ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2003Irak nach dem Krieg: Die Amerikaner müssen sich ihrer Verantwortung stellen

THEMEN DER ZEIT

Irak nach dem Krieg: Die Amerikaner müssen sich ihrer Verantwortung stellen

Dtsch Arztebl 2003; 100(20): A-1342 / B-1125 / C-1053

Rostrup, Morten

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Morten Rostrup (l.) und sein Team in Bagdad Foto: Ärzte ohne Grenzen
Morten Rostrup (l.) und sein Team in Bagdad Foto: Ärzte ohne Grenzen
Obwohl Bagdad bereits seit mehr als drei Wochen von den US-Streitkräften besetzt ist, funktionieren die Krankenhäuser dort noch immer
nicht. Ein persönlicher Erfahrungsbericht von Ärzte ohne Grenzen

Erst kurz vor Beginn des Krieges ist es der medizinischen Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen nach jahrelangen erfolglosen Bemühungen gelungen, wieder Zugang zum Irak zu erhalten. Wir entsandten ein sechs Mitglieder zählendes Team, das während des Krieges in Bagdad arbeiten sollte, um die irakischen Ärzte mit Medikamenten, medizinischem Material und Personal zu unterstützen. Das Team bestand aus einem Chirurgen, einem Anästhesisten, einem Intensivmediziner sowie drei Logistikern.
Als wir in Bagdad ankamen, funktionierten die meisten der 34 Krankenhäuser verhältnismäßig gut. Es fehlten zwar Arzneimittel zur Behandlung einiger spezieller Krankheiten, doch die Ärzte waren gut ausgebildet, und sie hatten fortschrittliche Diagnose-Möglichkeiten. Kurz vor Kriegsausbruch veröffentlichte der irakische Ge­sund­heits­mi­nis­ter einen Notfallplan, der die Versorgung von Kriegsverwundeten regelte und festlegte, welche Krankenhäuser die Erstversorgung von Verletzten übernehmen sollten und welche für die Nachsorge zuständig sein sollten. Selbst während des Krieges, als wir mit unserem chirurgischen Team im Al Kindi-Hospital arbeiteten, funktionierte alles den Umständen entsprechend gut.
Einen schweren Rückschlag erlitt die Arbeit von Ärzte ohne Grenzen am
2. April, als zwei Kollegen des Teams in Bagdad von der irakischen Polizei festgenommen wurden. Neun zermürbende Tage lang wussten wir nicht, was mit ihnen geschehen war. Erst nach ihrer Freilassung erfuhren wir, dass die Polizei sie während dieser Zeit in drei verschiedenen Gefängnissen festgehalten hatte. Nach dem Verschwinden der Kollegen traf der Rest des Teams die schwere Entscheidung, die Arbeit im Al-Kindi-Krankenhaus aus Sicherheitsgründen und aus Protest gegen diese Festnahme einzustellen. Wir konnten nicht akzeptieren, dass humanitäre Helfer auf eine solche Art grundlos verhaftet wurden. Es war eine sehr schmerzhafte Entscheidung, denn auf der Höhe des Konfliktes konnten wir kaum Hilfe leisten. Zwar lieferten wir weiterhin Medikamente und medizinisches Material, aber unserem chirurgischen Team waren die Hände gebunden. Als unsere beiden Kollegen am
16. April: In einem der wenigen geöffneten Hospitäler Bagdads wird ein Verwundeter versorgt. Foto: dpa
16. April: In einem der wenigen geöffneten Hospitäler Bagdads wird ein Verwundeter versorgt.
Foto: dpa
11. April unversehrt freikamen, hatte sich die Situation in den Krankenhäusern bereits sehr verändert.
Am 9. April zogen die Amerikaner in Bagdad ein. Am selben Tag brach in der Stadt das Chaos aus, und die Plünderungen begannen. Das Al-Kindi-Krankenhaus wurde geschlossen, und die noch verbliebenen 120 Patienten, die teilweise schwere Operationen hinter sich hatten, wurden in andere Kliniken überwiesen oder einfach entlassen. Eine medizinische Nachsorge konnte nicht mehr gewährleistet werden.
Der Zusammenbruch der Krankenhaus-Struktur in Bagdad war unserer Einschätzung nach auf die sich dramatisch verschlechternde Sicherheitslage zurückzuführen. Da die Krankenhäuser nicht gesichert waren, wurden auch sie von den Plünderungen nicht verschont. Die Mitarbeiter fürchteten zudem, dass ihre privaten Unterkünfte geplündert würden, sodass viele nicht mehr zur Arbeit erschienen. Hinzu kam, dass der öffentliche Nahverkehr zusammengebrochen war und es kaum noch Benzin gab. Häufige Stromausfälle und die ungenügende Energieversorgung machten die medizinische Versorgung in den Krankenhäusern beinahe unmöglich. Dennoch ging die Arbeit in einigen Krankenhäusern weiter, so gut es eben ging. Dies wäre ohne die irakischen Ärzte, Krankenschwestern und Pfleger nicht möglich gewesen, die unermüdlich tagelang durchgearbeitet haben.
