ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/1996Frühsommer-Meningoenzephalitis in den neuen Bundesländern

MEDIZIN: Diskussion

Frühsommer-Meningoenzephalitis in den neuen Bundesländern

Wilimzig, Hans; Hülße, Christel; Bigl, Siegwart; Süss, Jochen

Zu dem Kurzbericht von PD Dr. Jochen Süss in Heft 20/1995
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LNSLNS Differenzierende Betrachtung zur Impfempfehlung
In dem Beitrag wird über die Verbreitung der FSME in den neuen Bundesländern berichtet. Erwähnt wird ferner die Zunahme von FSME-Fällen besonders in Baden-Württemberg. Bei der Bewertung der Ergebnisse wird festgestellt, daß in den Endemiegebieten der neuen Bundesländern ein "wenn auch sehr geringes Risiko" bestehe, nach einem Zeckenstich an einer klinisch manifesten FSME zu erkranken.
Von dem im Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin tätigen Verfasser werden leider keine weitergehenden Schlußfolgerungen gezogen. Es stellt sich die Frage, ob generell oder ob für bestimmte Endemiegebiete eine Impfempfehlung als prophylaktische Maßnahme gegeben werden kann. Abzuwägen ist dabei, ob das Risiko, an einer Komplikation nach FSME-Impfung zu erkranken, höher ist als das Risiko einer Infektion für Menschen, die in diesen Endemiegebieten leben beziehungsweise dort für mehrere Wochen ihren Urlaub verbringen. Für eine ergänzende Stellungnahme zu diesen Fragen wäre ich dankbar.


Dr. med. Hans Wilimzig
Arzt für Neurologie und Psychiatrie, Psychotherapie
Am Natruper Holz 69
49076 Osnabrück


Mehrheitlich importierte Fälle
Die Publikation von J. Süss hat erneut Fragen in der Ärzteschaft zur Indikation der FSME-Schutzimpfung vor allem in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen ausgelöst.
In Mecklenburg-Vorpommern wurden zuletzt 1992 in zwei Zeckenpools auf dem Darß (Ahrenshoop und Müggenburg) FSME-Virusgenome mittels PCR und Southern-blot-Hybridisierung, jedoch nicht in der Zellkultur nachgewiesen. Diese Befunde hat das Landeshygieneinstitut Rostock zum Anlaß genommen, zweijährige intensive Nachkontrollen sowohl in diesen Regionen als auch auf der Insel Usedom (bevorzugt Ahlbeck, Schmollensee, Koserow) durchzuführen. Die Untersuchung von 79 Zeckenpools an 59 Standorten ergab nicht in einem einzigen Fall den Nachweis eines FSME-Virusgenoms. Auch FSME-Erkrankungen sind in den letzten Jahren in Mecklenburg-Vorpommern nicht gemeldet worden.
Die Aussage zum Freistaat Sachsen, daß 1993 in der Umgebung von Leipzig autochthone Fälle auftraten, entspricht nicht der Realität. Im Regierungsbezirk Leipzig wurden mit Ausnahme zweier 1992 in Donaueschingen beziehungsweise im Schwarzwald (Titisee) erworbener FSME-Erkrankungen von 1982 bis 1984 keine FSME-Fälle erfaßt. Diesbezüglich ist die Publikation von J. Süss zu korrigieren (hierzu erfolgte zwischenzeitlich Überein- und Abstimmung mit dem Autor).
Von den sechs im Jahre 1993 im Freistaat Sachsen aufgetretenen Erkrankungen waren fünf aus bekannten Endemiegebieten (Bayrischer Wald, Böhmerwald, Bornholm et cetera) "importiert", lediglich in einem Fall könnte die Infekton in Sachsen (Dresdner Heide) akquiriert worden sein. Außer diesen geschilderten acht Erkrankungen (zwei 1992, sechs 1993), von denen sieben mit Sicherheit "importiert" wurden, sind in den letzten zehn Jahren keine FSME-Fälle in Sachsen bekannt geworden.
Bei Zeckenuntersuchungen mittels PCR und Southern- blot-Hybridisierung konnten FSME-Virusgenome ebenfalls nicht nachgewiesen werden. Aus diesen Befunden muß mit aller Deutlichkeit abgeleitet werden, daß sowohl Mecklenburg-Vorpommern als auch Sachsen nicht zu den FSME-Endemiegebieten zählen.


