ArchivDeutsches Ärzteblatt21/2003Russland: Die etwas andere Revolution

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Russland: Die etwas andere Revolution

Dtsch Arztebl 2003; 100(21): A-1422 / B-1186 / C-1112

Kloiber, Otmar

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Der russische Vizeminister Vialkov (links), hier im Gespräch mit Bundesärztekammer- Präsident Hoppe, ist für die Entwicklung des Gesundheitswesens zuständig.
Der russische Vizeminister Vialkov (links), hier im Gespräch mit Bundes­ärzte­kammer- Präsident Hoppe, ist für die Entwicklung des Gesundheitswesens zuständig.
In Russland planen Ärzte und Regierung einen wichtigen Schritt zum Aufbau der Zivilgesellschaft: die Einrichtung einer ärztlichen Selbstverwaltung.
Moskau lässt mit seinen Straßen, in denen sich die Autos in sechs bis zehn Spuren durch die Häuserschluchten schlängeln, mit seinem permanenten Treiben, seinen phänomenalen Bauten und überdimensionalen Leuchtreklamen selbst London leicht provinziell aussehen. „Moskau ist nicht Russland“, wiederholt er immer wieder, so als wolle er seine Begleiter aus einer Illusion reißen. Dr. med. Anatol Resnikov ist ein Wanderer zwischen den Welten. Der Oberhausener Facharzt für Lungenheilkunde verließ vor 30 Jahren Russland mit seiner deutschen Frau. Nach Perestroika und Glasnost verbreitete er permanent den Gedanken der Selbstverwaltung in Russland. Für Resnikov, der inzwischen viel Zeit und Geld in die Arbeit mit den russischen Kollegen investiert hat, ist sein Engagement Ehrensache: Ein Umstand, den auch etliche skeptische Zeitgenossen inzwischen erkannt haben und ihm deshalb vertrauen. Als Kenner beider Systeme ist er ein Vermittler zwischen Ost und West, der die Zwischentöne kennt und weiß, was geht und was nicht.
Mit der Unterstützung des ärztlichen Geschäftsführers der Ärztekammer Nordrhein, Dr. med. Robert Schäfer, half er in den letzten Jahren, eine erste regionale Ärztekammer in der Großstadt Twer nördlich von Moskau zu gründen. Beim Lokaltermin in Twer werden dem Präsidenten der Bundes­ärzte­kammer, Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe, die ersten Räume der Ärztekammer gezeigt: drei Büros, ein Sozial- und ein Warteraum für Besucher. Alles im zweiten Stock einer Poliklinik. Die ersten Räume einer Ärztekammer in Russland überhaupt. Es riecht noch nach frischer Farbe, die Möbel sind noch nicht eingeräumt. Bescheidene Anfänge, aber Resnikov weiß, es ist allemal besser, klein anzufangen als groß zu scheitern. Ein Lächeln steht auf seinem Gesicht. Andere Regionen haben schon bei ihm nachgefragt, sind an dem Modell Twer interessiert. In Twer sind die Umstände glücklich gewesen: eine engagierte Gruppe von Ärzten der medizinischen Fakultät, ein gescheiter Gouverneur, der die Kammer unterstützt, und Kritiker, die sich überzeugen ließen.
Zurück in Moskau, stehen Gesprächstermine mit dem Ministerium und dem russischen Ärzteverband auf der Tagesordnung. Resnikov hält sich im Hintergrund – es ist die Bühne der Offiziellen. Die seit zehn Jahren bestehende Kran­ken­ver­siche­rung hat noch nicht entscheidend zum Wandel des russischen Gesundheitssystems beigetragen. Vielmehr ist sie selbst Teil des staatlichen Gesundheitswesens, das nur so lange reibungslos funktionierte, wie die alten Kommandostrukturen bestanden und die Ansprüche der Bevölkerung auf einem niedrigen Niveau gehalten wurden. Mit der Demokratisierung und Öffnung Russlands waren die alten Kommandostrukturen jedoch nicht länger vereinbar, so wie sich die Ansprüche der Bevölkerung nicht länger mit Bildern von Militärparaden und Weltraumstationen befriedigen ließen.
Robert Schäfer (rechts), ärztlicher Geschäftsführer der Ärztekammer Nordrhein, im Gespräch mit den russischen Partnern Fotos: Otmar Kloiber
Robert Schäfer (rechts), ärztlicher Geschäftsführer der Ärztekammer Nordrhein, im Gespräch mit den russischen Partnern Fotos: Otmar Kloiber
Aber während mit der Verwestlichung der russischen Konsumwelt auch die Ansprüche der Bevölkerung an eine bessere Versorgung im Gesundheitswesen wuchsen, seien Eigeninitiative und Eigenverantwortung hinter der Entwicklung zurückgeblieben, klagt Prof. Anatoly Vialkov, erster Stellvertreter des russischen Ge­sund­heits­mi­nis­ters und damit im Rang eines Staatssekretärs. Im Ministerium, aber auch in der russischen Ärzteschaft ist man der Meinung, dass es nun an der Zeit ist, dem gesellschaftlichen Wandel Rechnung zu tragen, die Ärzte aus dem Staatsapparat herauszulösen und ihnen eine Selbstverwaltung zu geben.
Es geht nicht um die Gründung von Ärzteklubs
