Berlin-Plötzensee. Sie alle gehörten zur Widerstandsgruppe um Harro Schulze-Boysen und Arvid Harnack (1). Rittmeister zählt zu den wenigen Medizinern, die ihre Opposition gegen das NS-Regime mit dem Leben bezahlen mussten.
Er wurde 1898 als ältester Sohn einer Hamburger Kaufmannsfamilie geboren und wuchs in einer Atmosphäre auf, die von scheinbar wohlbegründeten bürgerlichen Normen bestimmt war. Konfrontiert mit den sozialen Spannungen am Rande dieser behüteten Welt, stellte er schon als Junge deren konservativen Wertekanon infrage.
Nach dem Abitur wurde er 1917 Soldat und war in Frankreich und Italien als Telefonist an der Front eingesetzt. Gegen die kaufmännische Tradition seiner Familie studierte Rittmeister nach dem Krieg Medizin. Sein Interesse galt früh der Psychoanalyse. Nach einer ungewöhnlich gründlichen Facharztweiterbildung in München und verschiedenen Schweizer Kliniken arbeitete er als Nervenarzt in Zürich-Burghölzli und Münsingen (2, 3). Wie viele Intellektuelle in den 20er- und 30er-Jahren setzte er sich während dieser Zeit mit dem Marxismus auseinander. Er pflegte nach 1933 Kontakte zu deutschen Emigranten und stand im Austausch mit sozialistischen Arbeiter- und Studentengruppen in Zürich. Dies führte 1937 dazu, dass seine Aufenthaltserlaubnis in der Schweiz nicht verlängert wurde.
Im Gegensatz zu vielen Zeitgenossen setzte er sein Exil aber nicht in einem anderen Land fort, sondern kehrte nach Deutschland zurück. Er wurde zunächst Oberarzt an der Nervenklinik Waldhaus in Berlin-Nikolassee und arbeitete seit Kriegsbeginn als Leiter der Poliklinik des Deutschen Instituts für Psychologische Forschung und Psychotherapie in Berlin, dem einzigen Ort im Deutschen Reich, an dem noch Psychoanalyse praktiziert werden durfte – wenn auch unter ständiger Kontrolle der damaligen Machthaber. Rittmeisters beruflicher Werdegang nach seiner Rückkehr ins nationalsozialistische Deutschland zeigt deutlich, dass er wie viele andere die Möglichkeit gehabt hätte, sich in einer nicht unbedingt unehrenhaften Weise mit den politischen Verhältnissen zu arrangieren, gehörte er doch zu einer Elite, auf deren Können und Wissen die Nazis selbst bei fehlender ideologischer Nähe nicht vollständig verzichteten.
Rittmeister wählte diesen Weg nicht. Zusammen mit seiner Frau Eva unterstützte er rassisch und politisch verfolgte Menschen. Die beiden organisierten Gesprächskreise junger Menschen, um der Indoktrination durch das Regime entgegenzuwirken. Ende 1941 schloss sich sein Kreis der Widerstandsgruppe um Harro Schulze-Boysen und Arvid Harnack an, die später, nach der Verhaftung fast aller ihrer Mitglieder, unter dem Namen „Rote Kapelle“ diffamiert wurde (1). Nach seiner Festnahme im September 1942 konnte Rittmeister nachgewiesen werden, dass er ein mehrseitiges Flugblatt „Die Sorge um Deutschlands Zukunft geht durch das Volk“ mitverfasst hatte. Damit wurde das spätere Todesurteil gegen ihn begründet.
Während der neunmonatigen Haft schloss Rittmeister seine letzte wissenschaftliche Arbeit („Moral in Stufenfolgen“) ab und hielt in seinem Gefängnistagebuch Rückblick auf sein Leben. Es spiegelt auf bewegende Weise den Versuch, sein schreckliches Schicksal als für sich sinnvoll anzunehmen (4).
