ArchivDeutsches Ärzteblatt21/2003Medikamente: Zwei Seiten der Medaille
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LNSLNS Passenderweise diskutiert das Publikationsorgan der verfassten Ärzteschaft in der gleichen Ausgabe zwei Seiten der gesundheitsökonomischen Medaille. Unpassend allerdings die verschiedenen Zielrichtungen. Herr Prof. Weinhold meint, die Ärzteschaft muss die Leistungsverpflichtung der Ärzte und „das gesamte Leistungspotenzial der modernen Medizin“ angesichts der Patientenerwartungen verteidigen gegen ökonomische Rahmen der Gesetz- und Verordnungsgeber. Engagement der Ärzte habe die zeitlose Zielrichtung „Ethik statt Monetik“. Ein paar Seiten später wird Herr von Kraak-Blumenthal (Institut für Öffentliches Recht Bonn) konkret, wie das öffentliche Unrecht der Welt ausschaut: Das Leistungspotenzial moderner Medizin wird Ländern mit schwacher Ökonomie nicht gewährt, u. a. wegen Patentrechten; das regeln WTO-Bestimmungen. Sein Artikel weckt Verständnis für forschende Pharma-Firmen, deren Ethik monetisch bestimmt ist; sie forschen nur zu Krankheiten, wenn sie mit den Produkten Gewinn erzielen. Die Rentabilität der Aids-Forschung wiegt man an der „Bereitschaft der Nachfragenden, auch bei Armut notwendige Preise zu zahlen“. Was „notwendige Preise“ sind, legt der Markt fest, und da haben Anbieter und reicher Konsument mehr Macht als Tausende im Kongo. Also gilt Enthaarungs-Mitteln mehr Forscher-Interesse als Mitteln gegen Schlafkrankheit (vgl. Eflomithin). Oder im Ärzte-Alltag immer öfter: IGeL-Angebote werden forciert, Regelversorgung Kranker und Hinwirken auf möglichst viel Gesundheit der breiten Bevölkerung (soweit dies in Ärztehand liegt) ist ökonomisch ohne Reiz, da budgetiert. Dass Ärzte sich von der Ethik der übrigen Welt abisolieren und andersherum denken und handeln, hoffe ich mit Prof. Weinhold, aber konsequent sollte dann unser Stand, Rudolf Virchow folgend, Solidarität für Schwache einfordern und kritisch-weitsichtig nicht nur dem Gesetzgeber die Schuld an Budgets geben. In einer relativ reichen Gesellschaft, die sich tolle Autos, Reisen, Luxus leistet, sollten wir klar Partei ergreifen für Stützungsbedürftige, also für Umverteilung, und nicht für größtmögliche Gewinnmitnahmen larmoyanter, nimmersatter Shareholder. Aber eher geht wohl ein Kamel durchs Nadelöhr . . . Oder wir nehmen die andere Richtung: IGeL-Praxis nach Markt-Wünschen und Rendite, wenig Staat und keine Steuer(ung), freie Über- und Fehlversorgung (jeder von uns kennt Beispiele), Arme können unterversorgt früher sterben, denn die Stabilität der Lohnnebenkosten und Beitragssätze hat höheren Wert als ihr Lebensrecht. Warum gibt es Millionen von Euro für Pockenimpfstoff (ausgestorbene Krankheit), während wirksamere Tuberkulose-, Malaria-, Aids-Bekämpfung (Millionen Tote jährlich) unterbleiben? Unserer Welt täte mehr Verteilungsgerechtigkeit gut. „Dieses von allen Menschen von den Ärzten erwartete und geforderte Engagement zu fördern sollte zentrales Anliegen der Gesundheitspolitik sein“, um mit Weinhold zu schließen: ein Engagement nicht für etwas mehr Budget vom Gesetzgeber, sondern für mehr Ethik bei jeglichem wirtschaftlichen Handeln.
Dr. med. Thomas Bonin,
Büchelbach 18, 63599 Biebergemünd
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