ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2003Hurtigruten: Mit dem Schiff durch die Berge

VARIA: Reise / Sport / Freizeit

Hurtigruten: Mit dem Schiff durch die Berge

Dtsch Arztebl 2003; 100(20): A-1378 / B-1150 / C-1078

Korzilius, Heike

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Sie gilt als die schönste Seereise der Welt: die Fahrt mit den ehemaligen Postschiffen entlang der zerklüfteten Küste Nord-Norwegens.

Wer glaubt, nördlich des Polarkreises sei Niemandsland, der irrt. Bunt und geschäftig präsentiert sich trotz frostiger März-Temperaturen Tromsø, mit 55 000 Einwohnern die letzte Großstadt vor dem Nordpol. Alte Holzhäuser prägen das Bild im Zentrum. Gegenüber, hoch über dem Tromsøsund, thront das Wahrzeichen der Stadt, die Eismeerkathedrale. 1965 erbaut, erinnert sie mit ihrem bis zum Boden gezogenen Dach an die Trockenfisch-Gestelle, die man überall an der Nordmeerküste findet. Weiß dominiert. Die protestantische Schlichtheit wird allein durch ein 140 m2 großes Glasmosaik durchbrochen, das – sehr zum Gram des Architekten – inzwischen die Ostfront der Kirche schmückt.
Dass Tromsø alles andere als ein verschlafenes Nest im Eismeer ist, liegt nicht zuletzt an den 10 000 Studenten, die die nördlichste Universität der Welt bevölkern und mit dazu beitragen, die ansehnliche örtliche Café-, Kneipen- und Restaurantszene am Leben zu erhalten. Wem allerdings sieben Euro für ein großes Macks Øl – die Macks Brauerei in Tromsø besteht seit 1877 und ist die nördlichste der Welt – die Freude an einem Kneipenbummel verleiden, kann sich anderen Vergnügungen hingeben. Das „Polaria“, ein Erlebniszentrum zum Thema Arktis und Barentregion, lohnt in jedem Fall einen Besuch. Im Panoramakino kann man beruhigt im Sessel sitzend einen Helikopterflug über entlegene arktische Gebiete erleben. Ein Rundgang durch das Museum wartet mit Schneegestöber, einem Aquarium und einer Seehund-Schau auf. Ein Gefühl dafür, dass man sich in arktischen Regionen aufhält, bekommt man spätestens in klaren, kalten Winternächten. Dann zieht Nebelschwaden gleich das geheimnisvoll grünlich schimmernde Polarlicht über den Himmel – Grund genug für den Touristen, sich auf offener Straße staunend den Hals zu verrenken. Den Einheimischen lässt das kalt. „Das sehen wir im Winter bei gutem Wetter dauernd“, heißt es lapidar.
Tromsø gilt nicht nur als „Tor zum Eismeer“ – von hier aus startete Roald Amundsen seine Expeditionen zum Nordpol –, hier halten auch die Hurtigruten-Schiffe auf ihrer Fahrt von Bergen im Süden nach Kirkenes nahe der norwegisch-russischen Grenze und zurück. Das südwärts gehende Schiff legt um 23.45 Uhr ab, und das Abenteuer beginnt. Seit 1893 verbinden die Schiffe der Hurtigruten die Orte entlang der norwegischen Küste. Noch heute verkehren sie täglich – auch im Winter, denn der Golfstrom hält die Küstengewässer eisfrei.
Abendkleid und Smoking kann man getrost zu Hause lassen
Obwohl sehr komfortabel ausgestattet – die MS Finnmarken verfügt sogar über einen Außenpool –, sind die ehemaligen Postschiffe keine klassischen Kreuzfahrtschiffe. Nach wie vor transportieren sie Waren und Einheimische, die die Hurtigruten als Transportmittel nutzen. Abendkleid und Smoking kann man mithin getrost zu Hause lassen. Steht man an einem sonnigen, aber klirrend kalten Wintertag an Deck, während ein einzigartiges Alpenpanorama mit schneebedeckten Gipfeln und verstreuten bunten Holzhäusern vorüberzieht, fühlt man sich in seiner dicken Daunenjacke mit der großen Kapuze und den klobigen Wanderschuhen ein wenig wie Roald Amundsen auf dem Weg zum Pol. Frischt der Wind zu sehr auf, ist man auf dem Panoramadeck der MS Finnmarken am besten aufgehoben. Rundum verglast, sitzen die Gäste in wohliger Wärme und behaglichen Sesseln hinter den Scheiben, betrachten mit oder ohne Fernglas die vorübergleitende Landschaft, lesen ein Buch oder
Baden bei minus fünf Grad an Deck der MS Finnmarken
Baden bei minus fünf Grad an Deck der MS Finnmarken
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genießen die Stille, die an die Atmosphäre in einer ehrwürdigen Bibliothek erinnert. Hat man sich satt gesehen, kann man Sauna und Fitnessraum benutzen oder sich bei Themenreisen wie „Nordlicht und Sterne“ (wird im Winter angeboten) in Vorträgen von Fachleuten über Astronomisches belehren lassen. Restaurants und Bars sorgen dafür, dass auch der kulinarische Genuss nicht zu kurz kommt. An den reichhaltigen Buffets kommen vor allem Fisch-Freunde auf ihre Kosten. Die norwegische Küche präsentiert sich eher deftig – bei minus sechs Grad halten sich die Gelüste nach leichter mediterraner Kost allerdings ohnehin in Grenzen.
Dass man keine typische Kreuzfahrt unternimmt, bemerkt man vor allem nachts. Da die Hurtigruten rund um die Uhr fahren und zwischen Kirkenes und Bergen 34 Häfen anlaufen, richtet sich der Schlafrhythmus nach den Anlegemanövern des Kapitäns. Wenn man um 4.15 Uhr von Tromsø kommend durch donnerndes Getöse und krachendes Gebälk geweckt wird, bedeutet dies nicht, dass das Schiff auseinanderbirst. Man legt schlicht in Finnsnes an und fährt die Laderampen aus. Dass die Fahrt nicht unterbrochen wird, bedeutet jedoch auch, dass sich die komplet-
te 12-tägige Rundreise – Bergen–Kirkenes–Bergen – lohnt. Die Orte, die auf der Hinfahrt nachts angelaufen werden, sieht man bei der Rückfahrt am Tag.
Lohnenswert sind auch Abstecher an Land. So bietet es sich beispielsweise an, in Stokmarknes auszusteigen – hier wartet das Hurtigruten-Museum auf Gäste – und einen Ausflug auf den Lofoten einzuschieben. Das Panorama der Inselgruppe ist gewaltig. Steile, gezackte Gipfel ragen bis zu 1 000 Meter hoch aus dem Meer empor. Das Gestein ist eines der ältesten der Erde. Neben der Fischerei stellt inzwischen der Tourismus einen der Haupterwerbszweige der Inseln dar. Bei der Rundfahrt beeindruckt vor allem die raue, vielfach unberührte Natur, durchsetzt mit kleinen Siedlungen aus bunten Holzhäusern, die sich an die Bergrücken oder die schroffen Küsten klammern.
Steile, gezackte Gipfel prägen das Panorama der Lofoten
Doch spätestens in Svolvaer, dem Verwaltungszentrum der Lofoten, erkennt man, dass man nicht in der Kulisse eines Heimatfilms gelandet ist. Die Stadt mit 4 000 Einwohnern gibt sich funktional, was man vor allem an der modernen Hafenanlage ablesen kann. Einen Abstecher lohnt das Wikinger-
Sagenumwoben ist das Felsmassiv der „Sieben Schwestern“ Fotos: Heike
Sagenumwoben ist das Felsmassiv der „Sieben Schwestern“ Fotos: Heike
Museum in Borg, das 1995 eröffnet wurde. Bei archäologischen Ausgrabungen ist man hier auf ein großes Wikinger-Langhaus gestoßen. Meldet man sich zu einer Mahlzeit in dem rekonstruierten Gebäude an, ist eine Zeitreise zurück ins Jahr 900 inklusive. Beim Schein eines Lagerfeuers, bei Met und heißer Suppe erzählt der Wikinger-Häuptling persönlich in Liedern von seinen Heldentaten. Nach solcherlei Erlebnissen kann man am Abend in Stamsund, im Süden der Lofoten, wieder an Bord seines schwimmenden Zuhauses gehen.
Weiter geht es nach Süden. Dafür, dass man die Überquerung des Polarkreises nicht verpasst, sorgen der Kapitän mit seiner Schiffssirene und ein eiserner Globus auf einem Felsen im Meer. Die anschließende Polartaufe bei minus fünf Grad an Deck ist nichts für zarte Gemüter. Über eine Hand voll Eis im Pulloverkragen hilft weniger die Polarkreisüberquerungsurkunde als vielmehr der kräftige Kräuterschnaps hinweg.
Für spektakuläre Eindrücke auf dem Weg nach Trondheim, dem Ziel der Reise, sorgen später die Felsmassive des Torghattan und der sieben Schwestern. Der Sage nach sind sie ebenso wie einige benachbarte Inseln das Ergebnis der unerfüllten Liebe eines Königssohnes zu einer wilden Schönen, die die aufgehende Sonne zusammen mit allen anderen Beteiligten zu Stein erstarren ließ. Heike Korzilius