Über die Hinrichtungen und die vorangegangenen Prozesse wurde staatlicherseits Stillschweigen angeordnet. Den Angehörigen wurde die Herausgabe der Leichname verweigert, diese wurden vielmehr dem anatomischen Institut der Charité zu Forschungszwecken übergeben. Es gehört zu den besonders widerwärtigen Einzelheiten der Verflechtung von Medizin und NS-Verbrechen, dass der damalige Anatomieprofessor Hermann Stieve die Leichen der Ermordeten nicht nur dankend als „Körperspende“ akzeptierte, sondern sie für seine Forschungen über die Auswirkung von Todesangst auf die generativen Funktionen und das hormonelle System benutzte (5). Schon während der Haftzeit hatte er hierzu wesentliche Daten erheben lassen.
An John Rittmeister zu erinnern, bedeutet auch, seinen Widerstand gegen den Nationalsozialismus als extreme Ausnahme innerhalb der deutschen Ärzteschaft wahrzunehmen. Zwar verdienen die in der „Weißen Rose“ organisierten Medizinstudenten sowie deutsche Ärzte aufseiten der Republikanischen Armee im Spanischen Bürgerkrieg oder unter dem Dach des Nationalkommitees Freies Deutschland der Erwähnung; dies widerlegt aber nicht die mittlerweile vielfach gestützte These, dass es einen nennenswerten Widerstand aus den Reihen der deutschen Ärzteschaft nicht gab (6). Dagegen gibt es längst ein umfangreiches Wissen darüber, in welchem Ausmaß Ärzte in die nationalsozialistischen Verbrechen verstrickt waren: als ideologische und methodische Wegbereiter von „Euthanasie“ und Humanexperimenten, als deren Organisatoren und Vollstrecker und – in der Mehrheit – durch stillschweigende Billigung oder bestenfalls ohnmächtige Duldung. So unerlässlich es ist, sich mit den geistigen Wurzeln von Mittäterschaft einerseits und Mangel an Zivilcourage andererseits selbstkritisch auseinander zu setzen, so hilfreich kann es sein, auch die Erinnerung an Menschen wie John Rittmeister wach zu halten, denn: „Wir wissen eigentlich nicht, worauf eine seelische Verfassung gegründet ist, die sich unter gar keinen Umständen verleiten lässt. Wir wissen viel mehr über das Unrecht, gegen das eine tapfere Minderheit gekämpft hat, als über das Recht und die Quellen eines wirklichen Rechtsempfindens.“ (7)

Literatur
1. Coppi H, Danyel J, Tuchel J: Die Rote Kapelle im Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Schriften der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Band 1. Hrsg. von Peter Steinbach und Johannes Tuchel. Berlin 1994.
2. Bräutigam W: John Rittmeister – Leben und Sterben. München 1987.
3. Bräutigam W, Teller C: John Rittmeister zum 100. Geburtstag. Zeitschrift für psychosomatische Medizin und Psychoanalyse 1998; 44: 203–213.
4. Rittmeister J: „Hier brennt doch die Welt“ – Aufzeichnungen aus dem Gefängnis 1942–1943 und andere Schriften. Hrsg. von Christine Teller. Gütersloh 1991.
5. Oleschinski Brigitte: Der „Anatom der Gynäkologen“. Hermann Stieve und seine Erkenntnisse über Todesangst und weiblichen Zyklus. In: Beiträge zur nationalsozialistischen Gesundheits- und Sozialpolitik, Band 10, Berlin 1992, 211 ff.
6. Bromberger B, Mausbach H, Thomann KD: Medizin, Faschismus und Widerstand. Köln 1985.
7. Griebel R: Cato Bontjes van Beek. „Ihr redet alle . . . aber keiner tut etwas!“ In: Coppi H, Danyel J, Tuchel J: Die Rote Kapelle im Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Schriften der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Band 1. Hrsg. von Peter Steinbach und Johannes Tuchel. Berlin 1994, 277 ff.

Matthias Boentert
Klinik und Poliklinik für Neurologie
Universitätsklinikum Münster
Christine Teller
Sozialpsychiatrischer Dienst Berlin-Reinickendorf
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Anzeige