Vialkov und seine Kollegin Prof. Tatjana Stukolova haben in den letzten Jahren die Systeme der Selbstverwaltung in Europa studiert und sind zur Überzeugung gekommen, dass eine Selbstverwaltung der Ärzte in Anlehnung an die Ärztekammern den Anforderungen des russischen Gesundheitssystems am besten genügen könnte. Nach zahlreichen Kontakten mit der Bundes­ärzte­kammer und der Ärztekammer Nordrhein wurden auf verschiedenen Kongressen mit den russischen Ärzten die politischen Grundlagen für die Einrichtung einer Selbstverwaltung geschaffen.
Bundes­ärzte­kammerpräsident Hoppe reiste mehrfach nach Moskau, um den russischen Kollegen die Idee der Selbstverwaltung näher zu bringen. „Wenn man bedenkt, welche großen Veränderungen die russische Gesellschaft durchgemacht hat und dass die russischen Kollegen in ihren beruflichen Belangen bisher kaum etwas selbst entscheiden durften, und wenn man dann auch noch die extremen wirtschaftlichen Umstände berücksichtigt, unter denen unsere Kollegen in Russland arbeiten müssen, dann verlangt es unseren Respekt und unsere Unterstützung, wenn die russischen Ärzte nun auch noch ein großes Maß an Verantwortung übernehmen wollen“, stellt Hoppe fest. In Vorträgen zum Aufbau und zur Funktion von Ärztekammern, zur ärztlichen Ethik und wirtschaftlichen Steuerung des Gesundheitswesens hat er bei seinen russischen Kollegen in den letzten drei Jahren für den Aufbau der ärztlichen Selbstverwaltung geworben. Er folgt damit dem Beispiel seines Amtsvorgängers Karsten Vilmar, der ebenfalls nach der Auflösung der kommunistischen Regime für den Kammergedanken in Mittel- und Osteuropa geworben hatte.
Dabei geht es aber nicht um die Gründung von Ärzteklubs: „Selbstverwaltung ist mehr als Lobbyismus und Interessenvertretung. Es ist die Übernahme einer kollektiven Verantwortung für das Funktionieren des Gesundheitswesens – ein wichtiger Pfeiler im Gefüge einer Zivilgesellschaft.“ „Aber“, so Hoppe, „diese Verantwortung braucht eine Struktur und eine demokratische Verfassung – sie fällt nicht vom Himmel“, womit er die Einrichtung einer Ärztekammer meint.
Für Prof. Sarkissian und seine Mitstreiter im russischen Ärzteverband ist der Aufbau der Selbstverwaltung mittlerweile zum wichtigsten Anliegen geworden. Vorletztes Jahr hatte er zum ersten Mal damit Ernst gemacht: Auf dem 4. Pirogov-Kongress erklärte er den Delegierten, dass sie in Zukunft wesentliche Verantwortung für das Gesundheitswesen übernehmen sollten – in einer Ärztekammer, einer ärztlichen Selbstverwaltung. „Eine Ärztekammer – was ist denn das überhaupt?“ fragte einer der Delegierten, und ob sie nicht erst einmal über ihre seit Monaten ausstehenden Gehaltszahlungen sprechen sollten. Man sprach über beides – die Rolle der Ärzte im Gesundheitswesen und über ihre gerechte Bezahlung – und stellte am Ende fest, dass beides zusammenhängt.
Für mehr Gerechtigkeit im Gesundheitswesen
„Der Rest der Welt“, sinniert Resnikov, „würde sich unsere Problem wünschen.“ Er meint die Probleme im deutschen Gesundheitswesen. „Wenn die Leute in Russland hören, worüber wir uns streiten, können sie nur müde lächeln.“ Resnikov weiß, dass in der russischen Gesellschaftsentwicklung Sprengstoff steckt. Die Gesellschaft ist geteilt in eine kleine, extrem reiche Oberschicht und ein Volk, das selbst von einem bescheidenen Wohlstand noch weit entfernt ist. Und so wie die Gesellschaft geteilt ist, ist auch das Gesundheitswesen geteilt: Für wenige gibt es eine Luxusversorgung auf höchstem Niveau, für andere ist selbst das Notwendigste oft zu weit entfernt. „Eine ärztliche Selbstverwaltung wird nicht nur zu mehr Effizienz, sondern auch zu mehr Gerechtigkeit im Gesundheitswesen beitragen. Zum einen wird sie helfen, auf die völlig unzureichenden Ressourcen im Gesundheitswesen hinzuweisen, zum anderen wird sie ein Verantwortungsbewusstsein schaffen, das auf die Dauer hilft, zu einer gerechteren Verteilung der gesundheitlichen Güter zu kommen“, sagt Resnikov.
Gemeinsam mit den russischen Kollegen arbeitet er jetzt auf den Herbst zu. Im November wollen Ministerium und Ärzte die nationale Ärztekammer gründen. Für die meisten der mehr als 600 000 russischen Ärzte zwischen Kaliningrad und Wladiwostok wird dies zunächst eine kaum spürbare Veränderung sein, für einige ein Abschied aus dem Trott der staatlichen Lebensfürsorge und Kommandowirtschaft, für andere die Chance zu gestalten. Anatol Resnikov signalisiert Gelassenheit. Bis dahin wird noch einiges an Überzeugungsarbeit zu leisten sein. Und wenn man ihn genau beobachtet, erkennt man hin und wieder eine Spur von Ungeduld. Dr. med. Otmar Kloiber
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