ArchivDeutsches Ärzteblatt21/2003VON SCHRÄG UNTEN: Ärzteklon

THEMEN DER ZEIT

VON SCHRÄG UNTEN: Ärzteklon

Dtsch Arztebl 2003; 100(21): A-1419 / B-1182 / C-1109

Böhmeke, Thomas

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Abseits der Trübsal progredienter Arbeitslosigkeit und kachektischer Wirtschaftsdaten gab es wieder eine gute Meldung: 99,9 Prozent des menschlichen Genoms sind entschlüsselt. Nun sind wir auf dem Gipfel des Wissens über uns selbst angekommen und können im Buch des Lebens lesen. Ob das Verständnis dafür reicht, ist eine andere Frage und sei (insbesondere) an dieser Stelle nicht diskutiert. Ein anderer Punkt ist ungleich interessanter: Genau wie Sie habe ich mir die Frage gestellt, was es mit diesen rätselhaften 0,1 Prozent auf sich hat, die sich beharrlich dem sezierenden Zugriff entziehen. Ich hege einen Verdacht: Die 99,9 Prozent sind vom Menschen, die 0,1 Prozent vom Arzt. Dieses Gen ist offensichtlich so schwer zu entziffern, weil sich im Laufe der Jahrtausende bestimmte ärztliche Eigenschaften in das menschliche Erbgut hineingemendelt haben, die nicht mehr in die Logik der Phosphate, Ribosen und stickstoffhaltigen Basen passen. So finden Sie bei keiner anderen tagaktiven Spezies die Eigenschaft, nach 32 Stunden ununterbrochenen Stationsdienstes mit simulierter Vigilanz noch Blinddärme zu bergen oder Gallengänge zu sondieren. Nirgendwo sonst treffen Sie ein der Sprache mächtiges Wesen, das es fertig bringt, über Jahrzehnte hinweg das Wehklagen der anderen mit schier endloser Geduld anzuhören. Im krassen Gegensatz dazu ist die mathematische Begabung derart unterentwickelt, dass es möglich ist, sich für den Job eines leitenden Notarztes mit ein paar Cent pro Stunde abspeisen zu lassen. Gibt es irgendwo noch Wesen in dieser Galaxie, die ihre besten Jahrzehnte damit verbringen, mit unendlicher Beharrlichkeit allem nachzuspüren, was sauer aufstößt, Schmerz bereitet, dick oder dünn werden lässt? Es ist dieses ärztliche Gen, das Müdigkeit eliminiert, Gehaltsvorstellungen minimiert und Urlaubswünsche eradiziert.
Da heutzutage die Krankenhäuser kaum noch Ärzte finden, die ohne Murren bereit sind, das ganze Wochenende hindurch zu arbeiten, wird es aber höchste Zeit, dieses Gen zu analysieren und zu reproduzieren. Wir haben keine Zeit mehr, die Evolution in bedachtsamen Schritten multiresistente Ärzte formen zu lassen, die refraktär gegenüber Müdigkeit sind, taub für leistungsgerechte Bezahlung und blind gegenüber Ausbeutung. In unser aller Interesse muss sofort der Ärzteklon geschaffen werden! Dann haben die Patienten wieder Doktoren, die sieben Tage die Woche rund um die Uhr zur Verfügung stehen, fernab jedes selbstsüchtigen Gedankens an Freizeit und Familie. Nicht nur die medizinische Versorgung, sondern auch die Renten wären gesichert. Weil diese Klone nämlich frühzeitig sterben, lange vor Erreichen des Rentenalters. Wie das Klonschaf Dolly. Dr. med. Thomas Böhmeke
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