ArchivDeutsches Ärzteblatt21/2003Berufsreport Ärzte 2003: Reformpolitik stößt auf breite Skepsis

POLITIK

Berufsreport Ärzte 2003: Reformpolitik stößt auf breite Skepsis

Dtsch Arztebl 2003; 100(21): A-1412 / B-1175 / C-1102

Korzilius, Heike

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LNSLNS Die Ärzte „an der Basis“ sehen ihren Beruf differenziert. Während sie die
Rahmenbedingungen zum großen Teil kritisch beurteilen, haben viele sich die Freude an der eigentlichen Tätigkeit – der Versorgung ihrer Patienten – erhalten.
Glaubt man der jüngsten Umfrage des Allensbach-Instituts, genießen Ärzte nach wie vor höchstes Ansehen in der Bevölkerung. Doch wie sehen die Ärzte sich selbst? Wie zufrieden sind sie mit ihrer Tätigkeit, und wie beurteilen sie ihre Arbeitsbedingungen angesichts sich ständig und immer schneller verändernder gesundheitspolitischer Rahmenbedingungen? Diesen Fragen ist das Deutsche Ärzteblatt in Zusammenarbeit mit einem Projektteam aus Ärzten und Meinungsforschern der Universitäten Bonn, Kiel und Gießen* nachgegangen. Befragt wurde eine Stichprobe von Ärzten und Ärztinnen aus Klinik und Praxis im Februar und März dieses Jahres.
Erste Auswertungen ergeben ein differenziertes Bild. Während mehr als die Hälfte der Ärzte in Deutschland mit ihren Arbeitsbedingungen unzufrieden ist, würden sich dennoch 65 Prozent noch einmal für den Arztberuf entscheiden. Die Gründe für die Unzufriedenheit mit den Arbeitsbedingungen liegen zum einen in einer hohen Arbeitszeitbelastung. 50 bis 70 Arbeitsstunden pro Woche sind die Regel. Zum anderen beklagen die Ärzte einen ständig wachsenden Verwaltungsaufwand und eine insgesamt nicht leistungsgerechte Vergütung.
Unzufrieden sind immerhin 43,5 Prozent der Ärztinnen und Ärzte auch mit dem Arztbild in der Gesellschaft – trotz der sehr guten Umfragewerte in der Bevölkerung. Die Berichte über Skandale, „Abzocker“ und „schwarze Schafe“ innerhalb der Ärzteschaft dürften dazu beigetragen haben, dass sogar 65,8 Prozent der Befragten mit dem Arztbild in den Publikumsmedien unzufrieden sind. Etwas besser behandelt fühlen sie sich von der Fachpresse: Mit deren Arztbild sind „nur“ 35,4 Prozent der Ärztinnen und Ärzte unzufrieden. Den aktuellen gesundheitspolitischen Entwicklungen und Reformplänen in Krankenhaus und Praxis stehen die Ärztinnen und Ärzte ebenfalls überwiegend skeptisch gegenüber. So sind 89 Prozent der Befragten der Meinung, dass die Einführung von Fallpauschalen im Krankenhaus die Patientenversorgung nicht verbessern wird. 86 Prozent fürchten, dass die neue Vergütungssystematik zu einer Selektion von Patienten führen wird. Fast ebenso viele glauben, dass sich durch die DRG-Einführung die Verweildauer der Patienten in den Krankenhäusern verkürzt und damit der Versorgungsbedarf in den Praxen der niedergelassenen Ärzte steigen wird. Die Befragten rechnen aber auch mit persönlichen Konsequenzen. So sind mehr als 90 Prozent der Ärzte der Auffassung, dass die Einführung der Fallpauschalen den Zeitdruck auf die Ärzte erhöht, rund 87 Prozent rechnen mit deutlich mehr Verwaltungsaufwand. Zudem glauben 79 Prozent der Ärztinnen und Ärzte nicht daran, dass die neue Vergütungssystematik die wirtschaftliche Situation in den Krankenhäusern verbessern wird.
Kritisch werten die Befragten auch die Einführung von Disease-Management-Programmen (DMP). Rund 58 Prozent erwarten nicht, dass diese Programme die Versorgung chronisch Kranker verbessern. Knapp 55 Prozent sind sogar der Ansicht, dass die DMP die Versorgung chronisch Kranker, die nicht an derartigen Programmen teilnehmen, verschlechtern. Rund 70 Prozent der Ärztinnen und Ärzte können sich darüber hinaus kein gemeinsames Case Management mit den Krankenkassen vorstellen, das einen direkten Einfluss der Kassen auf das Verhältnis zwischen Arzt und Patient sowie die Therapie nach sich ziehen würde.
Auch die Pläne zur anstehenden Gesundheitsreform treffen überwiegend auf Skepsis. So ist vorgesehen, dass die Krankenhäuser weiter als bisher für die ambulante fachärztliche Versorgung geöffnet werden. Zwar glauben rund 46 Prozent der Ärztinnen und Ärzte, dass dies zu einer besseren Auslastung der medizinisch-technischen Einrichtungen in den Kliniken führt, 41 Prozent erwarten davon weniger Doppeluntersuchungen, und „nur“ 46,3 Prozent rechnen mit Wartelisten in den Krankenhäusern. Deutlich ausgeprägt sind hingegen die befürchteten negativen Folgen: Mehr als die Hälfte der Befragten erwartet eine Überlastung des Krankenhauspersonals, 69,5 Prozent befürchten Konflikte mit den niedergelassenen Kollegen, und nahezu zwei Drittel der Ärzte (63,7 Prozent) glauben, dass die weitere Öffnung der Krankenhäuser die flächendeckende ambulante Versorgung durch niedergelassene Fachärzte zerstört. Lediglich 32,5 Prozent meinen, dass sich die Versorgung der Patienten dadurch verbessern könne.
