ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2003Bereitschaftsdienst zu Ostern: Voller Einsatz, geringe Vergütung

STATUS

Bereitschaftsdienst zu Ostern: Voller Einsatz, geringe Vergütung

Feld, Michael

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Foto: Eberhard Hahne
Foto: Eberhard Hahne
Es ist Ostersonntag. Fast alle haben frei. Ich habe Dienst. 24 Stunden. Ich bin der einzige Arzt der Abteilung im Haus. 24 Stunden lang bin ich für jeden, der mich anfordert, frei verfügbar. Ich muss ran, sobald der Piepser geht – und der geht oft. Egal wie müde, wie hungrig oder wie überarbeitet ich bin, für alle und alles soll ich Zeit und Verständnis haben. Denn ich bin Arzt. Dabei soll ich immer schön freundlich sein („besonders an den Feiertagen“), weil das Krankenhaus ja neuerdings ein Dienstleistungsunternehmen ist. Ich bin jetzt ein Gesundheitsdienstleister. Blöd nur, dass meine „Charming-Offensive“ kaum honoriert wird. Ob ich nun freundlich bin oder unverschämt (was manchmal durchaus der Fall sein kann, weil ich bereits nach wenigen Stunden sehr gereizt bin), ich bekomme die gleiche Vergütung.
Es ist Ostersonntag. Ich habe alle Hände voll zu tun. Rund um die Uhr. Als promovierter Akademiker erhalte ich jedoch nicht etwa
einen angemessenen Feiertagszuschlag, wie in anderen Branchen selbstverständlich. Nein, mir wird, wie in jedem Bereitschaftsdienst, noch 20 Prozent meiner Vergütung abgezogen, weil ich ja „nur“ einen Bereitschaftsdienst ableiste. Und der gilt ja bekanntlich immer noch als Ruhezeit – auch wenn manch berufspolitische Gazette bereits so tut, als hätte sich etwas geändert. Ich glaube nicht daran, dass sich etwas ändert. Zumindest nicht zum Guten für uns Ärzte.
Ruhezeit. Ich habe ein Dienstzimmer mit einem Bett, einem Tisch und einem Fernseher. Es ist etwa acht Quadratmeter groß und liegt zwischen dem des internistischen Kollegen und dem der Labor-MTA. Wir könnten uns durch die Wände unterhalten, wenn wir wollten. Wir wollen aber nicht. Wir wollen schlafen. Das können wir aber nicht, weil unsere Piepser zu oft gehen. Wegen der dünnen Wände wachen zudem meist alle drei Kollegen auf, wenn es bei einem „piept“.
Selbst die Osternacht ist irgendwann vorbei. Nämlich dann, wenn wieder Blut abzunehmen ist. So früh, wie das Labor das Blut haben möchte, ist meine Ablösung noch nicht im Haus, also mach’ ich das selber. Auf Station treffe ich dieselben Schwestern, die ich gestern morgen auch schon getroffen habe. Die waren seither 16 Stunden zu Hause, ich bin immer noch hier. Sie frühstücken gerade. Ich nehm das Blut ab. Dann geht der Piepser, ich muss in die Ambulanz. Die Patienten sollen nicht lange warten, hat der Chef gesagt. Schließlich ist Ostern.
Dr. med. Michael Feld
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote