ArchivDeutsches Ärzteblatt21/2003Tumorzentren: „Unverzichtbar“

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Tumorzentren: „Unverzichtbar“

Dtsch Arztebl 2003; 100(21): A-1418 / B-1181 / C-1108

Merten, Martina

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LNSLNS Ziel der mehr als 40 Tumorzentren in Deutschland ist es, die Dokumentation stärker in den Behandlungsabauf des Arztes zu integrieren. Doch es gibt noch Hindernisse.
Als „unbewegliche Tanker ohne Zukunft“ hatte der damalige Präsident der Deutschen Krebsgesellschaft (DKG), Prof. Dr. med. Lothar Weißbach, die Tumorzentren auf dem 24. Krebskongress der DKG im März 2000 bezeichnet. Strukturen, Aktivität und Effizienz der Zentren seien zu unterschiedlich, lautete seine Begründung, eine Evaluation deshalb dringend erforderlich. Der Vorschlag wurde kurz darauf von der DKG, der Deutschen Krebshilfe (DKH) und der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Tumorzentren (ADT) aufgegriffen. Seit knapp zwei Jahren berät nun eine gemeinsame Arbeitsgruppe über ein Instrumentarium, das die Vorgehensweise der Zentren transparent machen soll. Ende letzten Monats berieten DKH, DKG und ADT bereits darüber, wie die Ergebnisse der Arbeitsgruppe vertraglich festgeschrieben werden könnten. Trotz der Einsicht der drei Partner in die Notwendigkeit einer Evaluation halten sie die Aussage Weißbachs für voreilig. Prof. Dr. Günter Schott, Vorsitzender der ADT, geht noch einen Schritt weiter: Für ihn sind die Weißbach-Vorwürfe „eine Verunglimpfung der Leistungen guter Tumorzentren“. Schließlich, so Schott, sei die Entwicklung der Zentren auf dem besten Weg.
Dieser Überzeugung waren auch die Mitarbeiter vieler Tumorzentren auf der Konferenz „Krebsregister und vernetzte Strukturen in der Onkologischen Betreuung“ Anfang April in Regensburg. Die breite Nutzung des Gießener Tumordokumentationssystems (GTDS) machte deutlich, dass vor allem bezüglich der elektronischen Dokumentation von Behandlungsverläufen große Fortschritte erzielt wurden. Eine Arbeitsgruppe zur Koordination klinischer Krebsregister, angesiedelt am Institut für Medizinische Informatik der Justus-Liebig-Universität Gießen, entwickelte das GTDS bereits 1991. Ihr Ziel war, eine einheitliche Software für Klinische Krebsregister bereitzustellen, damit Dokumentationen künftig noch stärker in Behandlungsabläufe integriert werden können. Nachdem das System zunächst nur in den neuen Bundesländern angewandt wurde, nutzen es heute rund 70 Prozent aller Tumorzentren. Es finanziert sich über Wartungsverträge.
Dr. med. Udo Altmann, Mitarbeiter am Institut für Medizinische Informatik und innerhalb der dortigen Arbeitsgruppe zur Koordination Klinischer Krebsregister schwerpunktmäßig mit GTDS beschäftigt, ist vor allem von der umfassenden Funktionalität des Dokumentationssystems überzeugt: So wurden Funktionen zur Verbesserung der Kommunikation und der Planung medizinischer Maßnahmen wie Protokolle interdisziplinärer onkologischer Konsile und Arztentlassungsbriefe erstellt, damit die erhobenen Daten zur Unterstützung der Behandlung verwendet werden können. „Dadurch“, so Prof. Dr. Joachim Dudeck, bis 2001 Leiter des Gießener Instituts für Medizinische Informatik, gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt, „sind die Dokumentationszentren keine bloßen Datenleichen mehr.“ Darüber hinaus ist das System so gestaltet, dass nachträgliche Anpassungen in Fällen, in denen der Arzt von einer vorgesehenen Maßnahme abweicht, noch möglich sind. Nicht zuletzt ist GTDS gut zugänglich, weil alle Daten bei entsprechender Berechtigung online zur Verfügung stehen und anderswo erfasste Patientendaten über Schnittstellen leicht zu übernehmen sind.
Die Tumordokumentation zählt neben der Organisation von Fortbildungsveranstaltungen und Konferenzen, der Erstellung von Leitlinien und der Arbeit in themenbezogenen Projektgruppen zu den Hauptaufgaben der rund 40 Zentren in Deutschland. Nach Ansicht von Altmann und Dudeck sind die Zentren und deren Dokumentation „unverzichtbar“, da sie der interdisziplinären Kooperation dienten und geeignetes Instrument zur Informationsverteilung seien.
Ein Beispiel für den erfolgreichen Einsatz des GTDS ist die „Online-Dokumentation“ von interdisziplinären Tumorkonferenzen am Tumorzentrum Augsburg. Bis zum Einsatz von GTDS waren es immer die gleichen Probleme, die die Konferenzen ineffizient machten: Zum einen funktionierte der Informationsfluss an Ärzte, die während der Konferenz nicht anwesend waren, nicht. Zum anderen wurde nicht überprüft, ob Ärzte Entscheidungen, die während der Konferenzen getroffen worden waren, auch wirklich umsetzten. Seit November 2002 werden Daten zu Diagnosen oder bereits durchgeführter Therapien sowie die Fragestellungen via Intranet an das Augsburger Tumorregister übermittelt. Dort trägt man im Anschluss die Freitextangaben in die entsprechenden Felder der Konsil-Tabelle des GTDS ein. Während der Tumorkonferenz sind die Daten für alle Teilnehmer sichtbar, und die Entscheidung über das weitere therapeutische Vorgehen wird dokumentiert. Die Umsetzung der getroffenen Maßnahmen ist im Anschluss der Dokumentation im GTDS überprüfbar. Vorteil der Online-Dokumentation, so Dr. med. Gerhard Schenkirsch vom Augsburger Tumorzentrum, sei vor allem die zeitnahe Datenerfassung im Tumorregister, was die Qualität der Dokumentation des Krebsregisters und die Behandlung des Patienten verbessere.
Am Tumorzentrum Erfurt ergaben sich bei der eindeutigen Festlegung von Patientendaten, wie zum Beispiel Diagnosedatum, Stadium und Therapieart, trotz Basisdokumentation und GTDS häufig große Schwierigkeiten. Variationen in der Dokumentation, die entweder aus dem zu großen Ermessensspielraum der Dokumentierenden oder den differierenden Angaben verschiedener Melder zum selben Fall resultierten, erschwerten die Auswertungen. Die Folge war, dass das Tumorzentrum das Vorgehen bei bestimmten, häufig auftretenden Dokumentationsproblemen standardisierte. Es wurden so genannte Standard Operating Procedures (SOPs) erarbeitet, nach denen seit 1999 dokumentiert wird. Nicht nur die Qualität der Dokumentation verbesserte sich aufgrund der einheitlichen, klaren Struktur und Übersichtlichkeit, sondern auch der Zeitaufwand für die Dokumentation sank, so Dr. med. Paul Strecker vom Erfurter Tumorzentrum.
Trotz verbesserter Dokumentationsstrukturen sieht Altmann für die Zukunft noch großen Handlungsbedarf, weil die Systeme an vielen Stellen noch nicht „intelligent genug seien“. Hinderlich für den Ausbau der Dokumentation seien allerdings die gesetzlichen Hindernisse durch den Datenschutz ebenso wie der Aufwand, der den Ärzten durch die Aufklärung ihrer Patienten über die Speicherung der Daten in Registern entstehe: „Zusätzlich zur Aufklärung über die Erkrankung ist die Aufklärung der Patienten über die Register in der täglichen Praxis schwer zu organisieren“, so Altmann. Gesetzliche Maßnahmen, durch die der Patient pauschal im Rahmen des Behandlungsvertrages die erforderliche Zustimmung zur Weitergabe seiner Krankendaten erteilt, könnten nach Auffassung Altmanns die Kooperation vieler Ärzte mit Registern erleichtern. Nicht zuletzt mangele der Ausbau der Tumordokumentation aber auch an finanziellen Ressourcen. Martina Merten

Ausgewählte Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Tumorzentren (ADT) mit Telefonnumern:
Tumorzentrum Berlin e.V.
(0 30/2 85 38 90)
Tumorzentrum Bonn e.V.
(02 28/2 87 53 93)
Tumorzentrum Dresden e.V.
(03 51/3 17 73 02)
Tumorzentrum Erfurt e.V.
(03 61/7 81 48 02)
Tumorzentrum Erlangen-Nürnberg
(0 91 31/8 53 92 90)
Westdeutsches Tumorzentrum Essen e.V.
(02 01/7 23 11 00)
Tumorzentrum Freiburg
(07 61/2 70 33 02)
Tumorzentrum Köln
(02 21/4 78 44 00)
Tumorzentrum Land Brandenburg e.V.
(03 35/5 48 27 60)
Tumorzentrum Leipzig e.V.
(03 41/97 11 61 40/41)
TZ Magdeburg/Sachsen-Anhalt e.V.
(03 91/671 57 91)
Tumorzentrum Marburg
(0 64 21/2 86 62 72/3)
Tumorzentrum München
(0 89/51 60 22 38)

Internet-Links zum Thema Krebs und Tumordokumentation:
http://www.tumorzentren.de
(Arbeitsgemeinschaft Deutscher Tumorzentren e.V.)
http://www.krebshilfe.de
(Deutsche Krebshilfe e.V.)
http://www.krebsgesellschaft.de
(Deutsche Krebsgesellschaft e.V.)
http://www.dkfz.de
(Deutsches Krebsforschungszentrum, Heidelberg)
http://www.gtds.de
(Gießener Dokumentationssystem einschließlich Literaturverzeichnis)
http://www.akkk.de
(Arbeitsgruppe zur Koordination Klinischer Krebsregister – mit Information zur Tumordokumentation)
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