Heute, mehr als drei Wochen nach dem Sturz des Regimes, ist die Situation in den Krankenhäusern noch immer völlig inakzeptabel. Sie sind noch immer desorganisiert, die Notaufnahmen sind überfüllt, die Operationssäle funktionieren nur schlecht. Es gibt nicht ein einziges Krankenhaus in Bagdad, das ganz normal arbeitet – nicht einmal das Al Yarmouk-Hospital mit 1 000 Betten oder das Sadr-Stadt-Krankenhaus mit 3 000 Betten.
Die Organisation der Kliniken ist zusammengebrochen
Es ist widersinnig, dass vor und während des Krieges die medizinische Versorgung in den Krankenhäusern sichergestellt war, nach der Machtübernahme durch die US-geführte Allianz jedoch nicht mehr. Nach dem Sturz des Regimes ist es zu einem Machtkampf um die Krankenhäuser gekommen. Die fehlende Leitungsstruktur führt dazu, dass die Arbeit an allen Ecken an ihre Grenzen stößt: Niemand scheint einen wirklichen Überblick über alle Krankenhäuser zu haben – geschweige denn über die Material-Bestände. Es gibt zwar genügend Ärzte und Pflegepersonal in Bagdad, aber die Organisation der Krankenhäuser ist zusammengebrochen, und es gibt nur eine schlechte Notversorgung. Laut Genfer Konventionen ist die Besatzungsmacht verpflichtet, die medizinische Versorgung der Bevölkerung
sicherzustellen. Also trägt die US-geführte Allianz die Verantwortung für die derzeitigen Missstände im Irak. Sie muss gewährleisten, dass die medizinische Basisversorgung funktioniert. Ich bin mehr als erstaunt, dass es nach dem Krieg keinen Notfallplan für die Aufrechterhaltung der medizinischen Versorgung gegeben hat.
Nicht nur, dass es der Allianz nicht gelungen ist, im Nachkriegschaos die Krankenhäuser zu schützen. Sie haben nach Einstellung der Kämpfe auch keine umfassende Evaluierung des medizinischen Bedarfs durchgeführt. Schließlich gab es viele Patienten, die dringend versorgt werden mussten – dazu gehörten nicht nur Kriegsverletzte, sondern auch chronisch Kranke. Nach den Plünderungen fehlt es in den Krankenhäusern an Sauerstoff, Narkose- und Schmerzmedikamenten. Problematisch ist auch die Behandlung von Kala Azar, einer lebensbedrohlichen Erkrankung, die im Irak weit verbreitet ist. Viele Patienten, die an chronischen Krankheiten wie Diabetes, Epilepsie oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen leiden, haben zurzeit keinen Zugang zu ihren Medikamenten. Außerdem gibt es viele Patienten, die vorzeitig aus den Krankenhäusern entlassen wurden, weil man befürchtete, dass die Hospitäler bombardiert oder geplündert werden könnten. Viele dieser frühzeitig Entlassenen haben seitdem keine medizinische Versorgung erhalten, obwohl sie eine Nachbehandlung benötigen. Doch selbst wenn es sie gäbe, wüssten
14. April: In einem Krankenhaus in Bagdad warten Iraker auf ihre Medikamente. Foto: ap
14. April: In einem Krankenhaus in Bagdad warten Iraker auf ihre Medikamente. Foto: ap
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die Kranken nicht, wie sie ins Krankenhaus kommen sollten, denn organisierte Krankentransporte für Notfälle fehlen völlig.
Die Teams von Ärzte ohne Grenzen haben mittlerweile in mehr als zehn irakischen Städten den Bedarf in den Krankenhäusern evaluiert. Sie sind dabei in jeder Klinik auf andere Probleme gestoßen. Es sind zwar bislang keine Epidemien ausgebrochen, auch die Krankheits- und Sterblichkeitsraten sind bislang nicht dramatisch, sodass wir nicht von einer humanitären Katastrophe sprechen würden. Dennoch sind die Probleme im Gesundheitssektor gravierend und müssen dringend von der US-geführten Allianz gelöst werden. Es ist ihre Verantwortung, und sie müssen sie ernst nehmen. Heute. Auch wenn es gestern hätte sein müssen. Dr. med. Morten Rostrup


Ärzte ohne Grenzen ist zurzeit mit rund 30 internationalen Mitarbeitern im Irak und in den angrenzenden Ländern tätig. Während des Krieges hat Morten Rostrup, internationaler Präsident von Ärzte ohne Grenzen und Intensivmediziner, gemeinsam mit fünf Kollegen in Bagdad gearbeitet. Akutelle Informationen zur Arbeit im Irak finden sich im Internet unter: www.aerzte-ohne-grenzen.de.
Spendenkonto: Sparkasse Bonn, BLZ 380 500 00, Kto.: 97 0 97

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