ArchivDeutsches Ärzteblatt21/2003Epidemiologie – Hypertonie: Deutschland ist der Spitzenreiter

AKTUELL: Akut

Epidemiologie – Hypertonie: Deutschland ist der Spitzenreiter

Dtsch Arztebl 2003; 100(21): A-1393 / B-1161 / C-1089

Koch, Klaus

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LNSLNS Bluthochdruck ist in europäischen Bevölkerungen offenbar wesentlich häufiger als in Nordamerika. Gerade in Deutschland liegen nach einem Vergleich zwischen sechs europäischen Ländern, Kanada und den USA die durchschnittlichen Blutdruckwerte am höchsten: In der Altersgruppe der 35- bis 64-Jährigen hatten nach 1997 bis 1999 erhobenen Daten des Robert Koch-Institutes in Berlin 55 von 100 Deutschen Werte über 140/90 mm Hg. In England waren es 36 von 100, in den USA aber lediglich 26 von 100 (JAMA 2003; 289: 2363–2369*). „Dass der Unterschied so groß ist, hat uns überrascht“, sagt Dr. Michael Thamm vom Robert Koch-Institut. Die Konsequenzen lassen sich unter anderem an der Häufigkeit von Schlaganfällen ablesen: In Deutschland sterben etwa 42 von
100 000 Einwohnern jährlich an einem Schlaganfall, in den USA etwa 27.

Allerdings haben die Forscher keine schlüssige Erklärung, warum der Blutdruck von Nordamerikanern im Durchschnitt systolisch neun Millimeter und diastolisch sechs Millimeter Hg niedriger liegt als der gemeinsame Durchschnitt von Deutschen, Schweden, Finnen, Engländern, Italienern und Spaniern. Bekannte Einflussfaktoren wie Ernährung, Übergewicht und Salzverzehr sind auf beiden Seiten des Atlantiks offenbar nicht so verschieden, dass sie die Unterschiede erklären könnten. „Wir hoffen, dass die Suche nach den Ursachen Hinweise auf neue Konzepte zur Vorbeugung von Bluthochdruck gibt“, sagt Thamm. Die sind dringend nötig. Der Vergleich macht auch deutlich, dass die vermeintlich einfache medikamentöse Behandlung von Hypertonie bei 75 bis 95 Prozent der Kandidaten nicht ankommt. „Die Zahlen belegen eine deutliche Unterversorgung in Deutschland“, sagt Thamm. Von 100 Patienten mit Bluthochdruck nehmen in den USA 53 Medikamente, in Deutschland sind es 26.

Wenn Antihypertensiva verschrieben werden, sind sie offenbar unterdosiert oder werden von den Patienten nicht konsequent eingenommen: Im europäischen Durchschnitt lag nur bei acht von 100 Hypertonikern der Blutdruck unter dem von den Fachgesellschaften als Zielwert vorgegebenen 140/90 mm Hg, in Nordamerika waren es 23. Klaus Koch

* Wolf-Maier K, Cooper RS, Banegas JR, Giampaoli S, Hense HW, Joffres M et al.: Hypertension prevalence and blood pressure levels in 6 European countries, Canada, and the United States.
JAMA 2003; 289: 2363–2369.
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