ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2003Erhöhtes kardiovaskuläres Risiko bei depressiven Patienten: Wirksame Präventions-strategien nötig

MEDIZIN: Diskussion

Erhöhtes kardiovaskuläres Risiko bei depressiven Patienten: Wirksame Präventions-strategien nötig

Dtsch Arztebl 2003; 100(20): A-1375

Frank, Karlheinz

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LNSLNS Der Artikel greift ein bedeutsames Thema auf, das für die künftige medizinische Diskussion von großer Bedeutung sein wird. Zeigt sich doch, dass Personen mit depressiven Syndromen und Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen mit einschlägigen Organschäden am Herzen, den Nieren und am Zentralnervensystem eine beträchtliche Komorbidität aufweisen. Aus eigener Beobachtung ist zu ergänzen, dass Patienten mit dieser Komorbidität zudem multiple degenerative Erkrankungen des Stütz- und Bewegungsapparates aufweisen mit Bandscheibenschäden, vorwiegend der Halswirbelsäule und Lendenwirbelsäule und degenerativen Polyarthrosen der großen Gelenke mit lasttragender Funktion. Daneben finden sich Weichteilerkrankungen im Sinne von Fibroostosen, Dupuytrenscher Kontraktur, Karpaltunnelsyndrom, Epicondylitis ebenfalls gehäuft bei diesen Patienten.
Zur Pathogenese werden in dem Artikel bedeutsame Hinweise gegeben, die pathophysiologischen Vorstellungen gehen in Richtung auf systemische Gefäßschäden. Zu Recht wird von den Autoren in der Grafik zum pathophysiologischen Modell auf das metabolische Syndrom hingewiesen, hier liegt nach der Überzeugung des Verfassers der wesentliche Keim und das Bindeglied für die praktisch alle Organsy-
steme erfassende Gewebsdegeneration. Das Verständnis der Pathologie hat sich dabei bisher zu stark auf die offensichtlichen Gefäßläsionen (Makroangiopathie) konzentriert und die nachfolgenden Organschäden beschrieben, dagegen wurde der vermittels der Mikroangiopathie entstehende Systemschaden an praktisch allen Organen bislang zu wenig beachtet. Die chronische Minderversorgung der Körperzellen mit Substraten geht über chronisch hypoxische Schäden der Zellen mit Zell- und Gewebsazidose einher und schädigt die regelrechte Enzymfunktion der Organe nachhaltig. Depressive Störungen sind dabei nur eine Facette des umfassenden Prozesses der systemischen Gewebedegeneration.
Mit Blick auf die Zivilisationskrankheiten Hypertonus, Adipositas, Fettstoffwechselstörungen und Diabetes mellitus spiegeln sich hier Erkrankungen unserer Lebenskultur wider mit tiefgreifenden Auswirkungen und Polymorbidität bereits bei 40- bis 50-Jährigen, die eine verhältnismäßig hohe Lebenserwartung aufweisen und chronisch behandlungsbedürftig sind. Raucher tragen besondere Risiken für umfassende Degenerationsprozesse. Inhalatives Rauchen ist eines der potentesten akut und dosisabhängig wirksamen Diffusionsgifte für Sauerstoff und Substrate aus dem Kapillarbett und verändert bei chronischer Einwirkung schwerwiegend die Kapillararchitektur und das Gewebemilieu. Die Konsequenzen für die künftige Kostenentwicklung im Gesundheitssystem werden bisher nicht annähernd erfasst, allein am Beispiel des Diabetes mellitus im Erwachsenenalter (Diabetes mellitus Typ 2) dokumentiert sich eine in der Bevölkerung unaufhaltsam ausbreitende, chronische und sehr kostenintensive Erkrankung, die nach aktuellen Schätzungen heute bereits 6 bis 8 Prozent der Bevölkerung betrifft und nach Schätzungen bis zum Jahre 2010 einen Anteil von 10 bis 12 Prozent betragen wird.
Die Medizin wird in den kommenden Jahren an der humanitären und finanziellen Diskussion chronischer Systemerkrankungen beteiligt werden. Ein umfassendes pathophysiologisches Verständnis der Zivilisationskrankheiten ist vordringlich zu entwickeln und davon wirksame Präventionsstrategien abzuleiten. Der Appell an die Reife und Mündigkeit der Bürger in ihrer Einstellung zur Lebensgestaltung und Gesunderhaltung muss mit Kosten- und Leistungsstrategien untermauert werden. Es wird höchste Zeit, das isolierte Organverständnis der Fachrichtungen in der Medizin integrativ zu überwinden und die Herausforderungen des metabolischen Syndroms, das nahezu alle Fachrichtungen spezifisch betrifft, mit wirksamen Präventionsstrategien zu beantworten.

Dr. med. Karlheinz Frank
Südwestliche Bau-Berufsgenossenschaft
76123 Karlsruhe

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