ArchivDeutsches Ärzteblatt21/2003Apotheker: Zur Demontage freigegeben

POLITIK

Apotheker: Zur Demontage freigegeben

Dtsch Arztebl 2003; 100(21): A-1409 / B-1173 / C-1100

Korzilius, Heike

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Versand- und Mehrbesitzverbot sollen fallen. Auch an der
Arzneimittelpreisverordnung will die Politik rütteln. Mit einem eigenen Preismodell will die Zunft Schlimmeres verhindern.
Harte Zeiten für die Apotheker: Wenn sich Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt mit ihren Reformplänen zur Arzneimittelversorgung durchsetzen kann, ist die Einführung des Arzneiversandhandels und die Aufhebung des Mehrbesitzverbots beschlossene Sache. Damit wird aus Sicht der Apotheker die bewährte Struktur der Arzneimittelversorgung zerstört. „Unter dem Stichwort ,Große Reform‘ werden alle ordnungspolitischen Grundzüge unseres Systems, das sich bei manch berechtigter Kritik zu einem der besten in der Welt entwickelt hat, nicht nur hinterfragt, sondern geradezu zur Demontage freigegeben“, kritisierte der Präsident der ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände, Hans-Günter Friese, am 12. Mai in Berlin.
Das Argument der Kostenersparnis durch den Arzneiversand hält Friese für wenig plausibel. Die INIFES-Studie des ehemaligen SPD-Abgeordneten Prof. Dr. Martin Pfaff habe 2001 ein Einsparpotenzial von 200 bis 300 Millionen Euro errechnet, wenn sich die Versandapotheke auf den höher- bis hochpreisigen Chronikermarkt beschränkt und 15 Prozent Marktanteil erreicht. Allein durch das Arzneimittelausgabenbegrenzungsgesetz und das Beitragssatzsicherungsgesetz seien aber bereits rund 1,5 Milliarden Euro aus den Margen von Großhandel und Apotheken herausgeschnitten worden. „Dem Gesetzgeber geht es offenbar weniger um eine Kostenreduktion als vielmehr um eine generelle Strukturveränderung“, betonte Friese. Gestützt sieht er diese Vermutung durch die Pläne, den Mehrbesitz von bis zu fünf Apotheken zu erlauben. Zum einen sei diese Regelung verfassungsrechtlich problematisch, denn die Beschränkung auf fünf Apotheken sei rein willkürlich. Zum anderen befürchtet Friese, dass dadurch Klagen auf Fremdbesitz provoziert werden. Der Apothekeneigentümer selbst könne nur eine Apotheke eigenverantwortlich im Sinne des Apothekengesetzes leiten. Bei allen weiteren Apotheken habe er lediglich die Funktion eines Kapitaleigners, und die könne auch ein Nichtapotheker übernehmen. Damit werde der Weg bereitet, dass künftig Kapitalinteressen die Arbeit des Apothekers dominieren.
Kritisch beurteilte der ABDA-Präsident auch das Vorhaben, nicht verschreibungspflichtige Medikamente – von wenigen Ausnahmen abgesehen – aus der Erstattungsfähigkeit der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung herauszunehmen: „Das ist eine reine finanzpolitische Entscheidung, die nicht zur Qualitätsverbesserung beitragen wird.“ Friese rechnet mit hohen Substitutionseffekten zugunsten verschreibungspflichtiger Medikamente mit einem höheren Nebenwirkungsprofil. „Das heißt“, so der ABDA-Präsident, „es wird häufig mit Kanonen auf Spatzen geschossen werden.“ Außerdem würden viele Versicherte in medizinisch bedenklicher Weise auf eine Arzneimitteltherapie verzichten.
ABDA ist für ein Kombimodell
Alarmiert haben die Apotheker auch Pläne des Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­iums, die Arzneimittelpreisverordnung zu ändern. Das genaue Procedere ist Friese zufolge jedoch noch offen. Die ABDA ist jetzt mit einem eigenen Vorschlag in die Offensive gegangen, der das Apothekerhonorar weitgehend vom Arzneimittelpreis abkoppelt. Danach soll künftig bei verschreibungspflichtigen Arzneimitteln ein preisunabhängiger Festzuschlag von 8,55 Euro je Packung zuzüglich eines preisabhängigen Festzuschlags in Höhe von drei Prozent des Großhandelspreises festgesetzt werden. Der Bundeswirtschaftsminister, der für die Arzneimittelpreisverordnung zuständig ist, passt den Festzuschlag jährlich entsprechend der Veränderung der Betriebskosten an. Den Krankenkassen gewähren die Apotheken einen Abschlag in Höhe von einem Euro je Packung – zu Kassenrabatten sind sie gesetzlich verpflichtet. „Die überwiegende Zahl der Arzneimittel sind betriebswirtschaftlich betrachtet ,Zitronen‘, die von wenigen ,Rosinen‘ subventioniert werden müssen. Und genau dies ruft ,Rosinenpicker‘ auf den Markt, die sich anbieten, die ,Rosinen‘ günstiger als öffentliche Apotheken abzugeben, und gleichzeitig natürlich die ,Zitronen‘ bei den öffentlichen Apotheken belassen wollen“, begründete der Vorsitzende des Deutschen Apothekerverbandes, Hermann Stefan Keller, den ABDA-Vorschlag.
Für nicht verschreibungspflichtige Arzneimittel gilt die derzeitige preisabhängige Vergütung unverändert weiter, wobei den Kassen ein Rabatt in Höhe von fünf Prozent gewährt wird. „Insofern ergibt sich mit unserem Kombimodell keinerlei Verteuerung der Selbstmedikation“, erklärte Keller. Entgegen den Plänen des Ge­sund­heits­mi­nis­teriums, die Preisbindung von Arzneimitteln zur Selbstmedikation aufzugeben, beharrt die ABDA auf einem einheitlichen Abgabepreis. Es gebe keine Belege dafür, dass eine Preisfreigabe auf Dauer kostensenkend wirke, so Keller.
Das Kombimodell der ABDA sieht weiter vor, die Preise für Rezepturen und die Notdienstgebühr anzuheben, die nach der geltenden Arzneimittelpreisverordnung nicht kostendeckend sind. Danach sollen die Rezepturzuschläge auf 4,50 Euro, neun Euro und 14 Euro verdreifacht werden. Die Notdienstgebühr soll von bisher 1,53 Euro auf fünf Euro bis 22 Uhr und zehn Euro ab 22 Uhr angehoben werden. Neue Dienstleistungen beispielsweise im Rahmen von Hausapothekenmodellen oder Disease-Management-Programmen sollen nach dem Willen der ABDA ebenfalls in der Arzneimittelpreisverordnung verankert werden. Grundlage des Kombimodells ist Keller zufolge der Apothekenrohertrag von 2002. Heike Korzilius
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema