BRIEFE

SARS: Bagatellisierend

Dtsch Arztebl 2003; 100(20): A-1344 / B-1127 / C-1055

Stille, Wolfgang

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LNSLNS Neue Infektionskrankheiten haben stets ein Medienecho; häufig ist es weit übertrieben. Im Fall von SARS kann von einer Hysterie im deutschsprachigen Raum jedoch nicht gesprochen werden . . .
Während die WHO-Vorsitzende, die Ärztin Gro Harlem Brundtland, vor SARS als potenzieller globaler Gefahr eindringlich warnt, erscheint nun dieser bagatellisierende Kommentar im DÄ, als dem offiziellen Organ der deutschen Ärzteschaft. Die Autorin hat offenbar die wesentlichen Bedrohungen durch die neue Infektionskrankheit nicht begriffen. Große Epidemien fangen immer erst einmal klein an. Die Letalität beträgt nicht nur 5 %, sondern liegt offenbar in spezifischen Patientengruppen wesentlich höher.
Das Besondere von SARS für die Ärzteschaft ist die Tatsache, dass das medizinische Personal erstmals die Hauptbetroffenen-Gruppe bei einer neuen Infektion darstellt. Die Erkrankung imponiert klinisch initial als unklares Fieber bzw. Pneumonie. Von Pneumonien gingen bislang keinerlei Gefahren für Ärzte und medizinisches Personal aus . . .
Der Vergleich von SARS mit anderen Infektionskrankheiten ist nicht legitim. Die vielen Malaria- und Aids-Toten auf der Welt sind freilich von SARS unabhängig. Der Hinweis auf eine Herdenimmunität ist falsch; ein derartiges Phänomen wäre nur relevant bei einem geschlossenen Kollektiv ohne Verbindung mit dem Rest der Welt (z. B. den Einwohnern der Osterinsel). Eine Herdenimmunität der gesamten Welt setzt in unserer mobilen Gesellschaft also Hunderte von Millionen an Toten voraus. Es ist bislang auch noch unklar, inwieweit SARS zu einer stabilen Immunität führt.
Wir appellieren hiermit an die Verantwortung aller Wissenschafts-Journalisten. Wir sind strikt gegen eine Panikmache, die wir in der Vergangenheit bei Pest, Milzbrand, Schweinepest, Maul- und Klauenseuche nur allzu sehr erlebt haben. SARS ist aber kein künstliches Horrorszenario, sondern eine bemerkenswert gefährliche neue Infektion . . .
Dr. med. René Gottschalk, Kompetenzzentrum für hochinfektiöse Erkrankungen, Stadtgesundheitsamt Frankfurt, Braubachstraße 18–22, 60311 Frankfurt am Main
Professor Dr. med. Wolfgang Stille, Institut für Infektiologie der Universität Frankfurt, Stresemann-Allee 63, 60596 Frankfurt am Main
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