Weniger eindeutig ist das Meinungsbild mit Blick auf die vorgesehenen Gesundheitszentren. Anhänger und Gegner dieser Einrichtungen halten sich in etwa die Waage. 47,8 Prozent befürworten den Zusammenschluss von Fachkollegen mit anderen Gesundheitsberufen, 49,8 Prozent lehnen dies ab. Wesentlich kritischer sehen die niedergelassenen Ärzte eine stärkere Anbindung an ein Krankenhaus: 68,5 Prozent können sich damit nicht anfreunden. Noch stärker ist die Übereinstimmung in der Frage, ob der Leistungskatalog der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung in Grund- und Wahlleistungen aufgeteilt werden soll. 85,3 Prozent der Befragten halten dies für sinnvoll.
Engagement für ein besseres Gesundheitswesen
Es ist jedoch keineswegs so, dass die Ärztinnen und Ärzte in Ablehnung und Passivität verharren. Die große Mehrheit ist bereit, sich für ein besseres Gesundheitswesen zu engagieren. Käme es erneut zu harten Konfrontationen zwischen der Politik und den Ärzten über die Gesundheitsreform, könnten sich 59,7 Prozent vorstellen, „Dienst nach Vorschrift“ zu leisten, 69,9 Prozent sind bereit, öffentlich zu demonstrieren, und 66,8 Prozent der befragen Ärzte würden ihre Patienten mobilisieren. Die Rückgabe ihrer Kassenzulassung, Ermächtigung oder Beteiligung kommt hingegen für mehr als 70 Prozent der Ärzte nicht infrage. Einen Streik, der zulasten der Patienten ginge, lehnt die Mehrheit der Ärzte (65,3 Prozent) ebenfalls ab. Dass 58,6 Prozent der Befragten trotz harter Konfrontation mit der Politik die Patientenversorgung so wie bisher fortsetzen wollen, dürfte den hohen Stellenwert des Arzt-Patient-Verhältnisses belegen.
Die Bereitschaft, im Sinne einer konstruktiven und problemorientierten Reformdiskussion Einfluss auf die ärztlichen Interessenvertreter zu nehmen, ist groß: 80,7 Prozent der befragten Ärztinnen und Ärzte sehen darin einen Weg. So glauben die meisten Ärzte (82,9 Prozent) nicht, dass die derzeit vorliegenden Konzepte ihrer Interessenvertreter geeignet sind, die Probleme im Gesundheitswesen innerhalb der nächsten vier Jahre zu lösen. Folgerichtig fühlen sich 67,7 Prozent der Ärzte nicht hinreichend gut im politischen Reformprozess vertreten. Zugleich sind aber 92 Prozent der Befragten der Auffassung, dass der Einfluss unterschiedlichster Interessengruppen im Gesundheitswesen wirksame Reformen blockiert.
KVen als Einrichtungen der Selbstverwaltung geschätzt
Die relative Unzufriedenheit der Ärzte mit ihren politischen Interessenvertretern könnte eine Folge der allgemeinen Skepsis gegenüber den gesundheitspolitischen Entwicklungen sein. Dafür spricht die Wertschätzung, die zwei Drittel der Niedergelassenen (66,1 Prozent) den Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) als Einrichtungen der Selbstverwaltung entgegenbringen. Sie können sich nicht vorstellen, statt über die KV direkt mit den Krankenkassen Einzelverträge abzuschließen, weil solche Verträge den Arzt den Krankenkassen ausliefern. Weniger als ein Drittel der niedergelassenen Ärzte (31,9 Prozent) befürwortet Einzelverträge, „aber mit der KV als Berater und Dienstleister im Rücken“. Nur 5,9 Prozent sagen: „Ja, Einzelverträge sind unbedingt abzuschließen.“ Allerdings befürchten lediglich 27,5 Prozent der Befragten, dass solche Verträge die flächendeckende Versorgung zerstören.
Auch in puncto Qualitätssicherung setzen die Ärzte auf die KVen: Sollte diese künftig statt durch die KV durch eine staatliche Institution abgewickelt werden, bedeutete dies nach Ansicht von 70 Prozent der Befragten das Ende der ärztlichen Therapiefreiheit. Mehr als die Hälfte (52,9 Prozent) befürchtet in einem solchen Fall einen Sieg der Ökonomie über die Medizin. Lediglich 11,5 Prozent der Ärzte erwarten dadurch eine objektivere Prüfung der ambulanten ärztlichen Leistungen, und vier Prozent glauben, dass Patienteninteressen stärker berücksichtigt würden.
Immerhin die Hälfte der Ärzte sähe es außerdem gerne, wenn die Abrechnung ihrer ärztlichen Leistungen Sache der KVen bliebe. 22 Prozent glauben, dass alle anderen Varianten teurer wären. Nur knapp ein Drittel der Befragten (32,3 Prozent) kann sich vorstellen, dass private Abrechnungsstellen die Abrechnung effektiver vornehmen. Die wenigsten (11,8 Prozent) setzen in Fragen einer effektiven Abrechnung ärztlicher Leistungen auf die Krankenkassen.
Ihre Zusammenarbeit untereinander bewerten die Ärzte differenziert: 53,4 Prozent beurteilen die Zusammenarbeit von Haus- und Fachärzten als gut und 59,6 Prozent die von Niedergelassenen und Krankenhausärzten. Eine Erklärung für diese relativ niedrigen Werte dürfte die Budgetverteilung zwischen Fachärzten, Hausärzten und Krankenhausärzten liefern: 74,7 Prozent der Befragten halten diese für nicht gerecht. Gute Noten vergeben die Ärzte hingegen an die in Eigenregie betriebenen Qualitätszirkel. 71,5 Prozent sind der Meinung, dass damit die Versorgungsqualität erhöht wird.
Ungeachtet der politischen Diskussionen um Defizite im Gesundheitswesen halten 92 Prozent der Ärztinnen und Ärzte das Verhältnis zu ihren Patienten für gut beziehungsweise sehr gut. Das mag einer der Gründe dafür sein, dass trotz der gegenwärtigen Arbeitsbedingungen knapp zwei Drittel der Befragten sich noch einmal für den Arztberuf entscheiden würden. Heike Korzilius