Die elf Schiffe der Hurtigruten-Flotte verkehren täglich zwischen Bergen und Kirkenes. Alternativ zur kompletten Rundreise Bergen–Kirkenes–Bergen kann man auch eine „halbe Rundreise“ von Bergen nach Kirkenes oder umgekehrt pauschal buchen. Auch die Buchung von Teilstrecken, Landausflügen und Zusatzangeboten ist möglich. Der Hurtigruten-Katalog 2003 enthält 19 Individual- und zehn Gruppenreisemöglichkeiten sowie vier Zusatzprogramme.
Preisbeispiel: Eine 13-tägige Hurtigruten-Rundreise Bergen–Kirkenes–Bergen mit Vollpension an Bord inklusive Linienflug mit Lufthansa/SAS, Hotelübernachtung in Bergen und Reiserücktrittsversicherung kostet ab 2 365 Euro im Sommer (August) oder ab 1 850 Euro im Winter (Februar). Reisen können im Reisebüro oder bei NSA Norwegische Schifffahrtsagentur, Kleine Johannisstraße 10, 20457 Hamburg, Telefon: 0 40/37 69 30, Fax: 37 69 31 99, E-Mail: info@hurtigruten.de gebucht werden.
Literatur: Ralf Schröder, Norwegen mit dem Postschiff, Merian live, Gräfe und Unzer Verlag, München 2002; Michael Möbius, Annette Ster, Norwegen, Dumont richtig reisen, DuMont Buchverlag, Köln, 2001

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