Priv.-Doz. Dr. med. Christel Hülße
Direktorin, Landeshygieneinstitut Rostock
Gertrudenstraße 9
18002 Rostock


Dr. med. habil. Siegwart Bigl
Vizepräsident, Landesuntersuchungsanstalt für das Gesundheits- und Veterinärwesen Sachsen
Institut Chemnitz, Humanmedizin
Zschopauer Straße 87
09111 Chemnitz


Schlußwort
Durch Untersuchung von 18 760 Zecken (in 260 Pools) aus den früher sehr aktiven Naturherdgebieten der fünf neuen Bundesländer mittels exakter molekularbiologischer Methodik (nested PCR und Southern-blotHybridisierung) und der Zellkulturtechnik konnten wir aktuelle und verläßliche Daten zur Epidemiologie der FSME in diesen geographischen Regionen erheben. Diese zeigen eindeutig, daß der Erreger der FSME in Zecken Mecklenburg-Vorpommerns (Ahlbeck, Koserow, Ahrenshooper Holz, Müggenburg) nachzuweisen ist. Eine Zeckenprobe war auch
in der Hühnerfibroblasten-Zellkultur positiv (Schmollensee/Mecklenburg-Vorpommern). Auch an einem Standort in Brandenburg (Münchehofe) und in Thüringen (Elstertal bei Gera) gelang der Nachweis der VirusRNA in Zecken.
Zweifel an der Identität unserer PCR-Amplifikate können von uns nicht akzeptiert werden, da wir, wie in unserem Beitrag nicht erwähnt worden ist (Publikation in Vorbereitung), alle unsere PCR-Amplifikate durch Ermittlung der Nukleotidsequenzen überprüft haben. Die Identität der amplifizierten Produkte konnte in jedem einzelnen der oben genannten Fälle durch die Sequenzierung zweifelsfrei bestätigt werden. Darüber hinaus erfolgte eine weitere Überprüfung mittels eines neu entwickelten DNA-Enzymimmunoassay (DEIA) für den Nachweis von FSMEV- spezifischen Sequenzen (Schreier et al. 1994).
Andererseits wird bei der hohen Probenanzahl und dem nur siebenmaligen Virusnachweis auch deutlich, daß die bereits in den achtziger Jahren von uns geäußerte Vermutung, daß die früheren Naturherde in Ost- und Nordostdeutschland nicht erloschen, jedoch extrem gering aktiv im Sinne einer endemischen Latenz des Virus sind, zutrifft. Diese auf naturwissenschaftlicher Grundlage erhobenen und jeder Überprüfung standhaltenden, mehrfach abgesicherten Fakten müssen einfach akzeptiert werden. Den Diskussionen über Endemie"gebiete" oder Nichtendemie"gebiete" bei diesem so seltenen aber doch eindeutig führbaren Virusnachweis möchten wir uns nicht anschließen. Daß es sich mit der nachgewiesenen Präsenz des Erregers bei den genannten geographischen Arealen aber um Naturherde oder Herdgebiete des FSMEV handelt, kann sicherlich nicht angezweifelt werden. Wir sehen auch keinen Widerspruch zu unseren Resultaten, wenn Frau Kollegin Hülße 79 Zeckenpools von 59 Standorten Mecklenburg-Vorpommerns untersucht hat und kein Virus findet; dies ist sicher eine Frage der Intensität der Suche und der verwendeten Methodik. Wir erhielten bei der Untersuchung von 7 785 Zecken MecklenburgVorpommerns in 142 Pools fünf positive Signale. Außerdem ist hinlänglich bekannt, daß jährliche und jahreszeitliche Schwankungen von Virusaktivitäten in den Naturherdgebieten stattfinden.
Unsere Daten sollten weder unter- noch überbewertet werden: Der Erreger ist in den zwischen 1960 und 1972 durch die damals sehr hohe Virusaktivität leicht zu kartierenden Naturherdgebieten in der DDR zum Teil auch heute noch präsent, jedoch so selten, daß wir keine generelle Impfempfehlung für diese Gebiete mehr geben können. Dies schließt das in dem Aufsatz angesprochene und durch die Fakten belegte Restrisiko nicht aus. Für besonders exponierte Personen sollte nach ausführlicher Beratung durch einen mit der lokalen Situation vertrauten Arzt entschieden werden. Unsere Daten aus den Untersuchungen an Zecken in den neuen Bundsländern stehen diesbezüglich in guter Übereinstimmung mit den dort registrierten
wenigen autochthonen FSME-Erkrankungen, so zum Beispiel 1993 der Fall einer schwer erkrankten 23jährigen Graviden aus der Gegend von Gransee und der Fall eines vierjährigen Jungen, welcher die Erkrankung bei erinnerlichem Zeckenstich in der Dresdener Heide erworben hatte. Andererseits sind uns 1994 keine autochthonen FSME-Erkrankungen in diesen Gebieten bekannt geworden. In unserem Beitrag hatten wir auch einen Erkrankungsfall (nicht Fälle!) aus der Umgebung von Leipzig angeführt. Nach Mitteilung der in Leipzig tätigen Kollegen könnte diese eine Erkrankung auch während einer Reise nach Tschechien erworben worden sein. Diesbezüglich vorhandene anamnestische Unterlagen sollten uns zugänglich gemacht werden, was bisher noch nicht erfolgt ist. In den Leserbriefen von Frau Hülße und Herrn Bigl hat sich dar-über hinaus hinsichtlich der im Regierungsbezirk Leipzig registrierten Fälle ein Fehler eingeschlichen. H. Sinnecker (Süss et al. 1992) registrierte in der Umgebung von Leipzig in den Jahren von 1960 bis 1985 acht autochthone FSME-Fälle. Anders als in den neuen Bundesländern kann Personen, die in den Naturherdgebieten Baden-Württembergs und Bayerns leben und die dort beruflich oder in der Freizeit exponiert sind oder Personen, die in diese Gebiete einreisen, die FSME-Schutzimpfung empfohlen werden (1994 etwa 270 Fälle). Die Erkrankungen waren besonders bei älteren Erwachsenen häufig von Komplikationen begleitet (Kaiser, 1995).
Hohe Erkrankungshäufigkeiten konnten 1994 auch in anderen Naturherdgebieten in einigen europäischen Ländern registriert werden (Österreich 178, Estland 163, Lettland 1 366, Litauen 284, Polen 176, Rußland 5 940 [bis 10/94], Schweden 116, Schweiz 100, Slowenien 492, Tschechien 619, Ungarn 258) (Kunz, 1995).
Das Ziel unserer sehr arbeitsintensiven Studie war es, ein klares Bild der FSMEV-Epidemiologie in den fünf neuen Bundesländern zeichnen zu können. Als Ergebnis ist zu konstatieren, daß Restherde mit endemisch latenten Erregern vorhanden sind, von denen eine sehr geringe Gefahr für den Menschen ausgeht. Deshalb würden wir für diese Gebiete keine generelle Impfindikation stellen können, wohl aber für die oben genannten, hoch aktiven Naturherdgebiete außerhalb der fünf neuen Bundesländer.


Literatur
1. Kaiser R: Tick-borne encephalitis in
southern Germany. Lancet 1995; I: 463
2. Kunz Ch: Virusepidemiologische Information 1995; Nr. 7
3. Schreier E, Schweiger B, Ramelow C, Beziat P, Süss J: Rapid detection of tick-borne encephalitis virus sequences by cDNA amplification coupled to a simple DNA enzyme immunoassay. Clin diagnostic Virol 1994; 2: 291–295
4. Süss J, Sinnecker H, Sinnecker R; Berndt D, Zilske E, Dedek G, Apitzsch L: Epidemiology and ecology of tick-borne encephalitis in the eastern part of Germany be-tween 1960 and 1990 and studies on the dynamics of a natural focus of tick-borne encephalitis. Zbl Bakt 1992; 277: 225–235


Priv.-Doz. Dr. Jochen Süss
Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin (BgVV)
Diedersdorfer Weg 1
12277 Berlin

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