* Dem Projektteam gehören an: Priv.-Doz. Dr. med. Axel Wellmann, Institut für Pathologie, Universitätsklinikum Bonn; Dr. med. Volker Rohde, Klinik und Poliklinik für Urologie und Kinderurologie, Justus-Liebig-Universität Gießen, und Beate Bestmann, M.A., Referenzzentrum Lebensqualität in der Onkologie, Klinik für Allgemeine Chirurgie und Thoraxchirurgie, Kiel. Die Durchführung lag bei der Stabsstelle Marktforschung des Deutschen Ärzte-Verlags (Gabriele Reinhart).

Bei der Umfrage des Deutschen Ärzteblattes, die im Einvernehmen mit den Herausgebern durchgeführt wurde, sind aus der Grundgesamtheit aller berufstätigen Ärztinnen und Ärzte in der stationären und ambulanten Versorgung 7 000 Ärztinnen und Ärzte nach dem Zufallsprinzip ausgewählt worden. Die Aussendung erfolgte am 17. Februar 2003. Bis zum Erfassungsstichtag am 20. März 2003 gingen 2 165 Rückläufe ein, was einer Rücklaufquote von 31 Prozent entspricht. Die dargestellten Ergebnisse basieren auf den Zielgruppengrößen n = 1 094 für die Krankenhausärzte und n = 1 071 für die niedergelassenen Ärzte. Die Erhebung umfasste neben Fragen zur aktuellen Reformdiskussion unter anderem die Bereiche: beruflicher Hintergrund, Fortbildung, Weiterbildung, wissenschaftliche Tätigkeiten, allgemeine Lebenszufriedenheit. Über die Ergebnisse der Gesamtumfrage wird das Deutsche Ärzteblatt detailliert berichten.
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